Stand: 08.10.2015 17:10 Uhr

Gewalt unter Flüchtlingen - Was entschärft die Lage?

von Oliver Weiße
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Nach den Gewaltausbrüchen in Flüchtlingslagern rät der Osnabrücker Migrationsforscher Andreas Ott zu einer Dezentralisierung der Flüchtlingsunterbringung.

Mehrfach ist es in den vergangenen Tagen in Flüchtlingsunterkünften zu gewaltsamen Auseinandersetzungen unter den Flüchtlingen gekommen - unter anderem in Braunschweig und Hamburg. Die Auslöser waren meist gering. Der Direktor des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Andreas Pott, sieht in den Gewaltausbrüchen ausdrücklich kein spezifisches Flüchtlingsproblem. Die Ursache sei vielmehr, dass viele Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht würden, sagt Pott im Gespräch mit NDR.de.

Traumatische Erfahrungen, Unsicherheit und Angst

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Schnellere Asylverfahren, dezentrale Unterbringung und die bessere Ausstattung von Aufnahmelagern - das sind laut Pott die Maßnahmen, die zur Entschärfung der Lage beitragen könnten. Massenschlägereien, ausgelöst durch einen Kuss oder den Diebstahl eines Handys, seien mit der momentanen Situation in den völlig überfüllten Flüchtlingslagern zu erklären. Die Konstellation aus überfüllten Lagern und Unsicherheit, Ängsten und Nöten bei den Flüchtlingen würde solche Ausbrüche befördern. "Da ist Druck im Kessel, wenn Menschen auf längere und unbestimmte Zeit zusammengepfercht werden." Zudem hätten manche Flüchtlinge traumatische Erfahrungen machen müssen, auch das trage zu solchen Konflikten bei.

Vorübergehende Gewaltphänomene "keine Frage des kulturellen Hintergrunds"

Eine Überraschung sind diese Konflikte für den Migrationsforscher und Sozialgeographen indes nicht. Vor allem junge Männer seien unabhängig von ihrer Herkunft gewaltbereiter als Frauen. Im Rahmen der derzeitigen Flüchtlingsbewegung kämen überwiegend junge Männer nach Deutschland. Sie hätten die besten Chancen, die Strapazen der Flucht zu überstehen. Die ungeklärte und anstrengende Situation in den Flüchtlingslagern erhöhe den Druck auf sie, das könne auch in Frust umschlagen. Das Phänomen sei aber grundsätzlich nicht neu, sagt Pott. Auch bei Kindern der ersten Gastarbeiter-Generation und der Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion seien vorübergehend Gewaltphänomene aufgrund von Frustrationen zu beobachten gewesen. Das sei aber keine Frage des kulturellen Hintergrundes, so Pott.

"Keine Trennung nach Religion"

Die Flüchtlinge seien nicht nur in einem fremden Land, auch untereinander seien sich die Menschen fremd. Wenn mehrere Hundert Personen längere Zeit auf engem Raum konzentriert würden, seien solche Situationen wie jetzt in Braunschweig nun einmal nicht unwahrscheinlich, betont Migrationsforscher Pott. Deshalb spricht er sich dafür aus, Flüchtlinge nicht massenhaft und monatelang in Erstaufnahmelagern unterzubringen. Eine Trennung nach religiösen Gruppen hält er ebenfalls für falsch. "Eine Trennung schafft erst weitere Probleme", sagt Pott und verweist dabei auf Stadtviertel, in denen Bevölkerungsgruppen abgesondert von anderen leben.

"Politik der Abschottung ist gescheitert"

Pott plädiert stattdessen dafür, den Flüchtlingen Angebote zu machen - auch religiöser Art, indem man sie beispielsweise in die jeweiligen Gemeinden hole. Die Abschottung in Lagern und deren räumliche Trennung von den Kommunen trage jedenfalls nicht zur Integration bei, so Pott. Von der Politik fordert der IMIS-Direktor einen Paradigmenwechsel. Adhoc-Entscheidungen müssten endlich von langfristigen Konzepten inklusive Gewaltpräventionsprojekten abgelöst werden: "Es muss in Bezug auf Migration endlich langfristig gedacht werden." Die Politik der Abschottung Europas und Deutschlands gegenüber der Einwanderung von Flüchtlingen sei gescheitert. Die gegenwärtige Offenheit und Hilfsbereitschaft großer Bevölkerungsteile seien beste Voraussetzungen für einen längst überfälligen Paradigmenwechsel. Zu einer modernen Migrations- und Flüchtlingspolitik gehöre nicht zuletzt die massive und frühe Investition in Sprachförderung und Integration durch Bildung. Dieser Prozess könne und müsse bereits in den Aufnahmeeinrichtungen unterstützt werden.

Neues Wir-Gefühl?

Als beispielhaft bewertet Pott den bisherigen Umgang der Zivilgesellschaft mit den Flüchtlingen. "Der direkte Kontakt zu den Flüchtlingen baut auf beiden Seiten Ängste und Vorurteile ab", so Pott. Gute Beispiele seien multikulturell geprägte Viertel in Großstädten, in denen Vielfalt heute normal sei. Die gemeinsame Erfahrung erfolgreicher Integration könne schließlich eine neue nationale Identität stiften, hofft Pott.

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NDR//Aktuell | 07.10.2015 | 15:00 Uhr