Stand: 04.02.2016 14:00 Uhr

SC Lorbeer 1906: Triumph und Niedergang

Der SC Lorbeer aus Hamburg ist um 1930 einer der bekanntesten Fußballvereine Deutschlands. Sein Star ist Uwe Seelers Vater Erwin. Nach der Machtübernahme verbieten die Nazis 1933 den Arbeitersport-Club. Teil eins der NDR.de Serie über den Hamburger Fußball im Nationalsozialismus.

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Mit seinen Toren hat Erwin Seeler (vorne) den SC Lorbeer aus Hamburg zu seinen größten Erfolgen geschossen.

Für Erwin Seeler vom SC Lorbeer ist es sicher einer der größten Momente in seinem Fußballer-Leben gewesen. Bei der Arbeiter-Olympiade 1931 schießt der Hamburger beim 9:0-Sieg gegen Ungarn fünf Tore. 60.000 Zuschauer verfolgen das Spiel in Wien. Nach dem Schlusspfiff wird der 21-Jährige von Mitspielern und Anhängern auf Schultern vom Platz getragen. Schließlich ist er der Held des Spiels. Aber in seiner Heimat kommt dieser "Starkult" nicht gut an - zumindest in der sozialdemokratischen Presse: "Ihr fangt ja ganz neue Moden an im Arbeitersport!", heißt es vorwurfsvoll in einem Zeitungsartikel. Denn Erwin Seeler spielt nicht etwa für die Nationalmannschaft des DFB, sondern für die Bundesauswahl der Arbeitersport-Bewegung. Dort wird "die blöde Anhimmelung sogenannter Sportskanonen" abgelehnt.

SC Lorbeer: Ein geschichtsträchtiger Verein

Ein Verein der Arbeiter und Arbeitslosen

Erwin Seeler hat sich zu dieser Zeit längst einen Namen als begnadeter Mittelstürmer gemacht, vor allem in seiner Heimatstadt Hamburg. Beim Sport-Club Lorbeer spielt er schon als Jugendlicher Fußball. Der Verein ist 1906 im Arbeiterwohngebiet Rothenburgsort gegründet worden. Es ist der Stadtteil, in dem sein Vater eine Gaststätte betreibt. Kein Wunder also, dass Erwin Seeler bei dem Arbeiterverein landet. Zeitweise lebt er sogar in der Marckmannstraße, wo der Sportplatz bis heute liegt. Beim SC Lorbeer spielen damals - vor allem im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 - viele Arbeitslose, wie der Hamburger Fußball-Historiker Werner Skrentny erzählt. "Die Arbeitslosen trafen sich vormittags zum Fußballspielen, gingen zum Mittagessen nach Hause und standen am Nachmittag wieder auf dem Sportplatz. So verbrachten sie ihren Tag mit Fußballspielen."

Erst im Hafen schuften, dann Tore schießen

Ganz anders sieht der Tag von Erwin Seeler aus. Er schuftet als Arbeiter im Hafen. "Nur wenige wissen, daß er in seiner Form sehr von seiner Arbeit abhängig ist", heißt es einmal in einem Spielbericht. "Wenn man am Tage vorher bei zehn Grad Kälte im vereisten Hafen schwerste körperliche Arbeit zu verrichten hat, kann man nicht so viel leisten, als wenn man am Tage vorher bis Mittag ausschlafen kann."

Die goldenen Zeiten beginnen 1929

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Das Victoria-Stadion in Hamburg, in dem der SC Lorbeer 1929 erstmals die Bundesmeisterschaft gewann, ist bis heute erhalten.

Seinen ersten großen Erfolg feiert Erwin Seeler mit dem SC Lorbeer im Jahr 1929. Der damals noch 19-Jährige schießt den Verein mit seinen Toren ins Endspiel der Bundesmeisterschaft. Es ist für die Arbeitersportler der Höhepunkt der Fußballsaison. Seit 1920 tragen sie ihre "Deutsche Fußballmeisterschaft" aus. Der Wettbewerb ähnelt der Meisterschaft des bürgerlichen Deutschen Fußball-Bundes (DFB), aber es sind zwei parallele "Fußball-Welten". Im Finale haben die Lorbeeraner quasi ein Heimspiel: Das Endspiel wird im großen Victoria-Stadion in Hamburg-Hoheluft ausgetragen, 15.000 Zuschauer kommen. Der Gegner reist aus Döbern an. Es wird eine packende Partie.

Der Favorit strauchelt fast im Endspiel

Lorbeer gilt als Favorit, und tatsächlich führen die Hamburger zur Halbzeit mit 2:0. Zudem muss Döbern nach einer Verletzung mit zehn Mann weiterspielen. Aber auf einmal sind die Gäste überlegen und liegen mit 4:2 vorn. Viele Zuschauer haben den SC Lorbeer schon abgeschrieben. Aber in der Schlussviertelstunde trumpft die Mannschaft um Erwin Seeler groß auf: Sie schießen innerhalb von acht Minuten drei Tore und siegen mit 5:4.

Glückliches Ende auch 1931

Zwei Jahre später erreicht die nahezu identische Mannschaft des SC Lorbeer erneut das Finale. Wieder ist das Victoria-Stadion der Austragungsort. Die sozialdemokratische Tageszeitung "Hamburger Echo" schreibt vorab: "Trotz Arbeitsfron oder Erwerblosigkeit und der dadurch bedingten schmäleren Kost sollten beide Mannschaften ihr ganzes Können einsetzen und sich restlos in den Dienst der großen Sache der Arbeiterschaft stellen."Die Spannung unter den Fußballfans ist groß. 20.000 Zuschauer finden sich ein. Gegner ist dieses Mal der SV Pegau aus einem Vorort von Leipzig. Schnell liegen die Hamburger 0:2 zurück, aber dann laufen sie zur Hochform auf. "Vor beiden Toren spielen sich dramatische Szenen ab", schreibt die "Freie Sportwoche". Der SC Lorbeer gewinnt mit 4:2. Erwin Seeler erzielt drei Treffer.

Erwin Seeler geht nach einer bitteren Niederlage

Eine Siegprämie gibt es für die frisch gebackenen Bundesmeister nicht. Das hätte dem Ideal des Arbeitersports widersprochen. Erwin Seeler wird sich später daran erinnern, dass die Spieler am Finaltag sogar ihre Fahrt zum Victoria-Stadion auf einer Lkw-Pritsche selbst bezahlen mussten. Der Bundesmeister-Titel 1931 sollte der letzte große Erfolg für den SC Lorbeer sein. In der folgenden Saison verliert der Sportclub das Spiel um die Hamburger Meisterschaft mit 0:1 gegen den Bahrenfelder Sportverein - und verpasst so die überregionalen Spiele. Es ist zugleich das letzte Spiel von Erwin Seeler für den Verein.

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