Stand: 14.10.2015 11:59 Uhr

Mönche unter der Mensa

von Wieland Gabcke

Dampfende Töpfe, Beschwerden über das Mensa-Essen, Musik, Walzer und Schauspiel: Die Alte Mensa in Göttingen war schon Studentenkantine, Tanzsaal und Theater - und dabei immer voller Lärm und Leben. Unbemerkt von den essenden, tanzenden, spielenden Menschen befand sich die ganze Zeit direkt unter ihnen ein Ort der absoluten Stille: Bettelmönche fanden dort im Mittelalter ihre letzte Ruhestätte. Wie Archäologen längst vermutet hatten, versteckte sich im Boden an der Alten Mensa ein Franziskaner-Friedhof. Bauarbeiter sind bei Sanierungsarbeiten in nicht einmal einem Meter Tiefe auf Knochenreste gestoßen - der Beginn einer spannenden Zeit für das Ausgrabungsteam der Universität.

Friedhof des Franziskaner-Ordens freigelegt

Untersuchungen können viel über die Toten verraten

"Wir haben den Friedhof des alten Franziskanerklosters gefunden", berichtet Archäologe Frank Wedekind. Er und sein Team graben im Hinterhof der Alten Mensa. Von 1268 bis 1533 stand das Kloster des Franziskaner-Ordens am heutigen Göttinger Wilhelmsplatz. Die bisher gefundenen rund 38 Skelette sind sehr gut erhalten. Stadtarchäologin Betty Arndt freut sich auf einzigartige Einblicke: "Die Anthropologen können herausfinden, welche Krankheiten, welches Alter, welches Geschlecht die Toten hatten", so Arndt. Die Archäologen kümmern sich derweil um die Frage, wie die Gräber im Verhältnis zum Kloster gelegen haben. "Wir wissen nicht, wie das Kloster ausgesehen hat, aber wir kennen den Grundriss", erklärt Arndt. Klar ist: In rund 300 Jahren können eine Menge Bettelmönche bestattet werden. Die bisher freigelegten Skelette dürften also nur die ersten von vielen sein.

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38 Skelette sind erst der Anfang

In Göttingen sind alte Skelette von Mönchen entdeckt worden. Sie wurden in mehreren Lagen übereinander bestattet. Archäologe Frank Wedekind rechnet mit vielen weiteren Funden. Video (00:41 min)

Bettelmönche, die barfuß liefen

Die Archäologen haben keinen Zweifel daran, dass es sich bei den Skeletten um Bettelmönche des Franziskaner-Ordens handelt. "Sie liegen mit dem Blick nach Osten, nach Jerusalem, so wie sich das für Christen sozusagen gehört", sagt Arndt. Die fehlenden Grabbeigaben passten zum bescheidenen Lebensstil der Franziskaner: "Es waren Bettelmönche, die barfuß gelaufen sind, daher heißt die Straße hier auch Barfüßerstraße", erläutert Wedekind. Wie alt die einzelnen Skelette sind, ob sie etwa aus dem 13. oder aus dem 16. Jahrhundert stammen, das kann das Ausgrabungsteam aber noch nicht sagen.