Stand: 22.03.2017 14:16 Uhr

Energie-Insel: Strom für Millionen Haushalte?

von Marc Wichert
Die Grafik zeigt die geplante Insel für die Verteilung von Windenergie aus der Nordsee. Naturschützer kritisieren das Projekt.

Noch ist sie offiziell nicht mehr als eine Vision, eine Insel in der Nordsee, künstlich aufgeschüttet: ein Drehkreuz für sauberen Strom Tausender Windräder. Doch beim Übertragungsnetzbetreiber TenneT ist man sich sicher: "Die Insel wird kommen." Donnerstag soll dafür in Brüssel ein Konsortium gegründet werden, mit im Boot ist das dänische Unternehmen Energinet.dk, weitere Partner würden gesucht, sagt Tennet-Sprecherin Ulrike Hörchens NDR.de. Den Plänen zufolge sollen auf der Insel - später vielleicht auch auf mehreren - mehrere Konverterstationen den Strom von bis zu 7.000 Windrädern umwandeln und an die Nordsee-Anrainer Großbritannien, Norwegen, Dänemark, die Niederlande und Belgien verteilen - in Deutschland käme etwa Emden in Frage. Mel Kroon, Vorstandsvorsitzender von TenneT, sagt: "Dieses Projekt kann erheblich zu einer vollständigen Versorgung mit erneuerbarer Energie in Nordwesteuropa beitragen", sprich: Strom für Hunderte Millionen Menschen liefern.

7.000 Windräder nötig für Auslastung

Die "Verteilkreuz-Insel", wie sie das Unternehmen nennt, soll auf der Dogger Bank, einer Sandbank 100 Kilometer östlich von England in der Nordsee gelegen, entstehen. Doch warum dieses Projekt, bei dem TenneT davon ausgeht, dass die Insel ohne Infrastruktur wie Gebäude bis zu 1,5 Milliarden Euro kosten könnte? Das auf Windräder angewiesen ist, die es in dieser Zahl noch gar nicht gibt und deren Bau die Bundesregierung fürs Erste in der Nordsee faktisch unmöglich macht? Sprecherin Hörchens verweist auf die europäischen Klimaschutzziele. Demnach bleibe gar nichts anderes übrig, als verstärkt auf erneuerbare Energien zu setzen, wenn die CO2-Emissionen bis 2050 wie geplant verringert werden sollen. Also müssen demnach auch neue Windräder gebaut werden. 7.000 wären nötig, um die Energie-Insel auszulasten.

"Unheimlich chaotisch"

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) hält eine solcherart gedachte Energie-Insel für überdimensioniert. "Die Industrialisierung des Meeres ist nicht das, was wir favorisieren", sagt Marita Wuttke, Leiterin Naturschutz und Umweltpolitik beim niedersächsischen Landesverband. Sinnvoller wäre ein dezentraler Ausbau der Leitungsnetze mit Solarenergie als Stromlieferant. Insgesamt hält sie dem Netzbetreiber TenneT "schlechte Planung" vor und hat "große Skepsis", was den Transport des Stroms von der Nordsee in den Süden über die Stromtrasse Suedlink betrifft. "Das ist alles unheimlich chaotisch", so Wuttke. Das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz hingegen hält das Projekt für "interessant". "Der nachhaltige Weiterausbau der Offshore-Windenergie" sei sinnvoll, um die Energiewende zum Ziel zu führen, heißt es in einer schriftlichen Antwort auf Anfrage von NDR.de. "Gleichwohl müssten die ökologischen Aspekte und möglichen Folgen gründlich geprüft werden." Niedersachsen sei über das Amt für regionale Landesentwicklung Mitglied in der Nordsee-Kommission, in der das Thema "Energie-Insel" erörtert werde.

Handel mit Strom wird möglich

TenneT nennt weitere Gründe, warum die Vision einer Energie-Insel mehr als das sein soll: Die Übertragungsleitungen würden gleichzeitig zu sogenannten Interkonnektoren zwischen den genannten Ländern. Mit ihnen werde der Handel mit Strom möglich. Die Unternehmen gehen zudem davon aus, dass durch die Bündelung der Übertragung Kosten eingespart werden. Personal, Gerät und Montagewerkstätten können auf der Insel stationiert werden. Dadurch werde die komplexe Offshore-Logistik optimiert und vereinfacht. Der Bereich der Dogger Bank biete zudem optimale Windbedingungen. Außerdem sei diese Nordseeregion relativ seicht. Und je seichter das Wasser, heißt es bei TenneT, desto geringer die Baukosten der Windparks und der Insel. Doch: Mehr als Vision ist die Insel noch nicht, heißt es bei TenneT auch. Und manche Fragen bleiben offen: Wie viele Menschen sollen auf ihr arbeiten? Wer ist für die Genehmigung zuständig und woher kommt der Sand für die Aufschüttung? Alles noch unklar, sagt heißt es bei TenneT. Klar ist allerdings, wann die Insel gebaut werden soll. Irgendwann zwischen 2030 und 2050.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 17.03.2017 | 06:30 Uhr

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