Stand: 18.04.2017 08:00 Uhr

Rindertransport per Schiff: Tierschutz über Bord?

Ein ungewohntes Bild: Schwarzweiße Rinder klettern eine steile Schiffsrampe hinauf. Sie drängeln, verkeilen sich, rutschen die Rampe rückwärts wieder runter. Laute Rufe der Tiertreiber ertönen im kroatischen Hafen Raša.

Rinder werden eine Rampe auf ein Schiff hoch getrieben. © Animal Welfare Foundation

Rindertransport per Schiff: Tierschutz über Bord?

Panorama 3 -

Rinder aus Niedersachsen werden nicht nur mit dem Lkw, sondern auch per Schiff exportiert. NDR und SZ liegen Informationen über Tierschutzprobleme von Seetransporten vor.

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Hier werden Rinder von Lastwagen auf ein Schiff umgeladen, unter ihnen sind auch Kühe aus Niedersachsen. Was vermutlich kaum bekannt ist, Rinder werden auch per Schiff exportiert wie in diesem Fall nach Nordafrika in die ägyptische Hafenstadt Alexandria.

Tierschützer kritisieren Rindertransporte per Schiff

Diese Szene aus dem Herbst 2016 ist auf Videos der Tierschutzorganisation "Animal Welfare Foundation" zu sehen. Die Organisation hat zwei Jahre lang Schiffstransporte von europäischen Häfen in sogenannte Drittländer außerhalb der EU-Häfen beobachtet und zahlreiche Tierschutzprobleme dokumentiert. Ihr Abschlussbericht liegt Panorama 3 und der "Süddeutschen Zeitung" vor.

Die Bilder zeigen die Rinder dicht gedrängt unter Deck. Die Temperaturen an Bord steigen stetig. Am Ende der sechstägigen Reise betragen sie 30,3 Grad, berichtet der kroatische Tierarzt Radoslav Putnik. Er begleitete den Seetransport im Auftrag der Tierschutzorganisation und machte die Aufnahmen.

Tiere versinken in Exkrementen

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An Bord liegen Tiere nach einigen Tagen in ihrem Kot.

Einige der rund 1.700 Rinder sind krank, atmen schwer. Putnik bemängelt, dass an Bord die passenden Medikamente gefehlt hätten, um sie zu behandeln. Neun Tiere sterben. Die Bilder zeigen außerdem Tiere, die am Ende des Transports tief in ihren eigenen Exkrementen versinken.

Die Organisation "Animal Welfare Foundation" kritisiert, dass es bislang nicht vorgeschrieben sei, dass grundsätzlich ein Veterinär solche Schiffstransporte begleiten muss, um kranke Tiere behandeln oder zur Not tiergerecht töten zu können.

Tierschützer kritisieren unzureichende Kontrollen

Vor allem aber beklagen die Tierschützer die mangelnde Dokumentation solcher Transporte. Was genau mit den Tieren passiert, wird ihrer Ansicht ab EU-Grenze von den Mitgliedsländern nicht mehr kontrolliert.

Auf dem Schiff nach Ägypten waren auch drei schwarzbunte Kühe aus Niedersachsen. Denn auf den Videoaufnahmen sind ihre gelben Ohrmarken zu erkennen, auf denen "DE" für Deutschland und die Ziffern "03" für Niedersachsen zu lesen sind. Sie müssen also bereits eine lange Reise hinter sich haben. Wie sah ihre genaue Transportroute aus?

Kühe vom Schiff kommen aus Ostfriesland

Durch einen Hinweis wird klar: Die drei Kühe wurden 2014 auf einem Hof in Ostfriesland geboren und ein Jahr später über einen Zwischenhändler weiter verkauft. Der Landwirt ist auf Nachfrage überrascht, dass seine Tiere in Ägypten gelandet sind, möchte aber anonym bleiben. Auch der Viehhändler lehnt ein Interview ab.

Die Tiere wurden dann offenbar über ein großes Zuchtunternehmen exportiert. Ein Interview zum Rinderhandel lehnt es ab und beantwortet Fragen des NDR nicht. Das Thema scheint heikel, die Branche spricht offenbar nicht gern darüber. Die Veterinärbehörde Aurich bestätigt aber, dass die Kühe weiter über Tschechien nach Ungarn in die Nähe von Budapest gefahren wurden.

Transport nach Ungarn und weiter über Kroatien nach Ägypten

Dort sollen sie nach Angaben der Organisation "Animal Welfare Foundation" besamt und schließlich im Herbst 2016 trächtig zum kroatischen Hafen Raša gebracht worden sein. Von dort begann der Seetransport nach Ägypten.

Niedersachsens Behörden waren wegen der längeren Unterbrechung lediglich bis Ungarn für den Transport verantwortlich. Das zuständige Veterinäramt Aurich schreibt, die vorgeschriebenen amtstierärztlichen Kontrollen bei der Abfertigung des Transports seien durchgeführt worden.

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Der Veterinärwissenschaftler Marahrens fordert strengere Kontrollen der Transporte.

Der Veterinärwissenschaftler Michael Marahrens vom Friedrich-Loeffler-Institut, einer Bundesforschungseinrichtung für Tiergesundheit, beschäftigt sich seit Jahren mit Tiertransporten.

Er fordert von den Veterinärbehörden, den Verlauf der Transporte genauer nachzuvollziehen und zwar bis zum endgültigen Bestimmungsort - auch wenn dieser außerhalb der EU liege. Denn nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes gelten die Bestimmungen der EU-Tiertransportverordnung über EU-Grenzen hinaus.

Experte: Mehr Transporte elektronisch kontrollieren

Doch auch innerhalb der Europäischen Union scheinen die Behörden nicht alle ihre Möglichkeiten auszuschöpfen, um Tiertransporte zu kontrollieren. So ist Marahrens der Meinung, dass Behörden zu selten elektronische Daten über die Transportrouten anfordern würden, denn Navigationsgeräte in LKW zeichneten zum Beispiel Route, Pausen und Temperaturen auf. Die Daten aus den Fahrtenbüchern, die unterwegs per Hand eingetragen würden, reichen für eine Kontrolle seiner Ansicht nicht aus.

Nach dem Transport der drei Kühe nach Ungarn jedenfalls hatte die zuständige Behörde nicht auf elektronische Daten zurückgegriffen. Dies sei in Fällen wie diesem auch "nicht erforderlich“, schreibt der Landkreis Aurich.

Landkreis Aurich: Antwort "nicht notwendig"

Auf NDR Nachfrage, wie oft die Behörde denn 2015 und 2016  insgesamt elektronische Daten abgefragt habe, antwortet ihr Sprecher, "angesichts der urlaubsbedingten Personalsituation" sei keine Quantifizierung möglich, erscheine aber auch "nicht notwendig".

Rinderexporte in die Türkei, nach Russland und Marokko

Aus Niedersachsen werden regelmäßig Rinder auch direkt in Länder außerhalb der EU exportiert. Nach Angaben des niedersächsischen Landesamtes für Statistik wurden 2016 zum Beispiel knapp 12.000 Rinder in die Türkei, 3.500 nach Russland, knapp 3.500 nach Marokko, rund 2.000 in den Libanon und knapp 1.000 nach Ägypten exportiert.

Agrarminister Meyer: "Große Probleme" außerhalb der EU

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Niedersachsens Landwirtschaftsminister Meyer räumt Probleme bei Tiertransporten ein.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) räumt gegenüber Panorama 3 ein: "Wir haben große Probleme gerade mit Tiertransporten, die außerhalb der EU stattfinden." Und das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) schreibt, dass Transportwege außerhalb der EU nicht immer sicher planbar seien.

Landesagrarminister Meyer fordert deshalb eine strengere Überwachung. Die Verantwortung dafür sieht er allerdings beim Bund und bei der EU. Niedersachsen habe keine Rechtsgrundlage, um Transporte in Drittländer zu stoppen, so Meyer.

Experte fordert Transport-Stopp bei Tierschutzrisiken

Der Tiertransportexperte Michael Marahrens sieht das anders, die Behörden hätten die Aufgabe im Vorfeld zu kontrollieren, ob während des Transportes Risiken bestünden. "Wenn diese Risiken systematisch dazu führen, dass Tierschutzauflagen nicht eingehalten werden können, sind diese Transporte zu untersagen, das heißt, sie werden nicht abgefertigt", sagt Marahrens. Im Grunde sei es ganz einfach und eine Rechtsgrundlage sei da.

Und die Tierschutzorganisation "Animal Welfare Foundation" fordert wegen der vielen Unsicherheiten und Tierschutzrisiken einen generellen Ausfuhrstopp lebendiger Tiere.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 18.04.2017 | 21:15 Uhr

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