Stand: 16.09.2015 18:03 Uhr

Umweltschutz bei Ozeanriesen nur Re(e)derei?

von Inga Mathwig
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Die "Escape" ist nicht nur riesig, sondern laut NABU auch ein riesiger Umweltsünder.

326 mal 41 Meter Stahl und Leichtmetall, zusammengesetzt aus 70 Blöcken. Die "Norwegian Esape", die am Freitag ausdockt, ist ein Gigant. Wenn es nach Meinung des Naturschutzbundes (NABU) geht, aber auch ein gigantischer Umweltsünder: Für sein Kreuzfahrtranking 2015 hat der NABU die europäischen Kreuzfahrtschiffe, die bis 2020 noch vom Stapel laufen sollen, hinsichtlich eines umweltschonenden Antriebs und moderner Abgastechniken unter die Lupe genommen. Das Fazit: 16 der 28 untersuchten Schiffe fallen gnadenlos durch. Doch während die in Papenburg gebaute "Escape" der Reederei Norwegian Cruise Lines zu den Schlusslichtern zählt, stehen die neu geplanten Schiffe der Reedereien Costa und AIDA Cruises, die ebenfalls von der Meyer Werft gebaut werden, an der Spitze der Tabelle. Wie passt das zusammen? NDR.de hat nachgefragt.

Nur Scrubber-Einsatz ist die Regel

Zunächst lohnt ein Blick auf die Kriterien des Kreuzfahrtrankings, um zu verstehen, warum einige Ozeanriesen so schlecht abschneiden. Für die optimale Umweltverträglichkeit muss ein Schiff laut NABU vier Punkte erfüllen: einen Antrieb ohne Schweröl, Stickoxid-Katalysatoren, Partikelfilter und einen Landstromanschluss oder Flüssiggas-Antrieb. Einen halben Punkt gibt es von der NABU für den Einsatz von sogenannten Scrubbern, die den Schwefel aus den Abgasen filtern und ins Meer leiten. Die untersuchten Schiffe der Reedereien Norwegian Cruise Line und Royal Carribbean, die ihre Schiffe beide an der Papenburger Meyer Werft bauen lassen, fahren lediglich mit den Scrubbern - die übrigen Kriterien erfüllen sie nicht.

"Kunde hat letztes Wort"

Bei der Meyer Werft in Papenburg, so sagt es Pressesprecher Peter Hackmann, habe der Kunde das letzte Wort. Hier würden Aufträge umgesetzt und diese seien nun mal verschieden. Warum das so ist, dazu hat Malte Siegert, Pressesprecher der NABU, eine Vermutung: "Weil die Schiffe der AIDA für den deutschen Markt gebaut sind, und das Umweltbewusstsein bei den deutschen Kunden größer ist, wird hier die entsprechende Technik eingebaut. In den Ländern ist das Umweltbewusstsein weniger ausgeprägt, deswegen verzichten die Reedereien für den Markt auf die Umweltfreundlichkeit."

Reedereien: "Infrastruktur fehlt"

Für den internationalen Markt bauen lässt etwa die Reederei Royal Carribbean. Deren Pressesprecher Ulf Geisler nennt einen anderen Grund für die von der NABU beklagten Defizite: "Eine flächendeckende Versorgung mit Flüssiggas gibt es einfach nicht", so Geisler zu NDR.de. "Unsere Schiffe laufen im Jahr rund 280 verschiedene Häfen in 80 Ländern an." Genauso verhalte es sich mit dem Landstromanschluss, für den laut Geisler schlicht die Infrastruktur fehle. Eine finanzielle Frage sei das keineswegs, betonte der Sprecher. Er gehe davon aus, dass sich das auf Dauer ändere.

NABU: "Das Henne-Ei-Problem"

NABU-Sprecher Siegert räumt auf Nachfrage von NDR.de ein, dass es noch hapere an der Versorgung mit Flüssiggas und Landstromanschlüssen. "Das ist das sogenannte Henne-Ei-Probleme", sagt Siegert. Reedereien und Häfen erwarteten, dass der jeweils andere den ersten Schritt macht. "Aber einer muss ja schließlich anfangen." Damit angefangen hat offenbar AIDA, die für ihre brandneuen, für 2019 und 2020 geplanten Schiffe in puncto Umweltfreundlichkeit sämtliche NABU-Kriterien erfüllt. "Wir wollen aber auch sehen, dass es dann tatsächlich so gebaut wird", sagt Siegerts Kollege, Nabu-Sprecher Daniel Rieger. "Das sind jetzt erstmal Vorschusslorbeeren, die AIDA bekommt."

Alternativen sind teuer

Noch immer ist Schweröl konkurrenzlos billig. Wer es tankt, kann seine Reisen auch billiger anbieten. Der umweltschonendere Marine-Diesel ist rund ein Drittel teurer als Schweröl. Schiffe, die mit dem verflüssigten Erdgas angetrieben werden, kosten etwa 20 bis 30 Prozent mehr als herkömmliche Schiffe - unter anderem, weil zusätzliche Tanks eingebaut und Motoren nachgerüstet werden müssen. Fakt ist: Das Schweröl ist ein Abfallprodukt aus der Erdölraffinerien, die Abgase enthalten krebserregende Rußpartikel und einen hohen Schwefelgehalt. Nach einer Untersuchung der EU-Kommission sind die Emissionen der Kreuzfahrtriesen und der anderen Schiffe für 20 bis 30 Prozent aller Feinstäube an den Küstengebieten verantwortlich.

Neue Regelungen ab 2025

Spätestens in zehn Jahren wird sich aber etwas ändern müssen. Dann sollen nämlich die neuen Schadstoffgrenzwerte der International Maritime Organisation (IMO), einer Unterorganisation der Vereinten Nationen, die für internationale Vorschriften in der Seefahrt zuständig ist, in Kraft treten. Kreuzfahrtschiffe dürfen dann nicht mehr als 0,5 Prozent Schwefel im Treibstoff enthalten. Siegert ist zuversichtlich, dass alle Reedereien sukzessive auf das Flüssiggas umsteigen - und moniert zugleich: "eigentlich viel zu spät".

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