Stand: 03.11.2017 15:52 Uhr

Inspektion des havarierten Frachters läuft

Experten der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) haben am Freitagmittag in Wilhelmshaven mit der Inspektion des havarierten Frachters "Glory Amsterdam" begonnen. Wie Uwe Albers, der Leiter der Untersuchung, NDR.de mitteilte, sind zwei Nautiker, eine Schiffbetriebs-Ingenieurin und eine Technikerin an Bord gegangen. Sie sollen in erster Linie den Schiffsdatenschreiber, die sogenannte Blackbox, und Daten aus der Maschinenanlage auswerten. Auf der Blackbox werden unter anderem die Gespräche auf der Brücke sowie Geschwindigkeit und Position des Schiffes aufgezeichnet. Wenn möglich, soll zudem die Besatzung zum Hergang der Havarie befragt werden.

Untersuchungsbericht erst in einem Jahr

Für die Inspektion der "Glory Amsterdam" ist laut Albers zunächst nur ein Tag vorgesehen. In den kommenden Wochen sollen dann auch noch die Daten des Hochseeschleppers "Nordic" und die Protokolle des Havariekommandos ausgewertet werden. Während der laufenden Ermittlungen werden allerdings keine Ergebnisse bekanntgegeben. Dies sei aufgrund gesetzlicher Vorgaben nicht zulässig, sagte Albers. Erst nach Abschluss des Verfahrens in etwa einem Jahr werde ein Untersuchungsbericht veröffentlicht.

Seerechtliche Aufarbeitung liegt beim Bund

Parallel zu den Untersuchungen der BSU inspizieren Experten der Berufsgenossenschaft und einer sogenannten Klassifikationsgesellschaft die Tanks und den Rumpf des Schiffes. Die seerechtliche Aufarbeitung liegt nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Dabei geht es unter anderem um die Klärung von Kostenübernahmen und Versicherungsfragen.

Keine Zwischenfälle auf Schleppreise

Das Havariekommando hatte am Donnerstagabend nach der Ankunft des Frachters um 19.45 Uhr seinen fünftägigen Einsatz offiziell für beendet erklärt. Nach Angaben der Behörde verlief die Schleppreise der "Glory Amsterdam" vom Havarieort vor Langeoog nach Wilhelmshaven ohne Zwischenfälle. Insgesamt elf Schiffe, drei Hubschrauber und das Ölüberwachungsflugzeug des Havariekommandos begleiteten den Havaristen. Nach aktuellen Erkenntnissen soll das Schiff bis auf einen Defekt an der Ruderanlage keine strukturellen Schäden aufweisen. Auch Schadstoffaustritte hätten nicht festgestellt werden können. Die defekte Ruderanlage soll nach NDR Informationen voraussichtlich in einem Trockendock in Bremerhaven repariert werden.

"Glory Amsterdam": In sicheren Hafen geschleppt

Freischleppen verläuft planmäßig

Der Frachter war am Donnerstagmorgen von einer Sandbank vor der Insel Langeoog freigeschleppt worden. Die drei kleineren Hafenschlepper "Jade", "Bugsier 11" und "Multratug 4" zogen die "Glory Amsterdam" dann in Richtung Festland. Wegen der defekten Ruderanlage dauerte die Fahrt mehrere Stunden. Bereits nach dem Freischleppen um 7.15 Uhr hatten sich die Verantwortlichen zufrieden gezeigt: "Es ist alles nach Plan gelaufen", sagte Sprecher Michael Friedrich NDR.de. Am Mittwoch war zunächst mit Leinen eine Verbindung zwischen den Schleppern "Fairmont Summit" und "Union Manta" und dem Havaristen hergestellt worden. Danach hatte das Bergungsteam rund 16.000 Tonnen Ballastwasser abgepumpt. Auf diese Weise wurde der Tiefgang verringert, sodass das Schiff aufschwamm und ins Tiefwasser gezogen werden konnte. Die beiden Anker, die am Sonntag im Orkan nicht hielten, wurden vom Schiff getrennt und im Wasser zurückgelassen, um das Schleppmanöver nicht zu behindern.

Treibstoffe werden nicht abgepumpt

Die Bergungsspezialisten hatten sich dagegen entschieden, die rund 1.800 Tonnen Schweröl und 140 Tonnen Marinediesel vorsorglich aus den Treibstofftanks der "Glory Amsterdam" zu pumpen. "Das Schiff ist sicher und weist keine Risse auf", sagte Friedrich vor der Fahrt nach Wilhelmshaven. Zur Kontrolle begleitete ein Ölüberwachungsflugzeug den Havaristen. Auch während des Schleppvorgangs wurden keine Schadstoffaustritte festgestellt.

Wenzel fordert Untersuchung des Vorfalls

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Wie es zu dem Vorfall auf See gekommen ist, soll untersucht werden, fordert Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). Es müsse geklärt werden, warum der Frachter in Seenot geraten sei und wann die Ruderanlage tatsächlich ausgefallen sei, so Wenzel. Dabei müsse vor allem auch die Ausbildung des Kapitäns und der Mannschaft geprüft werden, die sich nicht in der Lage sah eine Schleppverbindung herzustellen. "Die Verkehrssicherheit auf See muss auf den Prüfstand, um weitreichende ökologische und ökonomische Schäden für die Inseln und die Küsten sicher vermeiden zu können", sagte Wenzel.

Erleichterung und Kritik beim Insel-Bürgermeister

Langeoogs Inselbürgermeister Uwe Garrels (parteilos) zeigte sich nach der erfolgreichen Bergung sehr erleichtert. Gleichzeitig erneuerte er aber auch seine Forderung, die Notfallkonzepte grundsätzlich zu überdenken. "Es kann nicht sein, dass ein unbeladener Frachter stundenlang auf die Küste zutreibt, ohne dass man ihn aufhalten kann", sagte er dem NDR Fernsehen. Im Laufe des Tages wollen sich die Bürgermeister aller ostfriesischen Inseln nach einem Treffen auf Borkum zu der Problematik äußern. Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace schloss sich der Kritik an. "Wir wundern uns natürlich, warum das Schiff 50 Kilometer durch die Deutsche Bucht irren konnte", so ein Sprecher.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 03.11.2017 | 08:00 Uhr

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