Stand: 30.08.2016 16:03 Uhr

Anticholinerge Medikamente schaden dem Gehirn

Spürt man nach der Einnahme eines Arzneimittels eine Mundtrockenheit, hat das Medikament vermutlich eine anticholinerge Wirkung. Anticholinergika stecken in vielen Präparaten: Inkontinenz- und Beruhigungsmitteln, Neuroleptika, Antidepressiva, Tabletten gegen Übelkeit, Schmerzen oder Allergien. Der Nutzen dieser Wirkstoffe ist unbestritten.

Das Demenzrisiko steigt

Doch neue Studien zeigen, dass sie vor allem bei älteren Menschen zu Gedächtnisproblemen führen und das Demenzrisiko steigern können. Die langfristige Einnahme von Anticholinergika stört Nervenzellen und die Gedächtnisleistung wird dauerhaft eingeschränkt. Altersmediziner warnen deshalb vor der unbedachten Verschreibung dieser Medikamente. Derzeit nimmt jeder dritte Patient über 75 Anticholinergika ein und Gedächtnisprobleme werden allzu oft auf das Alter geschoben und ignoriert, statt einen Zusammenhang mit den Medikamenten zu überprüfen.

Unser Gehirn produziert einen wichtigen Nervenbotenstoff: das Acetylcholin. Es sorgt dafür, dass Nervenzellen miteinander sprechen, Impulse weitergeleitet werden. Anticholinergika verhindern, dass dieser Nervenbotenstoff andocken und seine Wirkung entfalten kann. Bei einigen Medikamenten, zum Beispiel gegen Parkinson und Inkontinenz, ist genau dieser Effekt auch beabsichtigt. Bei vielen anderen ist er aber eine lästige Nebenwirkung. Hinzu kommt, dass ältere Menschen durch eine nachlassende Nierenfunktion oft anfälliger für Nebenwirkungen sind. Deshalb muss mit zunehmendem Alter die Dosis vieler Medikamente reduziert werden, die man in jüngeren Jahren gut vertragen hat.

Wirkstoffe, die den Geist vernebeln

Je mehr anticholinerge Medikamente ein Mensch einnimmt, desto wahrscheinlicher kommt es zu einer Schädigung der Nerven. Ob ein Medikament eine anticholinerge Wirkung hat, zeigt ein Blick in die Auflistung der Nebenwirkungen im Beipackzettel: Sind hier Verstopfung, Mundtrockenheit, Probleme beim Wasserlassen, Sehstörungen aufgeführt, weist das auf einen anticholinergen Effekt hin. Wer solche Hinweise im Beipackzettel seiner Medikamente entdeckt, sollte seinen Arzt oder Apotheker dazu befragen. Eigenmächtig absetzen sollten Patienten ihre Medikamente generell nicht, aber sie sollten einen Überblick behalten, welche Medikamente sie einnehmen und wofür. Diese Liste sollten sie möglichst auch immer zu Arztbesuchen oder in die Apotheke mitnehmen. Und immer wieder sollte gemeinsam mit dem Hausarzt geprüft werden, ob Medikamente mittlerweile abgesetzt oder reduziert werden können, um unnötige Nebenwirkungen zu vermeiden.

Medikamente, die anticholinerge Wirkungen haben können
MedikamentWirkungWirkstoffe
Verschreibungspflichtig undGegen Unruhez.B. Atosil
anticholinerge HauptwirkungParkinsonmittelz.B. Benzatropin
Blasenmittelz.B. Oxybutynin
Verschreibungspflichtig undAntidepressivaTrizyklische Antidepressiva
anticholinerge NebenwirkungNeuroleptikaz.B. Clozapin
SchmerzmittelMorphin-Typ
BeruhigungsmittelBenzodiazepine
Rezeptfrei undGegen Übelkeitz.B. Dimenhydrinat
anticholinerge HauptwirkungGegen Bauchkrämpfez.B. Butylscopolamin
Rezeptfrei undGegen AllergieH1-Antihistaminika
anticholinerge NebenwirkungBeruhigungsmittelz.B. Diphenhydramin

Interviewpartner im Beitrag

Dr. rer. nat. Beate Wickop, Fachapothekerin für Klinische Pharmazie, Geriatrische Pharmazie
Klinikapotheke
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52, 20246 Hamburg
Internet: www.uke.de

Prof. Dr. Klaus Hager, Chefarzt
Dr. Olaf Krause, Oberarzt
Zentrum für Medizin im Alter
DIAKOVERE Henriettenstift
Schwemannstraße 19, 30559 Hannover
Tel. (0511) 289 32 23, Fax (0511) 289 30 04
Internet: www.diakovere.de/unternehmen-mehr/krankenhaeuser/henriettenstift/kliniken/geriatrie

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Radio-Visite | 30.08.2016 | 09:20 Uhr

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