Stand: 11.12.2015 06:50 Uhr

VW: "Gesetzliche und ethische Grenzen überschritten"

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Aufsichtsratschef Pötsch und Vorstandschef Müller beantworten auf einer PK Fragen zum Abgas-Skandal.

Erstmals seit Bekanntwerden des Abgas-Skandals bei Volkswagen haben sich am Donnerstag die obersten Chefs des Konzerns in Wolfsburg zu den Vorgängen geäußert. VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sprach von beispiellosen Monaten. "Niemand hätte sich vorstellen können, dass das Unternehmen in eine Situation geraten könnte, wie wir sie seit Ende September erleben", so Pötsch. Der Konzern sei in eine äußerst schwierige Lage gebracht worden. VW-Vorstandschef Matthias Müller sagte: "Wir werden nicht zulassen, dass uns diese Krise lähmt, wir nutzen sie als Katalysator für den Wandel, den Volkswagen braucht."

Drei Faktoren sollen für NOX-Thematik verantwortlich sein

Das Wichtigste sei nun, das Vertrauen in VW zurückzugewinnen, so Aufsichtsratschef Pötsch. Ein wichtiger Teil davon sei eine umfangreiche Aufklärung der Abgas-Thematik. Am Mittwoch habe man bereits mitteilen können, dass sich der Verdacht von Unregelmäßigkeiten bei der CO2-Zertifizierung nicht erhärtet hätte. Inzwischen lägen aber auch bei der Aufklärung der Stickstoff-Thematik bei Diesel-Motoren einige Ergebnisse vor. Die interne Revision von VW habe ergeben, dass die Manipulation der Software im EA 189 Motor wegen eines Zusammenspiels dreier Faktoren möglich war, so Pötsch:

  • Individuelles Fehlverhalten und persönliche Versäumnisse einzelner Mitarbeiter
  • Schwachstellen in einigen Prozessen
  • Haltung in einigen Teilbereichen des Unternehmens, Regelverstöße zu tolerieren

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Prüfungspraxis bei VW soll geändert werden

Als Konsequenz will VW nun unter anderem die Prüfungspraxis im Haus ändern. Emissionstests sollen künftig grundsätzlich extern und unabhängig überprüft werden. Zudem sollen stichprobenhaft sogenannte Real-Life-Tests zum Emissionsverhalten auf der Straße eingeführt werden. Auch personell habe man bereits einige Konsequenzen gezogen. Die Aufklärung der Schuldfrage werde jedoch noch einige Zeit dauern. Zum einen liege es an der riesigen Datenmenge, die gesichert und nun analysiert werden müsse, zum anderen gehe es bei der Aufklärung um Verantwortlichkeiten im juristischen Sinn. Die Erkenntnisse müssten daher nicht nur plausibel, sondern auch gerichtsfest sein. Neun möglicherweise an den Manipulationen beteiligte Personen seien bereits aus dem Management freigestellt worden.

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VW-Aufsichtsratsvorsitzender Pötsch und Vorstandschef Müller beantworteten auf einer Pressekonferenz in Wolfsburg erstmals Fragen zum Abgas-Skandal. Sehen Sie hier die PK in voller Länge. Video (120:34 min)

"Es war eine Fehlerkette"

"Was genau ist wann geschehen?" Das sei nun eine der wichtigsten Fragen bei der Aufklärung, so Pötsch. Es sehe bisher danach aus, dass es kein einmaliger Fehler, sondern eine Fehlerkette gewesen sei, die nicht durchbrochen wurde. Wie bereits vermutet gab der Konzern zu, dass der Ausgangspunkt die strategische Entscheidung war, in den USA eine große Dieseloffensive zu starten. Zunächst sei jedoch kein Weg gefunden worden, "um die strengen Stickoxid-Normen beim Motortyp EA 189 in den USA mit zulässigen Mitteln und im vorgegebenen Zeit- und Kostenrahmen zu erfüllen", heißt es in einer offiziellen VW-Mitteilung. So sei es zu dem Einbau der Software gekommen, die den Stickoxid-Ausstoß auf dem Prüfstand manipulierte. "Kein Geschäft rechtfertigt es, gesetzliche und ethische Grenzen zu überschreiten", sagte Pötsch.

Rückrufplan vorgestellt

2016 will VW nun die vorgeschlagenen Lösungen für die betroffenen Diesel-Motoren in die Fahrzeuge einbauen. Im Januar wird zunächst die meistverwendete Motorvariante 2,0 Liter TDI zurückgerufen, bei der ein Software-Update durchgeführt werden soll. Im zweiten Quartal startet dann der Rückruf des 1,2 Liter TDI, bei dem ebenfalls nur eine neue Software aufgespielt wird. Beim 1,6 Liter Motor muss ein Kunststofffilter eingebaut werden, diese Fahrzeuge sollen ab dem dritten Quartal zurückgerufen werden. Insgesamt werde sich die Aktion mindestens über das volle Kalenderjahr 2016 erstrecken. Vorstandschef Müller sagte, dass jeder Fahrzeug-Halter individuell von VW benachrichtigt werde, wann der betroffene Wagen das Update erhält. Der Umbau sei kostenlos, bei Bedarf stelle VW "eine angemessene Ersatzmobilität" zur Verfügung.

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Volkswagen wird neu ausgerichtet

"So ernst die Situation auch ist", so Müller, "dieses Unternehmen wird nicht daran zerbrechen." Neben der konkreten Bewältigung der Krise durch die Abgas-Problematik treibe VW eine umfassende Neuausrichtung des Konzerns voran. Müller sprach von einer neuen Bescheidenheit, ein werkseigener Airbus der VW-Flugbereitschaft werde verkauft, Messeauftritte sollen abgespeckt werden. Volkswagen werde künftig dezentraler geführt werden, Marken und Regionen sollen mehr Eigenständigkeit erhalten. Zudem hat die vom ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn vorangetriebene "Strategie 2018", an deren Ende VW als weltweit größter Autobauer stehen sollte, offenbar ausgedient. Zukunftsfragen sollen nun mit der neuen "Strategie 2025" beantwortet werden. Inhalte dieser Strategie sollen jedoch erst Mitte 2016 vorgestellt werden.

Ein Kunststoffgitter und ein bisschen Software

 

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