Stand: 27.10.2014 12:07 Uhr

Alzheimer: Hilfe für pflegende Angehörige

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Die Pflege von Demenzkranken erfordert viel Kraft.

Mit 1,5 Millionen Patienten in Deutschland und 300.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Demenz eine Volkskrankheit. Mehr als 70 Prozent der erkrankten Menschen leben zu Hause und werden von Angehörigen, meist den Ehepartnern, versorgt und betreut. Doch das Leben mit einem Dementen ist eine enorme Herausforderung: Die Erkrankten leben in einer eigenen Welt, sie zu unterstützen und zu betreuen erfordert immense Kraft - oft so viel, dass pflegende Angehörige selbst krank werden. Um dies zu vermeiden, sollten sie sich frühzeitig Hilfe holen.

Gefahr der sozialen Isolation

Je weiter eine Demenz fortschreitet, umso schwieriger wird es für pflegende Angehörige, den Kontakt zu Freunden sowie Freizeitaktivitäten außer Haus aufrechtzuerhalten. Gemeinsame Aktivitäten sind zu Beginn der Krankheit oft noch möglich, werden im Laufe der Zeit aber immer schwieriger und hören schließlich ganz auf. Wenn sich der Alzheimer-Erkrankte bei fortgeschrittener Krankheit verändert, verwirrt oder misstrauisch wird, verheimlichen Angehörige das oft aus Scham. Stress, soziale Isolation und Aggression gegenüber dem Erkrankten können die Folge sein.

Der richtige Umgang mit dem Dementen bringt beiden Seiten Entlastung. Unter dem Ansatz der "Validation" versteht man eine wertschätzende Haltung, die auch für die Begleitung und Pflege von Menschen mit Demenz entwickelt wurde. Statt den Erkrankten zu drängen, wird er im aktuellen Sein und seinen aktuellen Befindlichkeiten akzeptiert und begleitet. Das bedeutet zum Beispiel, nicht auf einem Spaziergang zu bestehen, wenn der Betroffene nicht möchte - sondern sich lieber zu ihm zu setzen und ihn vielleicht an geliebte Dinge und Tätigkeiten aus seinem Leben zu erinnern: Musik hören, Kuchen backen oder Bilder ansehen.

Angehörige überfordern sich oft selbst

Kommt im weiteren Verlauf der Krankheit zu Verwirrung und Orientierungslosigkeit auch ein veränderter Tag-Nacht-Rhythmus hinzu, muss der Erkrankte rund um die Uhr betreut werden. Das ist für pflegende Angehörige kaum zu schaffen, trotzdem wollen viele die Pflege allein meistern. Doch wer nicht lernt, den Erkrankten auch loszulassen, gerät selbst in Not. Die Folge sind Schlafstörungen, Immunschwäche, sozialer Rückzug, Stress, Selbstvernachlässigung, Bluthochdruck, Zusammenbruch, Depressionen. Ein erster Schritt aus dieser Situation ist, sich zu öffnen und Kinder, Nachbarn und Freunde um Hilfe zu bitten - und sei es nur für eine kurze Betreuung des Erkrankten, um mal bei einem Spaziergang allein zu sein oder um sich in einer Selbsthilfegruppe mit anderen Angehörigen von Demenzkranken auszutauschen.

Stationäre Reha gibt neue Kraft

Eine weitere Möglichkeit ist ein Aufenthalt in einem Alzheimer-Therapiezentrum. Die stationäre Reha muss vom Hausarzt beantragt werden. Während der Therapie können Patient und Pflegeperson gemeinsam Kraft tanken: Während der Erkrankte in einer Pflegestation betreut wird, kann der Partner ausruhen, abschalten und eigene Bedürfnisse wieder wahrnehmen. In Schulungen lernen die Angehörigen, den Pflegealltag besser zu bewältigen. Sport, Kunst und Musik sowie verschiedene Entspannungsverfahren sorgen dafür, dass sie zur Ruhe kommen und wieder zu sich selbst finden. Die Angehörigen können die Erkrankten täglich in einem entspannten Rahmen treffen, entlastet von der Pflegeverantwortung.

Weitere Informationen

Chat-Protokoll: Alzheimer - Hilfe für Angehörige

Wie geht man mit Aggressionen von Alzheimer-Erkrankten um? Wann sollte man über ein Pflegeheim nachdenken? Der Psychiater Synan Al-Hashimy hat viele Fragen im Chat beantwortet. mehr

Erst während eines stationären Aufenthaltes gewinnen viele Angehörige die Kraft, sich für spätere ambulante Maßnahmen zu entscheiden, denn sie lernen, dass auch Fremde sich um den kranken Partner kümmern können. Das hilft auch, sich gegebenenfalls eines Tages leichter für eine Unterbringung in einem Pflegeheim zu entscheiden.

Links

Broschüre: "Wie geht es Ihnen eigentlich?"

Kostenlose Broschüre für pflegende Angehörige Demenzkranker zum Herunterladen (PDF). extern

Demenz: Infoblatt zum Umgang mit Schuldgefühlen

Angebot der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (PDF-Broschüre). extern

Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz

Informationen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen, Jugend. extern

Online-Beratung für pflegende Angehörige

Online-Beratung für pflegende Angehörige, die gesetzlich versichert sind. extern

Compass Private Pflegeberatung

Beratung für pflegende Angehörige, die privat versichert sind. extern

Gesundheitsministerium: Leben mit Demenz

Das Bundesministerium für Gesundheit informiert. extern

Interviewpartner

Im Studio:
Synan Al-Hashimy
Alzheimer Therapiezentrum Ratzeburg
Schmilauer Straße 108
23909 Ratzeburg
Tel. (04541) 13 34 50
E-Mail: info@atzrz.de
Internet: www.alzheimertherapiezentrum.de

Im Beitrag:
Dr. Ingo Kiliman
Neurologe
Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE)
Standort Rostock/Greifswald
Gehlsheimer Straße 20
18147 Rostock
Tel. (0381) 494 94 75
Internet: www.dzne.de/standorte/rostock-greifswald.html

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