Stand: 08.03.2016 07:37 Uhr

Die bewegende Wiederkehr eines Totgeglaubten

Als der zehnjährige Mahdi aus dem Auto steigt, wird es laut in Bad Bodenteich im Landkreis Uelzen: Jubelnd begrüßen Khatera, Tamana und Hamed ihren Bruder, drücken ihn fest an sich und bedecken ihn mit Küssen. Monatelang dachte die Familie, Mahdi sei bei der gemeinsamen Flucht aus Afghanistan ums Leben gekommen. Dass sie an diesem Montag wieder vollzählig sind, empfinden die Rabanis als ein kleines Wunder. Freudestrahlend führt die Familie Mahdi in ihre Wohnung, vorbei an unzähligen rot-weißen Luftballons und Schildern, auf denen "Willkommen in Deutschland" zu lesen ist. Ein großes Essen haben sie für das Wiedersehen vorbereitet - ihr erstes gemeinsames Mahl seit fast einem Jahr.

Ertrunken geglaubter Mahdi trifft seine Familie

Tränenreiches Wiedersehen

"Das Gefühl ist unbeschreiblich", sagt Mahdis Mutter. Am Flughafen in Hannover hat Schockria ihren Sohn gemeinsam mit dessen Vater Ibrahim und dem achtjährigen Bruder Yussuf in Empfang genommen. Um neun Uhr morgens landete der Flieger. Direkt an der Maschine wartete bereits Flüchtlingshelfer Hijazi, der beim Anblick Mahdis Gänsehaut bekam, wie er erzählt: "Ich habe ihn erst einmal umarmt." Gemeinsam gingen sie dann in den Sicherheitsbereich des Flughafens. Hier warteten, abgeschirmt von Kameras und Mikrofonen, Mahdis Eltern. "Die sind sofort in Tränen ausgebrochen", erzählt Hijazi. Ihm ist es zu verdanken, dass die Familie Rabani nun wieder vereint ist. Der Flüchtlingshelfer des Uelzener Roten Kreuzes hatte wochenlang nach Mahdi gesucht. Schließlich konnte er den Zehnjährigen im Kanton Bern ausfindig machen.

Video
03:31 min

Totgeglaubter Junge wieder mit Familie vereint

07.03.2016 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Der 10-jährige Mahdi wurde vor einem Jahr bei der Flucht aus Afghanistan von seinen Eltern getrennt. Sie hielten ihn für tot. Doch inzwischen ist die Familie wieder vereint. Video (03:31 min)

Mahdis Schwester bat Rani Hijazi um Hilfe

Ende Oktober kamen Mahdis Eltern nach Uelzen, zusammen mit seinen Geschwistern, die zwischen 8 und 17 Jahre alt sind. Dort erzählte eine der Schwestern dem Flüchtlingshelfer Hijazi ihre Geschichte: Ihre Familie wurde verfolgt, sie und ihre Schwester sollten mit 17 und 15 Jahren zwangsverheiratet werden. Darum machte sich die Familie auf den Weg nach Europa. Nach vier Wochen Flucht erreichten die Rabanis im April ein Waldstück in der Türkei. Am Strand, wo die Boote liegen, herrscht hektisches Gedränge. Mahdi verliert seine Eltern aus den Augen und besteigt ein anderes Boot, das während der Überfahrt kentert. Der Schock bei Familie Rabani ist groß. Dennoch geben sie die Hoffnung nicht auf: Sie reisen zurück in die Türkei und suchen sieben Monate lang nach Mahdi - ohne Erfolg. Mit großer Trauer machen sie sich schließlich auf den Weg nach Deutschland. Was sie nicht wissen: Auch Mahdi hat es nach Lesbos geschafft. Gemeinsam mit einer anderen afghanischen Familie reist der Zehnjährige in die Schweiz.

Ungezählte Telefonate führen schließlich zum Erfolg

Als Flüchtlingshelfer Rani Hijazi vom verschwundenen Bruder und Sohn erfuhr, setzte er sich ans Telefon - die Familie Rabani wusste zunächst nichts davon. Er telefonierte sich quer durch Deutschland, wochenlang. Trotz der vielen Gespräche gab es aber nicht die kleinste Spur von Mahdi. Doch Hijazi hatte einen langen Atem. Er versuchte es in der Schweiz. Im Kanton Bern gab es dann endlich einen Hinweis. Und nach vielen weiteren Telefonaten war klar: Mahdi lebt. Er war in der Obhut der Schweizer Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. Als Hijazi Mahdis Familie die frohe Nachricht kurz vor Weihnachten erzählte, konnte diese ihr Glück kaum fassen.

Mahdi: "Ich bin sehr glücklich"

"Die Zeit für uns war sehr schwer", sagt Mahdis Vater Ibrahim bei der kleinen Pressekonferenz am Flughafen in Hannover. "Wie fühlt es sich an, wenn man ein Kind verliert und denkt, es ist gestorben?" Auch Mahdi selbst scheint von der Situation noch völlig überwältigt. Die ganze Nacht habe er nicht geschlafen, erzählt der Zehnjährige. "Ich bin sehr glücklich und freue mich, dass ich meine Eltern wiedersehen kann." In Bad Bodenteich soll Mahdi nun schnell in der Schule angemeldet werden - und auch im Fußballverein: "Mahdi und sein Bruder spielen sehr guten Fußball", erzählt Rani Hijazi lachend. Schon am nächsten Tag will der 14-jährige Hamed seinen totgeglaubten Bruder mit in die Schule nehmen. Dann soll langsam wieder der Alltag einkehren bei der Familie Rabani, die nun endlich wieder vollzählig ist.

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