Stand: 30.09.2014 20:15 Uhr  | Archiv

So kann Cannabis als Medizin helfen

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Tausende Schmerzpatienten in Deutschland nutzen Cannabis als Medizin. Allerdings zahlen die Krankenkassen die Kosten fast nie.

Tetrahydrocannabinol (THC) ist Hauptbestandteil von Cannabis. Es ist nicht nur ein Rauschmittel in Form von getrockneten Blüten (Marihuana) oder Harz (Haschisch), sondern auch ein sehr wirksames Medikament, das vor allem in der Schmerztherapie eine besondere Rolle spielt: Schmerztherapeuten verordnen Cannabis-Produkte wie die öligen Dronabinol-Tropfen chronisch kranken Patienten, die ihre gängigen Schmerzmittel nicht mehr vertragen

Vor allem spastische und neuropathische Schmerzen, die oft nach einer Strahlentherapie bei Krebspatienten auftreten, lassen sich damit häufig gut lindern. Dronabinol ist in Deutschland zwar legal, aber nicht als Arzneimittel zugelassen. Das bedeutet, dass die Krankenkassen die Kosten für die Therapie nicht erstatten. Viele Patienten können sich die teuren Tropfen daher nicht leisten und greifen stattdessen auf illegales Marihuana zurück.

Nur ein Arzneimittel erstattungsfähig

Während in den USA, England, Kanada, Israel, Spanien und den Niederlanden etliche Medikamente auf Cannabis-Basis zugelassen und somit erstattungsfähig sind, ist es in Deutschland bislang nur ein einziges Arzneimittel - und das ausschließlich für die Behandlung spastischer Lähmungen bei Multipler Sklerose. Das stößt bei Schmerzmedizinern auf Kritik, die in Cannabis-Präparate  vor allem für psychisch angegriffene Schmerzpatienten eine wertvolle Behandlungsoption sehen.

Körper produziert ähnliche Stoffe

Cannabis hat Vorteile, die andere Wirkstoffe nicht haben. Der Körper produziert selbst ganz ähnliche Stoffe: Sie heißen Endo-Cannabinoide und bieten Ansatzpunkte, an denen die zugeführten Cannabis-Wirkstoffe andocken können.

Der Rezeptor CB1 kommt im zentralen Nervensystem und vielen anderen Organen vor, lindert Angst, Stress, Unruhe und Schmerzen. Der Rezeptor CB2 sitzt in den Immunzellen von Lunge und Darm und wirkt antientzündlich. Bei manchen Menschen fehlen diese Rezeptoren allerdings - bei ihnen kann Cannabis diese medizinischen Wirkungen nicht entfalten.

Cannabis ist sehr teuer

In Ausnahmefällen können chronisch Kranke Cannabis-Blüten legal aus der Apotheke beziehen. Dafür benötigen sie eine Erlaubnis der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die nach ärztlicher Verordnung ausgestellt wird. Doch die Kosten für legales Cannabis (118 Euro für fünf Gramm) müssen die Betroffenen wie die Dronabinol-Tropfen selbst bezahlen, was sich nur wenige leisten können. Deshalb fordern Experten auch in Deutschland die Zulassung und Kostenübernahme von Cannabis-Medikamenten.

Interviewpartner im Beitrag:

Dr. Knud Gastmeier
Anästhesist
Karl-Marx-Straße 42
14482 Potsdam
Tel. (0331) 74 30 70
Fax (0331) 473 07 25
Internet: www.praxis-gastmeier.de

Prof. Dr. Matthias Karst
Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin
Interdisziplinäre Schmerzambulanz
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
Internet: www.mh-hannover.de/16644.html

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Visite | 30.09.2014 | 20:15 Uhr

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