Stand: 22.04.2015 09:00 Uhr  | Archiv

"Placebos ersetzen keine medizinische Behandlung"

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Zunächst im Studio, dann im Chat: Dr. Regine Klinger

Zahlreiche Studien haben es bewiesen: Scheinmedikamente und Scheintherapien wirken oft besser als tatsächliche Wirkstoffe. Vor allem in der Schmerztherapie werden solche Placebos inzwischen erfolgreich eingesetzt. Der Placebo-Effekt wirkt über die Psyche. Schon die Erwartung, ein Schmerzmittel zu bekommen, führt im Gehirn zur Bildung körpereigener, schmerzlindernder Opiate. Dabei kann die Wirkung auch dann noch anhalten, wenn der Patient nachträglich gesagt bekommt, dass er ein Placebo erhalten hat.

Dr. Regine Klinger von der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Universität Hamburg war am 21. April zu Gast im Visite Studio und danach im Chat. Das Protokoll zu Nachlesen.

Schmetterlinge: Schon längere Zeit habe ich Schmerzen (Ruhe- und Bewegungsschmerzen) wegen einer Gonarthrose (beide Knie Arthrose). Ich soll im Mai eine Vollprothese im rechten Knie bekommen. Ich habe wie zu einer anderen Person zu meinem rechten Knie gesagt: "Wenn Du weiter so wehtust, dann kommst Du unters Messer." Jetzt tut es nicht mehr weh. Habe ich da vor lauter Angst körpereigene Opiate gebildet?

Dr. Regine Klinger: Ja, das könnte sein. Wenn eine bestimmte Aufmerksamkeit sich auf ein Problem richtet, dann kann es auf jeden Fall zu einer Wahrnehmungsveränderung kommen. In Ihrem Falle hat eventuell eine gewisse sorgenvolle Grundhaltung eine Rolle gespielt. Aus Sorge vor einer Operation haben Sie sich vermutlich auf den positiven Zustand ohne Operation orientiert und dadurch kann es zu dieser Opiatausschüttung kommen.

Michelle: Hallo, ich fand den Beitrag über die Placebo-Wirkung hochinteressant. Erklärt sich so möglicherweise die Wirkung von Homöopathie? Und ließe sich, wenn die Forschungsergebnisse in der Praxis weit mehr berücksichtigt würden, nicht unheimlich viel Geld sparen in der Medizin?

Klinger: Durch die Placebo-Forschung wissen wir in der Tat, welche Mechanismen in der Homöopathie eine Rolle spiele, nämlich Erwartungs- und Lernprozesse. Das genau macht auch den Placebo-Effekt aus. Ziel ist es allerdings nicht, Medikamente durch Placebos zu ersetzen, sondern den Placebo-Effekt, der jedem Schmerzmedikament inne ist, zu stärken. Dadurch könnten eventuell Medikamente eingespart werden, insofern auch eventuell die Kosten reduziert werden.

visite_fan: Ist bei der Wirkung eines Placebos der Aspekt der Unwissenheit relevant?

Klinger: Das ist eine sehr interessante Frage. Der Placebo-Effekt tritt durch die Erwartungsmanipulation ein und hierbei wird bei dem Patienten eine bestimmte Erwartung, nämlich, dass es sich um ein richtiges Medikament handelt, aufgebaut. Es gibt aber auch mittlerweile Studien, die zeigen, dass sogar Placebos dann wirksam sind, wenn die entsprechende Person weiß, dass sie jetzt nur Placebos einnimmt.

Flohsamen: Ich habe große Angst, neue Medikamente einzunehmen. Ich warte immer darauf, dass die Dinge, die im Beipackzettel stehen, bei mir eintreten. Was kann ich tun?

Klinger: Am besten nicht den Beipackzettel lesen. Wenn das Medikament verschrieben wurde, sollten Sie besser auf die Information Ihres Arztes hören und mit ihm auch über mögliche Effekte sprechen. Er kann Ihnen Sicherheit geben, dass bei Ihnen die negativen Effekte nicht eintreten müssen.

steppel: Mein Freund denkt immer eher negativ: Wenn er zum Beispiel Kopfschmerzen hat, denkt er an einen Hirntumor. Sprich - bei allen "normalen" (Stress)-Symptomen nimmt er das Schlimmste an. Wie kann ich ihm helfen, dass eine positive Einstellung sein körperliches Empfinden auch verbessern kann? Davon bin ich nämlich auch überzeugt!

Klinger: Solche Ängste sind wirklich quälend. Ihr Freund wird sicherlich einen hohen Leidensdruck deswegen haben. Vermutlich wird es wichtig sein, dass er sich für dieses Problem professionelle Hilfe sucht. Dort könnten Sie dann auch mit in die Behandlung einbezogen werden.

Doromol: Mein Sohn ist elf Jahre und nimmt seit drei Jahren Medikamente gegen ADHS, seit einem halben Jahr nimmt er Ritalin-Retard-Kapseln, vorher hat er Strattera bekommen. Mit Ritalin geht es in der Schule jetzt besser als mit Strattera. Würde das auch mit Placebos funktionieren?

Klinger: Hierfür gibt es im Anwendungsbereich noch keine Forschung. Wichtig ist aber, dass das Ritalin unter Umständen auch zwei Komponenten hat, nämlich eine pharmakologische und eine psychologische Wirkkomponente. Sie sollten gemeinsam mit ihrem Sohn überlegen, wie er selber die Wirksamkeit des Medikamentes verstärken kann. Zum Beispiel, indem er vielleicht versucht sich besonders zu entspannen, wenn er dieses Medikament einnimmt und auch im Alltag versucht dem Medikament mit Entspannung zu helfen.

Dieses Thema im Programm:

Visite | 21.04.2015 | 20:15 Uhr

mit Video

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