Stand: 23.02.2016 12:20 Uhr

Emssperrwerk arbeitet nicht wie erhofft

von Christina Gerlach

An der Ems ist alles im Fluss. Der Masterplan ist beschlossen, die Machbarkeitsstudien laufen. Wirtschaft, Politik und Umweltverbände haben gemeinsam den Rettungsanker geworfen, der die millionenschweren Strafzahlungen an die EU verhindern soll. Die drohen, wenn sich die Wasserqualität nicht deutlich verbessert: also weniger Schlick, mehr Sauerstoff. Theoretisch kann der Fluss nur gewinnen. Aber praktisch läuft es jetzt ein Jahr nach Verabschiedung des Masterplans immer noch nicht wie erhofft. Denn einer der Kernpunkte des Plans funktioniert nicht - der Einsatz des Emssperrwerks als Schlickbremse. Die offizielle Bezeichnung: Tidesteuerung. Vorgesehen war, künftig nur eines von den sieben Toren des Emssperrwerks bei Gandersum im Landkreis Leer zu öffnen, damit die Flut weniger Schlick in den Fluss trägt. Doch drei Versuche gingen schon schief. Der schmale Durchlass erzeugte eine reißende Strömung. Die verursachte Auskolkungen, spülte bis zu 14 Meter tiefe Löcher ins Flussbett, sodass der geplante vierte Versuch gar nicht mehr stattfand. Denn es gibt keinen Gutachter, der dabei für die Standfestigkeit des Sperrwerks garantiert.

Die Ems: lang und schmutzig

Simulation am Computer

Das bestätigt Ralf Kaiser, Ministerialrat im niedersächsischen Umweltministerium. Er bringt einen Umbau des Sperrwerks ins Gespräch, sodass es danach möglicherweise die Tidesteuerung unbeschadet übersteht. Aber er schränkt zugleich ein: "Das Ganze ist eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Die Frage ist, ob man das noch bezahlen kann. Das werden die Gutachten zeigen müssen." Weil die Natur offenbar nicht mitspielt, soll jetzt eine entsprechende Simulation am Computer durchgespielt werden. Das ist schon einmal schiefgegangen. Denn bereits vor dem Bau des Sperrwerks wurde berechnet, welchen Strömungsgeschwindigkeiten es überhaupt standhalten kann. Auch die Auswirkungen einer Schließung von sechs der sieben Tore waren damals untersucht worden. Fachleute kamen seinerzeit zu dem Ergebnis, dass das Sperrwerk dadurch nicht gefährdet wäre. Dann kam es doch anders. "Die Natur hat uns eines Besseren belehrt", resümierte Herma Heyken die Ergebnisse der realen Versuchsreihe. Sie ist Sprecherin des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), der das Sperrwerk betreibt. Hajo Rutenberg, grünes Kreistagsmitglied in Leer und Mitglied der Bürgerinitiative "Rettet die Ems", hält den Masterplan deshalb schon jetzt für gescheitert. "Viele Unwägbarkeiten und immens hohe Kosten, die auf das Land Niedersachsen zukommen", kritisiert er.

Polderflächen geplant

Weitere Informationen

Masterplan soll Wasserqualität der Ems verbessern

Naturschutzverbände und Meyer Werft haben in Hannover einen Plan zur Verbesserung der Wasserqualität der Ems unterzeichnet. Gelingt die Umsetzung nicht, droht eine Klage der EU. (27.01.2015) mehr

Auch die Landwirte entlang der Ems haben große Bedenken. Sie fürchten um ihre Felder. Denn zusätzlich werden 700 Hektar Fläche gebraucht, für Tidespeicher und Polder, weitere wichtige Bausteine des Masterplans. Riesige Flächen müssen ausgebaggert werden, damit der Fluss sich ausbreiten und mehr Sauerstoff aufnehmen kann. "Problematisch ist der hohe Schlick- und Salzgehalt, sodass wir davon ausgehen, dass der Polder erst vernünftig wirken kann, wenn das Schlickproblem der Ems gelöst ist", räumt Helmut Dieckschäfer vom NLWKN ein. Trotzdem sollen die Bagger demnächst unter anderem in Coldemüntje anrollen. Rund 30.000 Lkw-Fuhren sind nötig, um hier den Erdaushub abzutransportieren. Mit den Auflagen der EU hat das allerdings nichts zu tun, trotzdem sind rund viereinhalb Millionen Euro dafür veranschlagt. "Der Tidepolder ist nicht dazu da, die Wasserqualität der Ems zu verbessern, erklärt Dieckschäfer, "es geht da um naturschutzliche Dinge". Im Polder Coldemüntje sollen Fische angesiedelt werden, die sich früher mal in der Ems getummelt haben, beispielsweise die Finte. Für Beatrice Claus von der Umweltschutzorganisation WWF spielt das eine große Rolle. Der WWF hat den Masterplan mit verabschiedet, sitzt auch im sogenannten Lenkungskreis. Das Gremium empfiehlt alle notwendigen Schritte, um den Masterplan umzusetzen.

Kritik an der Meyer Werft

Neben den Umweltverbänden, Vertretern der Landesregierung, den Landkreisen Emsland und Leer ist auch die Papenburger Meyer Werft im Lenkungskreis. Das kritisiert Kreistagsmitglied Rutenberg. "Wie kann es sein, dass ein Privatunternehmer über die Umsetzung des Masterplans und damit über die Verwendung von Steuergeldern mitentscheidet?", fragt er. "Zumal die Meyer Werft Hauptverursacherin ist für den schlechten Zustand der Ems, wegen des Ausbaggerns für die Schiffsüberführungen." Während der Ems gerade sprichwörtlich die Luft ausgeht, bleibt dem Masterplan reichlich Zeit zum Durchatmen. Er muss erst bis zum Jahr 2050 umgesetzt sein. Dann können wahrscheinlich die meisten, die ihn jetzt entwickeln, nicht mehr in die Verantwortung genommen werden, sollte er tatsächlich scheitern.

Weitere Informationen

Erneut Streit um Masterplan Ems entbrannt

Mit dem Emssperrwerk in Gandersum steht und fällt der Masterplan Ems. Doch als Schlickbremse funktioniert es nicht wie erhofft. Nun geraten Befürworter und Gegner erneut aneinander. (03.02.2016) mehr