Stand: 27.11.2015 15:19 Uhr

Herr Scholz hört schon das Gras wachsen

von Nils Hartung

Winston Hubert McIntosh hoffte schon vor fast 40 Jahren auf grünes Licht. Der Reggae-Künstler, besser bekannt als Peter Tosh, nannte sein erstes Soloalbum aus dem Jahr 1976 plakativ "Legalize it" und es ging, klar, um Marihuana. Auf Jamaika, dem Zentrum der Rastafaris, ist Kiffen in der Öffentlichkeit nach wie vor verboten, obwohl es jüngst eine Liberalisierung der Gesetzeslage gegeben hat. Auch in Deutschland ist das meiste, was mit Cannabis zu tun hat, illegal. Darunter auch der Anbau - selbst der zu medizinischen Zwecken. Ein Rechtsanwalt aus Hannover will das nicht länger hinnehmen: Gemeinsam mit einigen Gesinnungsgenossen hat Jürgen Scholz MedWeed gegründet. Die Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) will in Deutschland Cannabis anbauen und als Medizin verkaufen.

Anwalt Jürgen Scholz steht seitlich vor einem Bild. © NDR Fotograf: Eric Klitzke

"Immer wieder Engpässe in Deutschland"

Rechtsanwalt Jürgen Scholz und seine Mitstreiter von der MedWeed GbR wollen in Hannover gewerblich Cannabis als Medizin anbauen. Im NDR Interview spricht er über seine Pläne.

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Warten auf die Ablehnung

Derzeit wartet Scholz auf die Ablehnung eines entsprechenden Antrags beim Bundesinstitut für Arnzeimittel und Medizinprodukte (BfArM), damit er anschließend vor ein Verwaltungsgericht ziehen kann. Nicht falsch verstehen: Die Gesellschafter von MedWeed würden sich natürlich über eine Zusage des BfArM freuen. "Dann würden wir gleich loslegen", sagt Scholz. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach wird es damit nichts. Derzeit gibt es in Deutschland genau 527 Menschen (in Niedersachsen: 43), die legal Cannabis-Blüten konsumieren dürfen. Diese Blüten stammen aus den Niederlanden und werden importiert. Doch es kommt immer wieder zu Lieferengpässen. Das bestätigen die Medizinerinnen Dr. Christiane Kerres und Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl. Kerres, die für die Drogenberatungsstelle Drobs in Hannover arbeitet, begleitet einen der 43 Patienten aus Niedersachsen. Müller-Vahl forscht an der Medizinischen Hochschule Hannover zum Tourette-Syndrom und untersucht Therapien mit dem Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol.

Cannabis als Medikament

In Deutschland gibt es derzeit drei Formen von Cannabis als Medizin: Zum einen Dronabinol, eine Art Öl, das in Kapseln oder Tropfen eingenommen wird; außerdem ein Spray namens Sativex sowie Cannabis-Blüten. Um die Blüten legal konsumieren zu dürfen, muss der Patient einen ärztlich unterstützen Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stellen. Cannabis soll unter anderem bei Spastiken, Migräne, Multipler Sklerose, ADHS, Morbus Krohn, Glaukom (Grüner Star), Asthma, Tourette-Syndrom und Depressionen helfen.

Der "staatliche Dealer"

"Die Engpässe sind ein Problem, gerade wenn Patienten für Wochen ohne Behandlung sind", sagt Müller-Vahl. Den Patienten bleiben oft nur zwei Möglichkeiten: Entweder, sie kaufen Cannabis auf dem Schwarzmarkt oder sie züchten selbst. In beiden Fällen machen sie sich strafbar. Die Gesetzeslage sorgt für Unverständnis bei Kerres. "Cannabis ist ein altes Medikament, auf das man nicht verzichten sollte. Es hat gerade im Vergleich zu Schmerzmitteln kaum Nebenwirkungen." Sie glaubt auch nicht daran, dass andere oder gar mehr Leute Cannabis konsumieren würden, wenn es in Deutschland zu medizinischen Zwecken angebaut werden würde. Doch das ist eine Frage, die auch ideologisch besetzt ist. Die Politik tut sich traditionell schwer auf diesem Gebiet. Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) etwa hält eine "Änderung nicht für erforderlich". Zwar findet auch sie, dass Lieferengpässe "nicht sein dürfen", doch hält sie es für sinnvoller, dieses Problem mit der Pharmaindustrie zu diskutieren.

Cannabis

Cannabis ist die wissenschaftliche Bezeichnung für Hanf. Es hat zahlreiche Wirkstoffe, einer von ihnen ist das sogenannte Cannabinoid Tetrahydrocannabinol (THC), der Stoff, der für die berauschende Wirkung von Cannabis verantwortlich ist. Haschisch heißt der gepresste Harz der Hanfpflanze; als Marihuana bezeichnet man die getrockneten Blütenstände der Pflanze.

Keine Pläne bei Bayer - Cannabis-Agentur in Planung

Doch beim größten deutschen Pharmakonzern hält man derzeit noch die Füße still. "Bayer plant keine Entwicklungsaktivitäten im Zusammenhang mit Cannabis", sagt Sprecher Helmut Schäfers. Immerhin: Bei der Bundesregierung scheint man inzwischen auf die missliche Lage aufmerksam geworden zu sein. "Wir bestätigen, dass das Gesundheitsministerium den Entwurf eines Gesetzes vorgelegt hat, dessen Ziel die Errichtung einer Cannabis-Agentur ist. Der Entwurf befindet sich noch in der Ressortabstimmung", heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium in Berlin. "Eine Agentur als staatlicher Dealer", schreibt die "Welt am Sonntag" über die Pläne. Die Behörde soll den Anbau und Handel von Cannabis zur Medikation in Deutschland regeln.

In Deutschland geht draußen gar nichts

Das Zögern der großen Konzerne könnte eventuell eine Chance für kleinere Anbieter wie Scholz sein. Er und seine Mitstreiter von MedWeed haben auf alle Fälle schon mal vorgesorgt: Sie haben ein 50.000-Quadratmeter-Grundstück bei Hannover bei einer Zwangsversteigerung erworben. Dort könnten sie Cannabis züchten, auch wenn von ihnen niemand das nötige Know-How zum Anbau mitbringt. "Wir mussten zum Beispiel erstmal klären, dass ein Anbau unter freiem Himmel in Deutschland gar nicht möglich ist. Wir bräuchten Hallen", sagt Scholz. Die Hannoveraner stehen in Kontakt mit Gras-Experten aus den USA. Dort ist bereits in vier Bundesstaaten der Gebrauch und Verkauf von Cannabis legal, auch wenn es nicht als Medikament genutzt wird. Peter Tosh wäre schwer begeistert.

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