Stand: 03.09.2015 21:38 Uhr

Salzhemmendorf: Die unauffälligen Neonazis von nebenan?

Nach dem Anschlag in dem beschaulichen Weserberglandort Salzhemmendorf lautet die Frage: Gab es Anzeichen für die rechten Umtriebe der Attentäter? Heutzutage marschieren nicht alle, die eine rechte oder rechtsextremistische Gesinnung haben, mit einschlägigen Symbolen durch die Gegend. Wes' Geistes Kind mancher Mitbürger ist, verrät manchmal ein Blick in die digitale Welt der sozialen Netzwerke. Die Informationen zu den mutmaßlichen Attentätern sind im Internet frei zugänglich. Hätte die Gefahr eines Brandanschlags erkannt werden können?

Sascha D. Feuerwehrmann mit Faible für Nazi-Band

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Auf Facebook veröffentlichen die mutmaßlichen Brandstifter auch Bilder, die sie in martialischer Pose zeigen.

Die Facebook-Suche nach Sascha D., einem der mutmaßlichen Brandstifter von Salzhemmendorf, hat unter anderem zum Ergebnis, dass er dort 761 Freunde hat. Sascha D. hat auch oft den "Gefällt mir"-Knopf gedrückt, unter anderem für Gruppen und Seiten, die sich mit Autos beschäftigen, mit der Region Hameln-Pyrmont, in der er lebt, oder mit Feuerwehren, schließlich war Sascha D. Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Sascha D. gefallen aber auch die Seiten "Ultras und Hooligans", "Recht auf Wahrheit", "Kraftschlag". Zumindest die letzten zwei Seiten haben eindeutig rechte Tendenzen.

Verräterische Anspielungen auf den Holocaust?

Einer der Freunde von Sascha D. ist der zweite mutmaßliche Brandstifter, Dennis L. Auf einem der Bilder, die Dennis L. auf seiner Seite hochgeladen hat, steht dieser in einem Zimmer, in der Linken eine Flasche Bier, die rechte Hand lässig in der Hosentasche, der Blick aus dem Fenster. Auf dem schwarzen T-Shirt steht in weißen Lettern "Terroristen mit E-Gitarre". Eine Anspielung auf ein Lied der verfassungsrechtlich verbotenen Band Landser. Am 19. März 2013 schreibt Dennis L. "Schlagt sie tot!!!" auf seiner Facebook-Seite. Sascha D. reagiert: "Wen den jetzt schon wieder" und Dennis L. antwortet: "Für manche Menschen hätte eine Dusche aufbleiben sollen!!". Die Dusche eine Anspielung auf die zum Teil als Duschräume getarnten Gaskammern in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern wie Auschwitz? Sascha D. quittiert diesen Spruch mit einem "Hehe".

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Codes geben Hinweise auf die Weltanschauung

Sowohl Sascha D. als auch Dennis L. "gefällt" der Sänger der rechtsextremen Hooligan-Combo Kategorie C, Hannes Ostendorf. Aber auch die umstrittene Band Frei.Wild finden beide offenbar gut. Es ist nicht so, dass auf den Seiten nur klar rechtsextremistische Parteien, Personen oder Gesinnungen Verbreitung finden. Es sind kleine Hinweise, die auf die Gesinnung von Sascha D. und Dennis L. schließen lassen. Zum Teil sind es Codes, die nicht für jedermann verständlich, auf die Gesinnung hinweisen. Für nicht Eingeweihte sind es nur Buchstaben, Zahlen, Wörter - auf Stoff gedruckt oder unter die Haut tätowiert. Die Zahl 88 ist eben nicht nur die Kombination aus zwei Ziffern. Die Zahl steht für den achten Buchstaben im Alphabet, das H. Aber erst im Kosmos der Rechtsgewandten bekommt das Doppel-H "Heil Hitler" eine tiefbraune Bedeutung. Nein, so etwas ist auf den ersten Blick nicht auf den beiden Profilen zu entdecken. Das besagte Foto von Dennis L. mit dem schwarzen T-Shirt ist zunächst mit dem Wort "Terroristen" eine Provokation. Wenn man sich die geringe Mühe macht und "Terroristen mit E-Gitarre" in eine Suchmaschine eingibt, stößt man schnell auf einen offenbar sehr deutlich rechtsgerichteten Versandhandel. Dort tauchen Begriffe wie "Braune Musik Fraktion" auf.

Rechte Feuerwehr-Kameraden

Und doch scheint zumindest Sascha D. als Feuerwehrmann ein normales Leben in Salzhemmendorf geführt zu haben. Auch bei Dennis L. gibt es Verbindungen zur Feuerwehr: Sein Facebook-Freund ist der dortige Jugendfeuerwehrwart, der auf der sozialen Seite wiederum mit dem Neonazi André K. befreundet ist. Dieser war auf der Kundgebung am Freitag vorläufig in Gewahrsam genommen worden. Salzhemmendorfs Bürgermeister Clemens Pommerening, der direkt nach dem Anschlag noch sagte, dass es keinerlei rechte Tendenzen in Salzhemmendorf gebe, müsste nun feststellen, dass dies nicht zwangsläufig stimme. Trotzdem sagte er am Montag gegenüber NDR.de: "Wenn bei Sascha D. in der Feuerwehr rechtsradikale Tendenzen erkennbar wären, wäre er schon längst vom Dienst suspendiert worden." Salzhemmendorfs Ortsbrandmeister Thomas Hölscher, der Sascha D. aus dem Feuerwehrdienst kennt und bis heute mit ihm auf Facebook befreundet ist, sagt: "Ich habe mich mit dem Facebook-Profil nicht beschäftigt."

"Das eine ist Facebook. Das andere, wie er sich gibt."

Von Facebook-Freunden auf rechtsradikales Gedankengut zu schließen, das könne Bürgermeister Pommerening nicht nachvollziehen. Schon gar nicht in einem kleinen Ort, in dem sich die meisten Menschen seit ihrer Kindheit kennen und daher auch auf Facebook miteinander befreundet seien. "Das eine ist Facebook. Das andere, wie er sich gibt!", sagt Pommerening bezogen auf Sascha D., von dem niemand in der Feuerwehr oder dem Ort je rechtes Gedankengut gehört haben wolle. Als Chef der Feuerwehr und somit auch der Jugendfeuerwehr könnte der Bürgermeister den nun auch unter Beschuss stehenden Jugendfeuerwehrwart suspendieren, auch um mehr Anfeindungen gegen ihn oder die Jugendfeuerwehr auszuschließen. Doch davon sieht der Bürgermeister vorerst ab, sieht keinen Zugzwang. Man könne Menschen zwar nur vor und nicht in den Kopf schauen. Es gebe aber de facto keinen Anlass für Konsequenzen.

Auf dem rechten Auge blind?

Alles nur Zufall? Neonazis als Facebook-Freunde, auf rechtsradikale Bands anspielende T-Shirts, fragwürdige öffentliche Äußerungen im Netz. Hätte man bei Sascha D. oder Dennis L. wissen können, welches Gedankengut in den Köpfen schlummert? Muss erwartet werden, dass Facebook-Profile bis ins kleinste Detail von Führungskräften, wie dem Ortsbrandmeister, auf solche Tendenzen gescannt werden? Und wie sollten etwaige Informationen dann bewertet werden? Helfen könnten Kampagnen wie "Unsere Welt ist bunt" der Deutschen Jugendfeuerwehr oder "Löschangriff gegen Rechts" des Landesfeuerwehrverbandes Niedersachsen, mit denen seit Jahren versucht wird, für braunes Gedankengut zu sensibilisieren. Auch die Kreisfeuerwehr und der Landkreis Hameln-Pyrmont haben reagiert und wollen kurzfristige Schulungen zu dem Thema anbieten. Auf dem rechten Auge blind? Den Vorwurf will in Salzhemmendorf niemand gelten lassen.

Die nächste Kameradschaft nur einen Klick entfernt

Doch selbst wenn es - wie vom Bürgermeister und der Polizei kommuniziert - in Salzhemmendorf und im gesamten Landkreis keine rechtsextreme Szene geben sollte, es gibt Landkreise in Niedersachsen, in denen es gut strukturierte rechtsextreme Gruppierungen gibt - so in den Nachbarkreisen Hildesheim und Northeim. Und die sind im Zweifel für rechtsgesinnte Menschen auch aus Salzhemmendorf nur eine kurze Autofahrt oder sogar nur einen Klick im Internet entfernt.

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