Stand: 19.02.2015 16:40 Uhr

Die Scorpions - Rockband der ersten Stunde

Die Scorpions sind wieder da. "Waren die jemals weg?" mag sich manch einer fragen - nicht ganz zu Unrecht, denn eine 2010 angekündigte Auflösung wurde einfach mit Liveauftritten verdrängt und 2013 kurzerhand rückgängig gemacht. Die Band aus Hannover hat in all den Jahrzehnten ihrer Existenz fraglos Musikgeschichte geschrieben. Die Welt der Rockmusik wäre vielleicht eine andere, wenn es die Scorpions nicht gegeben hätte. Dabei fängt alles harmlos an - sehr harmlos sogar.

Scorpions - Hardrock aus Hannover

Start als Schülerband

Gitarrist Rudolf Schenker gründet die Scorpions 1965. Zunächst handelt es sich bei der Truppe noch um eine Schülerband, die sich nach zwei Jahren erst mal auflöst. Erst Ende 1968 kommt wieder Leben in die Bude, und 1969 stoßen dann zwei Mitglieder hinzu, die im weiteren Verlauf für die Band eine große Bedeutung erlangen sollen: Rudolf Schenkers jüngerer Bruder Michael Schenker, der schon zu dieser Zeit ein sehr guter Gitarrist ist, und ein Sänger namens Klaus Meine. Die beiden spielen bis zu diesem Zeitpunkt in der Band Copernicus. Ob diese Band aus Hannover nach dem Abgang der beiden großen Ärger wegen des Verlusts verspürte, ist nicht überliefert.

Auf Tour mit alten Haudegen

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Mit der legendären Hard-Rock-Band Uriah Heep sind die Scorpions früh auf Tour.

Bei den Scorpions schreibt Meine von Beginn an englische Texte. Klingt zwar anfangs - und nach Meinung vieler Zeitgenossen auch heute noch - nicht besonders überzeugend, was die Aussprache angeht, öffnet aber durchaus die Tore eines internationalen Marktes. Stimme hat der Mann sowieso, und was für eine. Das sehen wohl auch die Fans so: Das 1972er-Debütalbum "Lonesome Crow" wird ein voller Erfolg, und die Scorpions gehen auf Tour mit altehrwürdigen Haudegen wie Uriah Heep und UFO. Das scheint besonders bei Michael Schenker bleibenden Eindruck zu hinterlassen, zumindest wechselt der Gitarrist 1973 zu UFO und macht Platz für Ulrich Roth, der - ebenfalls schon zu dieser Zeit - geradezu ein Magier an der Gitarre ist.

Scorpions-Fieber in Japan

In den Folgejahren setzen die Scorpions alles daran, ihren Ruf zu festigen und auszubauen, und spielen im Zuge ihrer 1973er-Europatour - Zitat aus der bandeigenen Biografie - "überall da, wo eine Steckdose ist". Und es wirkt: Die nächsten Alben verkaufen sich bestens, das dritte Album "In Trance" löst in Japan ein regelrechtes Scorpions-Fieber aus. Das vierte Album "Virgin Killer" erreicht dort aufgrund seiner Verkaufszahlen Goldstatus. Was natürlich folgen muss, ist eine Tour durch Nippon. Danach verlässt Roth die Band und hinterlässt eine kaum zu füllende Lücke. Doch es gelingt: mit Matthias Jabs. Nachdem Roth 1979 für kurze Zeit wieder bei den Scorpions einsteigt und gleich danach wieder austritt, gelingt Jabs das Kunststück, sich praktisch über Nacht das komplette Programm für eine laufende Tour anzueignen, und rettet damit gewissermaßen die Band vor einem Abbruch der Tour.

Ohne Ende erfolgreich

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Später extrem einflussreiche Bands wie Metallica spielen in ihren Anfangstagen im Vorprogramm der Scorpions.

In den 1980er-Jahren gehen die Scorpions ihren Weg weiter und bleiben dem Hardrock treu - und sie bleiben vor allem ihrem Sänger Klaus Meine treu: Der verliert 1981 nach einer Welttournee während der Aufnahmen zum Album "Blackout" seine Stimme und will zunächst aussteigen, um den Erfolg der Band nicht zu gefährden. Seine Bandkollegen aber stehen zu ihm. Nach einer Gesangstherapie und zwei Stimmbandoperationen hat der Sänger seine markante Stimme zurück - und klingt nach Meinung vieler Kritiker sogar noch besser als zuvor. In den USA sind die "Scorps" total angesagt, Gruppen wie Metallica, Iron Maiden und Bon Jovi spielen im Vorprogramm der Hannoveraner. Die Scorpions gehören zwar inzwischen nicht mehr unbedingt zu den härteren Bands, da die Rockmusik insgesamt härter geworden ist und mittlerweile viele Fans auch dem Heavy Metal zugetan sind, aber die Band ist nach wie vor ohne Ende erfolgreich. Dazu trägt sicherlich auch der Umstand bei, dass sie zunehmend Rockballaden in ihrem Repertoire haben - spätestens mit ihrem 1984er-Hit "Still Loving You" vom Album "Love At First Sting" sind die Scorpions auch vielen Menschen ein Begriff, die sonst mit Hardrock nicht viel am Hut haben.

Inspiriert von Glasnost und Perestroika

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Moskau - eine Show in der russischen Hauptstadt inspiriert Sänger Klaus Meine, den Hit "Wind Of Change" zu schreiben.

1988 gelingt ein ganz großer Wurf: Nach der Veröffentlichung ihres Albums "Savage Amusement" spielen die Hannoveraner als zweite westliche Rockband überhaupt in der Sowjetunion, genauer gesagt in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. Die Band hat sich in den vergangenen Jahren eine dermaßen große Fanschar in dem damals noch kommunistisch geprägten Land erspielt, dass ein Konzert nicht ausreicht - die Scorpions geben sagenhafte zehn Vorstellungen am Stück. Der Erfolg dieser Auftritte sorgt denn auch dafür, dass Meine & Co. ein Jahr später auch in Moskau spielen dürfen. Dieses Erlebnis wiederum führt dazu, dass die Scorpions ihren vielleicht bekanntesten Song überhaupt komponieren: Die Ballade "Wind Of Change" ist inspiriert von Glasnost und Perestroika, und wird mit dem entsprechenden Text gewissermaßen zur Hymne der Deutschen Wiedervereinigung. Die Single ist Nummer eins in elf Ländern und die erfolgreichste Single des Jahres 1991 - weltweit.

"Crazy World" - ein Wendepunkt?

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Die Scorpions bei einem Auftritt 1993 - in Deutschland scheint der Ruf der Band zu der Zeit ein bisschen zu leiden.

Gleichzeitig scheint es, als ob das sehr erfolgreiche 1990er-Album "Crazy World" mit dem Hit "Wind Of Change" auch einen Wendepunkt markiert - zumindest, was den Status der Band in Deutschland angeht. Es ist ein erstaunliches Phänomen: Während die Scorpions weltweit nach wie vor einen fantastischen Ruf genießen, ist das in Deutschland nicht mehr unbedingt der Fall. Im Verlauf der 1990er-Jahre verstärkt sich diese Tendenz noch. Es scheint, als könne es die Band hierzulande nur noch verhältnismäßig wenigen recht machen. Vielleicht liegt es einerseits zunächst daran, dass die Scorpions ihrem althergebrachten Stil - durchaus auch optisch - treu bleiben, und in Deutschland nur noch wenige so etwas hören und sehen wollen. Zum anderen fängt die Band irgendwann dann doch an, mit Akustik- und Crossover-Aufnahmen an ihrem Stil herumzudoktern, und es kommen für echte Hardrock-Fans wenig erbauliche Experimente zustande. So oder so: Es gibt einen Punkt, an dem oftmals spöttische Reaktionen erntet, wer sich als Scorpions-Fan zu erkennen gibt.

Deutschland kommt nicht vor

Überraschenderweise wird diese bemerkenswerte Entwicklung sogar in der offiziellen Scorpions-Biografie deutlich, wenn an einer Stelle die Rede davon ist, in welchen Teilen der Erde die Scorpions beliebt sind: in den USA und Japan besonders wegen ihrer gradlinigen Rocksongs, in Südamerika, Spanien, Frankreich und Russland wegen ihrer Balladen, in Süd-Ost-Asien wegen ihrer Akustik-Nummern. Und Deutschland? Kommt gar nicht vor in der Aufzählung. Das könnte man als Zufall, aber genauso gut auch als vielsagend bezeichnen. Ein vielsagender Zufall also?

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Die Scorpions-Show in Wacken 2012 sollte der letzte Open-Air-Auftritt in Deutschland sein.

In den vergangenen Jahren hat sich das Bild - vielleicht auch aufgrund einer besseren Promotion durch das Internet, was durchaus wieder jüngere Fans auf den Geschmack gebracht hat - wieder etwas geändert. Der Status der Scorpions als legendäre Rockband der ersten Stunde scheint in Deutschland wieder verfangen zu haben. Der vermeintlich letzte Open-Air-Auftritt der Scorpions in Deutschland beim Wacken Open Air 2012 ist denn auch ein angemessenes Event - dort sollte es zum letzten Mal heißen, wenigstens hierzulande und an der frischen Luft: "Rock You Like A Hurricane". Ist aber natürlich nix mit dem Aufhören: Im Januar 2013 folgt der Rücktritt vom Rücktritt, im Februar 2015 erscheint ein neues Album mit dem Titel "Return To Forever". Weder der Umstand an sich noch der Titel überraschen, wenn man bedenkt, dass die Musiker ihr Leben lang nichts anderes gemacht haben als: rocken.