Stand: 08.12.2016 20:55 Uhr

Schäferstunde mit dem Umweltminister

von Ina Kast

Während sich der Himmel am Horizont langsam rosa einfärbt, wird auch die Gesichtsfarbe von Schäfer Gerd Jahnke zunehmend rot. "Ich will weiß Gott nicht, dass alle Wölfe geschossen werden. Aber ich verstehe nicht, warum man einen Problem-Wolf nicht erschießen kann", sagt Jahnke ärgerlich. Sein Gegenüber ist nicht irgendwer, es ist der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). Jahnke hatte ihn über die Medien zu einem Besuch auf seine Weide in Südergellersen (Landkreis Lüneburg) eingeladen.

"Die Bilder gehen nicht aus dem Kopf"

Nun kann sich der Umweltminister selbst ein Bild über das Dilemma des Schäfers machen. Jahnke hebt seinen Arm und zeigt auf die gegenüberliegende Weidefläche. "Da hinten ist es passiert, die Bilder gehen uns nicht aus dem Kopf", sagt der Schäfer. Jahnkes Schafherde, die immerhin 700 Tiere umfasst, wurde innerhalb einer Woche dreimal angegriffen - vieles deutet darauf hin, dass es Wölfe waren. Die düstere Bilanz: Zwölf Tiere wurden totgebissen, 18 weitere überlebten mit schweren Verletzungen.

Wenzel lehnt Schießen des Wolfes weiterhin ab

Drei weitere Berufsschäfer sind zum Treffen mit dem Umweltminister gekommen. Auch sie fürchten um ihre Tiere und fordern wie Jahnke, "Problem-Wölfe" zu erschießen. Für Umweltminister Wenzel ist das keine Option, er lehnt die Bejagung kategorisch ab. Wenzel verweist mehrfach auf internationale Abkommen und den strengen Artenschutz, unter dem der Wolf steht. Wenn überhaupt, könne der Schutz des Wolfes nur verringert werden, wenn die Wolfspopulation irgendwann sehr stark gestiegen ist. Aber für die Überprüfung des "Erhaltungszustandes des Wolfes" ist die Bundesregierung zuständig und es werde definitiv keine deutschen oder niedersächsischen Alleingänge geben.

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Schutzmaßnahmen gegen Wolf reichen nicht aus

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Schutzmaßnahmen reichen offenbar nicht

Oberste Priorität hätten nun bestmögliche Schutzmaßnahmen: Neben Zäunen seien auch Herdenhunde unerlässlich. Die Schäfer entgegnen aber, dass sie sich weitere Hunde kaum leisten könnten. Außerdem sei es eine große Kunst, diese Hunde in die Schafsherde zu integrieren. Die Hunde müssen die Herde als ihre eigene anerkennen, um sie dann bei Gefahr zu verteidigen. "So oder so muss uns eines klar sein: Hundertprozentige Sicherheit wird es in Sachen Schutzmaßnahmen vor Wölfen nicht geben", sagt der Umweltminister.

Wenzel: "Zäune müssen höher werden"

Der Schutz-Zaun von Schäfer Jahnke misst eine Höhe von 90 Zentimetern und erfüllt damit den Mindestanforderungen des Umweltministeriums, das den Zaunbau bezuschusst. Nachdem andere Bundesländer wie Sachsen-Anhalt schon längst eine Mindesthöhe von 120 Zentimetern festgelegt haben, sagt Umweltminister Wenzel im Gespräch mit Jahnke: "Wir müssen auch raufgehen mit der Zaunhöhe." Wenzel begutachtet Jahnkes Zaun genau. Er meint, dass der Zaun womöglich nicht ganz sicher war. "Vielleicht war an einer Stelle eine Furche drin und schwupps - kommt der Wolf  über den Zaun oder gräbt sich unten durch", so Wenzel.

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Schäfer Jahnke: "Ein höherer Zaun bringt nichts"

Den Zaun auf 1,20 Meter zu erhöhen, findet Jahnke allerdings keine gute Lösung. "Das wird auch nicht helfen. Selbst mein Schäferhund kann locker 1,20 Meter überspringen, also wird es auch den Wolf nicht abhalten." Der Wolf sei schlauer als alle Schutzmaßnahmen, fürchten die Schäfer. Außerdem wäre das Zaunmaterial dann noch schwerer, wenn der Zaun höher sein soll. "Ich beschäftige drei junge Frauen, das ist schlichtweg zu viel Aufwand, einen so schweren Zaun ständig neu aufzubauen", so Jahnke. Tatsächlich muss das Zaunmaterial auf Jahnkes Weide mehrmals pro Woche umgesteckt werden. Mit dem Wechseln der Weidefläche wird gewährleistet, dass die Tiere nicht immer an derselben Stelle grasen.

Ministerium will mit Zaunherstellern sprechen

Mit seinem Besuch wollte der Umweltminister zeigen, dass er die Sorgen der Berufsschäfer ernst nimmt. Er betonte, dass sich seine Wolfsexperten im Ministerium mit den Zaunherstellern zusammensetzen werden. So soll beispielsweise daran gearbeitet werden, dass die Zäune höher und praktikabler gebaut werden. Durch leichteres Zaunmaterial könnte so das Aufstellen der Zäune - gerade für die Wechselweideschäferei - erleichtert werden. Bislang habe das Land Niedersachsen in diesem Jahr rund 22.000 Euro Schadenersatz an Nutztierhalter gezahlt, wenn diese vom Wolf gerissene Tiere zu beklagen hatten. Mehr Geld für gerissene Tiere hatte der Minister nicht im Gepäck. "Es war genau das, was ich erwartet habe von diesem Gespräch: Der Umweltminister sagt, wir sollen bessere Zäune aufstellen, und die Welt ist wieder in Ordnung", fasst ein enttäuschter Schäfer Jahnke am Ende zusammen. Auch in den kommenden Nächten wird er im Wohnwagen an seiner Weide schlafen.

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