Stand: 10.02.2016 16:20 Uhr

Nur wenige Bestattungen im muslimischen Waschhaus

von Tino Nowitzki

Ruhe, Andacht, Schlichtheit: Umsäumt von Gräberreihen strahlt der rote Backstein-Bungalow alles andere als orientalische Verspieltheit aus. Und doch haben die Muslime in Braunschweig mit dem Gebäude auf dem Stadtfriedhof etwas nahezu Einmaliges: Ein eigenes Waschhaus, in dem sie ihre Toten nach den Regeln des Koran für die Bestattung vorbereiten können. Seit einem Jahr gibt es die Einrichtung nun - genutzt wurde das Waschhaus bislang aber kaum. So zählte die Stadt Braunschweig im vergangenen Jahr gerade drei Bestattungen. Erwartet hatte man ursprünglich 35. Deswegen will das Rathaus die Gebühren für rituelle Waschungen nun um mehr als die Hälfte senken - von 185 auf 70 Euro.

Alte Gewohnheiten müssen erst durchbrochen werden

Für Sadique Al-Mousllie von der Islamischen Gemeinschaft Braunschweig sind die Kosten aber nicht der einzige Grund, warum das 150.000 Euro teure Waschhaus bisher nur von wenigen Muslimen angenommen wurde. Alte Gewohnheiten spielten dabei auch eine Rolle oder Versicherungen bei anderen Bestattungsinstituten. Er findet trotzdem, dass man in Braunschweig auf einem guten Weg ist. Handzettel, die bei Freitagsgebeten verteilt werden, und Mundpropaganda sollen dafür sorgen, dass mehr Muslime von dem Waschhaus erfahren. Erste Erfolge seien schon sichtbar, sagt Al-Mousllie. So wisse er von zwei Waschungen allein im Januar. Auch die demografische Entwicklung arbeitet für das Waschhaus: Weil es immer mehr Muslime gibt, werde es hier zukünftig zwangsläufig mehr religiöse Waschungen geben. Gerade die zweite und dritte Generation Muslime wolle nach dem Tod nicht einfach irgendwohin transportiert werden: "Die sind hier zu Hause, in Braunschweig, in Deutschland", sagt Sadique Al-Mousllie.

Waschhaus ist das einzige seiner Art

Das Waschhaus ist nicht nur für Muslime da: Die Räume stehen grundsätzlich auch Christen, Juden oder Atheisten offen. Ist das Waschhaus auch ein Beispiel für Toleranz zwischen den Religionen? Anfeindungen oder giftige Blicke von Nicht-Muslimen habe es jedenfalls noch nicht gegeben, erzählt Al Mousllie: "Wir erfahren eher Hilfe und Mitgefühl." Genutzt wird das Waschhaus bisher dennoch vor allem für Bestattungen nach islamischer Tradition. Und weil es das einzige seiner Art Niedersachsen ist, kamen auch schon Gläubige aus Wolfenbüttel oder Salzgitter hierher, um ihren Angehörigen die letzte Ehre zu erweisen.

Ein Pfeil zeigt in Richtung Mekka

Im Zentrum des Waschhauses liegen zwei Räume. Einer, in dem sich die Angehörigen reinigen können und ein zweiter, in dem der Leichnam gewaschen wird. Der Tote wird auf einem sterilen Metalltisch von Kopf bis Fuß mit Leitungswasser gewaschen und anschließend getrocknet und in die traditionellen Leichentücher gewickelt. Ein Pfeil an der Decke dient der Orientierung, damit die Waschung, wie im Islam vorgeschrieben, in Richtung Mekka geschieht. Auch auf dem Gebetsplatz vor dem Waschhaus befindet sich ein Muster auf dem Boden in Richtung des heiligen Ortes.

Enge Zusammenarbeit mit islamischen Gemeinschaften

Die Detailgenauigkeit ist kein Zufall: Schon während der Planung des Waschhauses arbeitete die Stadt Braunschweig als Friedhofsbetreiber eng mit den islamischen Gemeinschaften Braunschweigs zusammen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Muslime in Braunschweig kaum Möglichkeit, ihre Toten nach den Regeln des Islam zu bestatten. Sie mussten die Waschung beispielsweise in Krankenhäusern vollziehen und mit bestimmten Bestattungs-Unternehmen zusammen arbeiten. "Das war teuer und oft waren die dann auch in anderen Städten", so Al-Mousllie. Die Toten mussten dann von Braunschweig nach Hannover transportiert werden, gewaschen und wieder zurückgeholt werden. Das ist durchaus problematisch. Schließlich schreibt der Koran vor, dass Tote innerhalb von 24 Stunden begraben und die Waschung in würdiger Atmosphäre stattfinden muss.

Weitere Informationen

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Auf dem Braunschweiger Stadtfriedhof haben Muslime jetzt die Möglichkeit, ihre Verstorbenen nach den Regeln ihres Glaubens für die Bestattung vorzubereiten. (10.02.2016) mehr