Stand: 16.08.2017 17:14 Uhr

Tierversuche - sinnvoll oder überholt?

Es ist das einzige Primatenzentrum Deutschlands. Im Kampf gegen Infektionen wie BSE und Aids, und für Fortschritte in der Genetik und der Hirn- und der Verhaltensforschung werden in dem Institut in Göttingen rund 1.400 Affen gehalten. Zum Teil werden sie im Institut selbst für Tierversuche eingesetzt, zum Teil auch für andere Institute bundesweit gezüchtet. Am Donnerstag wird das Deutsche Primatenzentrum 40 Jahre alt - Anlass für NDR.de, zum Thema Tierversuche die Positionen von Befürwortern und Gegnern dieser Versuche gegenüberzustellen. NDR Autorin Bärbel Wiethoff im Interview mit  Claus Kronaus, Geschäftsführer von Ärzte gegen Tierversuche, und Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) Göttingen.

Was passiert bei Tierversuchen?

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Für Claus Kronaus, Geschäftsführer gehören Tierversuche dringend abgeschafft.

Claus Kronaus, Geschäftsführer von Ärzte gegen Tierversuche:

Tierversuche werden für alles gemacht, womit der Mensch in Berührung kommt. Es geht los mit der Verhaltensforschung, das fällt dann auch noch unter Tierversuch. Aber es geht dann weiter mit Grausamkeiten bei der Infektionsforschung, der Hirnforschung: Wie reagiert das Tier auf Medikamente, auf chemische Substanzen? Diese Tierversuche werden auch seit einiger Zeit in Kategorien eingeteilt: in leicht, mittel und schwer. Das zeigt eben, dass die Bandbreite sehr groß ist, und was an dieser Stelle ganz wichtig ist: Es werden eben auch sehr unsinnige Tierversuche, wir sagen dazu Absurditäten, gemacht. Und für all dies wird eine Menge Geld verbrannt.

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Stefan Treue hält Tierversuche für nicht ersetzbar.

Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) Göttingen:

Der Tierversuch fängt ja schon mit einer Blutprobe an. Die allermeisten Tierversuche bewegen sich in diesem Rahmen, das heißt, es werden zum Beispiel Blutproben im Infektionsforschungsbereich entnommen oder wir trainieren Tiere auf bestimmte Aufgaben oder Tieren werden Gewebeproben entnommen. Aber natürlich gibt es auch Versuche, die invasiver sind, also gerade im Bereich der Hirnforschung erheben wir Daten aus dem Gehirn, das ist glücklicherweise schmerzfrei wie bei uns Menschen auch, deshalb kann das mit mittelstarken Belastungen für die Tiere durchgeführt werden.

Sind Tierversuche notwendig?

Kronaus, Ärzte gegen Tierversuche:

Aus unserer Sicht sind Tierversuche eindeutig nicht notwendig. Also in den letzten 40 Jahren sind mir am DPZ keine bahnbrechenden Erfolge bekannt. Und das spiegelt sich auch wider in zahlreichen Studien, die belegen, dass gerade im Bereich der Grundlagenforschung die sogenannte Humanrelevanz, also das, was bei uns Menschen ankommt, verschwindend gering ist. Das DPZ selber hat eine Studie zitiert, die auf lediglich 0,3 Prozent Humanrelevanz kommt, das heißt, 99,7 Prozent Fehler werden noch als akzeptabel angesehen, um Tierversuche weiter durchzuführen. Also aus unserer Sicht ist das viel zu gering. Unsere Wissenschaftler wollen eine höhere Erfolgsquote als 0,3 Prozent. Für uns ist der Tierversuch nicht übertragbar, er kann nicht die menschliche Reaktion vorhersagen und er ist eine große Gefahr. Angesichts der Möglichkeiten, die wir heute haben, ist der Tierversuch dringend abzuschaffen.

Treue, DPZ Göttingen:

Nur notwendige Tierversuche werden genehmigt. Wenn Sie verstehen wollen, wie ein komplexes Immunsystem funktioniert, wie also eine Erkrankung den ganzen Körper betrifft und nicht nur einzelne Zellen, dann können sie das nicht in einer Zellkultur machen. Wenn sie wissen wollen, wie das Gehirn Informationen verarbeitet, dann können sie zwar mit bildgebenden Verfahren einen Teil dieser Fragen beantworten, aber nicht alle. Wenn Studien von 0,3 Prozent Erfolgsquote sprechen, geht es um die Frage, ob ein einzelnes Forschungsprojekt eine Tablette zum Ergebnis hat oder einen Patienten heilt. Das ist natürlich in der Grundlagenforschung nie der Fall. Andere Studien müssen darauf aufbauen. Alle medizinischen Erkenntnisse von größerer Bedeutung beruhen auch auf Tierversuchen. Transplantationen sind nicht möglich ohne Erkenntnisse aus Tierversuchen darüber, wie der Körper reagiert. Impfstoffe sind normalerweise am Tier entwickelt, am Tier getestet und dann erst zum Menschen gebracht worden. Wenn sie die typischen Medikamente anschauen, die wir heutzutage benutzen, sind die alle unter Beteiligung von Tierversuchen entstanden.

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Wie werden Tierversuche kontrolliert?

Kronaus, Ärzte gegen Tierversuche:

Die Kontrolle von Tierversuchen ist in Deutschland ein sehr heikles Thema. Es gibt ein Rechtsgutachten, von den Grünen in Auftrag gegeben, das 18 Verstöße des deutschen Tierschutzgesetzes, das ja die Kontrolle regeln soll, gegen die EU-Tierversuchsrichtlinie belegt. Zwei ganz große Verstöße sind: In Deutschland gibt es noch eine Anzeigepflicht: Also Tierversuche werden dann durchgeführt, wenn sie lediglich angezeigt werden. Und wenn nach 20 Tagen kein Veto erfolgt, darf man damit beginnen. Das darf es nach EU-Vorschrift eigentlich gar nicht geben, und wir haben hier in Deutschland kein richtiges Genehmigungsverfahren. Einen formal korrekt gestellten Tierversuch muss die Behörde genehmigen, auch wenn ethische Gründe dagegen sprechen. Das führt dann zu Ablehnungsquoten von nur 0,3 Prozent in Niedersachsen, in Sachsen-Anhalt sind es null Prozent. Und das zeigt, dass das Tierschutzgesetz die Tierversuche lediglich verwaltet und nicht verhindert.

Treue, DPZ Göttingen:

Gerade Forschung an Primaten dürfen sie überhaupt nur durchführen, wenn sie von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung ist und wenn sie das an keiner anderen Tierart durchführen können. Keiner geht morgens ins Labor und beschließt, ich mach mal irgendeinen Versuch, sondern dem geht eine mehrjährige Planungs- und Beantragungsphase voraus. Und nur die Versuche, die von der Behörde genehmigt werden, dürfen auch durchgeführt werden. Wenn sie als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler eine Idee für ein Forschungsprojekt haben, dann müssen sie von der Idee bis zum Beginn der Umsetzung schon mehrere Jahre einplanen, sie müssen Forschungsmittel einwerben, ihren Antrag der Behörde vorlegen, die legt ihn wiederum einer Kommission vor, da kommen Rückfragen und Auflagen. Und wenn es irgendwann tatsächlich so weit ist, dass es genehmigt ist, dann werden sie weiterhin beobachtet. Es gibt unangekündigte Besuche des Kreisveterinärs, der Tierschutzbeauftragte schaut sich ständig ihre Versuche an, sie führen engmaschige Protokolle, also das Ganze wird extrem sorgfältig beobachtet. Von daher sehe ich da kein Defizit in der Überwachung von gesellschaftlicher oder behördlicher Seite.

Welche Alternativen gibt es?

Claus Kronaus, Ärzte gegen Tierversuche:

Das fängt an mit Organoiden, wie Mini-Brains, die ungefähr die Größe des Auges einer Stubenfliege haben, das sind kleine Mini-Organe, die zum Beispiel aus Hautzellen kranker Patienten generiert wurden. An diesen kann dann die tatsächliche Krankheit wie zum Beispiel Alzheimer erforscht werden. Da gibt es auch bereits ganz große Erfolge, zum Beispiel beim Zika-Virus und der Mikrozephalie. Der auslösende Virus führt zu Entwicklungsstörungen des Gehirns, und das hat man mit den Mini-Brains bereits erfolgreich erforscht. Das sind Dinge, die es meines Wissens am DPZ noch nie gegeben hat in 40 Jahren. Diese Organoide kann man dann auf einen Multi-Organ-Chip bringen, das Ziel ist, nächstes Jahr bis zu zehn oder mehr Organe auf diesen Chip zu bringen. Das ist ein System so groß wie ein Smartphone und daran kann man die Wechselwirkung von Substanzen testen. Also man kann sagen, das ist ein kleiner Mini-Mensch. Dann natürlich auch noch bildgebende Verfahren, die dreidimensionale Darstellung von Organen, während sie arbeiten. Die großen Vorteile der tierversuchsfreien Methoden sind deutlich geringere Kosten, eine deutlich geringere Dauer der Versuche und für uns Menschen ein deutlich geringeres Risiko. Gleichzeitig erhöhen sich unsere Möglichkeiten drastisch. Mit solchen Multi-Organ-Chips sind personalisierte Chips möglich, die auf die spezifische Krankheit eines Menschen eingestellt werden können. Und das Wichtigste: Diese Versuche sind höchst kontrollierbar, man kann die Effekte eingrenzen auf das, was man verändert. Das ist im Tier einfach nicht möglich.

Stefan Treue, Direktor des DPZ Göttingen:

"Organ on a Chip", das ist eine ganz sinnvolle Entwicklung. Es ist keine Alternative in dem Sinne, dass sie sagen: In ein paar Jahren haben wir einen ganzen Menschen auf einem Chip. Aber gerade, wenn es darum geht, die Wirkung einzelner Substanzen auf einzelne Zellgruppen zu testen, da kann so ein "Organ on a Chip" schon viel leisten. Aber wenn sie sagen, ich möchte tatsächlich einen lebenden Organismus in seiner ganzen Komplexität haben, weil das Medikament letztendlich im ganzen Körper zirkuliert, dann hat auch dieses Modell seine Grenzen, so wie alle Modelle. Und das ist genau das Wichtige in der Forschung: Sie müssen die Grenzen ihrer Modelle kennen. Deshalb brauchen wir in der Forschung ganz viele Modelle: Sie brauchen das Computermodell und die Zellkultur und den Tierversuch, damit die sich gemeinsam ergänzen und sie dadurch eine viel größere Gewissheit haben, als wenn sie sagen: Ich habe mir jetzt am Computer ein neues Medikament ausgedacht, in meinem Computermodell hat es ganz wunderbar funktioniert, und dann würden sie das in einem Patienten einsetzen, der möglicherweise daran stirbt, weil das Modell irgendetwas nicht vorher gesagt hat. Keiner von uns möchte Tierversuche durchführen. Und insofern sind Zellkulturen, Computermodelle und bildgebende Verfahren wunderbare Methoden, um nur dann einen Tierversuch zu machen, wenn es nicht anders geht.

In wie vielen Jahren kann komplett auf Tierversuche verzichtet werden?

Kronaus, Ärzte gegen Tierversuche:

Aus unserer Sicht sind Tierversuche sofort abzuschaffen. Man muss sicherlich unterscheiden, dass es Tierversuche gibt, weil ein Gesetz diese heute noch vorschreibt, dazu müssten dann die Gesetze geändert werden. Aber der weitaus größere Teil der Tierversuche - 60 Prozent anhand der Zahlen nach der Meldeverordnung - die können sofort abgeschafft werden. Das ist nämlich die Grundlagenforschung, da gibt es kein Gesetz, das Tierversuche in der Grundlagenforschung vorschreibt und dort kann man sofort mit den Tierversuchen aufhören. Die Niederlande machen es vor. Die Niederlande haben sich ein strategisches Ziel gesetzt und wollen bis zum Jahr 2025 weltweit die führende Nation werden in der Anwendung tierversuchsfreier Methoden. Heißt konkret, Multi-Organ-Chips, Mini-Brains - all das soll bis zum Jahr 2025 in den Niederlanden Standard sein. Ganz konkret soll auch die Giftigkeitsprüfung mit Tierversuchen der Vergangenheit angehören, also bis zum Jahre 2025 wird die Medikamentenentwicklung, die Chemikalientestung, all dieses wird ohne Tierversuche in den Niederlanden stattfinden. 

Treue, DPZ Göttingen:

An den letzten Tierversuch ist nicht in absehbarer Zukunft zu denken. In der Forschung werden ständig bestimmte Tierversuche ersetzt. Gerade in der Substanzprüfung, wo untersucht wird, wie eine einzelne Substanz auf einen einzelnen Zelltyp wirkt, hat sich sehr viel getan in den letzten Jahrzehnten. Viele Tausende Tiere brauchen wir heute nicht mehr, die früher dafür notwendig waren, solche Giftigkeitsprüfungen durchzuführen. Da ist auch noch viel Raum für weitere Verbesserungen. Aber wenn Sie mich nach dem letzten Tierversuch fragen, der notwendig ist, das wird Jahrzehnte dauern. Eine Reduzierung von Tierversuchen in einzelnen Bereichen wird es geben, das auf jeden Fall. In Holland hat eine Kommission einen Bericht erstellt, in dem es heißt, dass sie sich in bestimmten Bereichen der Tierversuchsforschung vorstellen könnten, dass die Niederlande dort relativ schnell aussteigen - also diese typischen Giftigkeitsprüfungen von Substanzen. Wenn die Niederländer das so durchsetzen, dann wird das einfach ins Ausland verlagert, dann profitieren die Niederlande davon, dass andere Länder diese Forschung machen, denn auf dem kurzen Zeithorizont ist das wissenschaftlich und regulatorisch nicht umzusetzen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.08.2017 | 08:00 Uhr

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