Stand: 27.01.2016 07:45 Uhr

"Raute unterm Hakenkreuz" - HSV in der NS-Zeit

von Andreas Bellinger, NDR.de
Der Norweger Asbjörn Halvorsen (M.) verabschiedet sich 1933 von Nazi-Deutschland und dem HSV. Das Foto mit "Vereinsführer" Emil Martens (l.) und dem Sportbeauftragten des Gaus Nordmark, Egon-Arthur Schmidt, entstand auf dem Sportplatz am Rothenbaum im September 1933.

Der Hamburger SV war schon in der NS-Zeit einer der größten deutschen Sportvereine. Bedeutend über die Hansestadt hinaus, zu Hause im großbürgerlichen Harvestehude. Viele Mitglieder waren wohlhabende Kaufleute jüdischen Glaubens aus dem angrenzenden Grindel-Viertel. Was wurde aus ihnen nach der Machtergreifung der Nazis? Wie haben sich der HSV, die Mitglieder und Funktionäre im Dritten Reich verhalten? Und wie wurde (und wird) die NS-Vergangenheit vom HSV aufgearbeitet? Teil drei der Serie über den Hamburger Fußball im Nationalsozialismus.

Der 17. Januar 2010 war ein bemerkenswerter Tag für den Hamburger SV. Eine Jahreshauptversammlung der besonderen Art, emotional und beispielgebend für viele andere Sportvereine in Deutschland. Es war zwar nur ein Zeichen, als die Mitglieder einstimmig beschlossen, die im Dritten Reich ausgeschlossenen jüdischen Mitglieder postum wieder aufzunehmen. Aber der HSV bekennt sich inzwischen zu seiner Verantwortung. Zu sehen ist das in der Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme "Hamburger Fußball im Nationalsozialismus" im Rathaus der Hansestadt und im 2004 eröffneten Museum im Volksparkstadion. Unter der Überschrift "Raute unter dem Hakenkreuz" dokumentiert der HSV die unheilvolle NS-Vergangenheit und "verschweigt dabei nichts", wie Museums-Chef Niko Stövhase im Gespräch mit NDR.de erklärt.

Akribische Recherche

Der Aufstieg des Fußballs

Begünstigt durch den neuen Achtstunden-Arbeitstag und die zunehmende Berichterstattung steigt der Fußball in den 1920er-Jahren zum Massensport auf. Das erste Endspiel um die "bürgerliche" deutsche Meisterschaft sahen 1903 in Altona nur 2.000 Menschen, 1928 waren es beim Sieg des Hamburger SV im Endspiel des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Altona schon 42.000 Besucher. Um 1930 zählte der DFB mehr als eine Million Mitglieder.

"Wir sind der erste deutsche Profiverein, der seine Vergangenheit in dieser Weise aufarbeitet", sagt Dirk Mansen, der bis 2013 Stövhases Vorgänger war, voller Stolz. Der HSV hat beschlossen, die Augen nicht vor den Tatsachen zu verschließen, die manchmal erst nach akribischer Recherche zu Tage kamen. Sie zeigen, wie sich das Leben nach der Machtübernahme der Nazis 1933 radikal veränderte - und wie sich die Nazi-Herrschaft auf den Sport auswirkte. 

Es gab auch Widerstand

"Aber es gab auch Menschen, die Widerstand leisteten", erzählt Mansen: "HSV-Handballer beispielsweise versteckten einen jüdischen Mitspieler monatelang. Andere halfen bei der Emigration; da bietet eine Hafenstadt wie Hamburg natürlich Möglichkeiten." Aber die bedrückenden Protokolle und Dokumente zeigen, dass auch sehr viele Sportler den Holocaust nicht überlebt haben. Anderenorts wird der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit weniger Bedeutung beigemessen. Dabei hat die kritische Aufarbeitung des Dritten Reiches insbesondere im Fußball durchaus aktuellen Bezug - nicht zuletzt angesichts von Rassismus und braunem Gedankengut in den Stadien.

Der HSV blieb lange untätig

Der HSV sah lange zu und brauchte Jahre, die rechte Gewalt aus dem Stadion zu verbannen. Nach den brutalen Übergriffen in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren, denen der Bremer Fan Adrian Maleika zum Opfer fiel, dauerte es bis in die 90er-Jahre, ehe der Verein wirkungsvoll gegen rechtsradikale Vereinigungen und neofaschistische "Schlachtenbummler" vorging. Regelmäßig und organisiert hatten Neonazis die Reichskriegsflagge als Symbol ihrer braunen Gesinnung geschwungen und um Mitglieder geworben. Die Sozialarbeiter des "HSV Fanprojekts" standen auf verlorenem Posten; viele Fans wanderten zum FC St. Pauli ab. Im neuen Stadion änderte sich das Bild, mehr und mehr setzten sich antifaschistische Fan-Gruppen durch.

Lernen im Volksparkstadion

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HSV-Museumsleiter Niko Stövhase (l.) und sein Vorgänger Dirk Mansen.

Das HSV-Museum begegnet den rechten Auswüchsen mit Aufklärung. "Lernen im Volksparkstadion" heißt ein Schüler-Projekt. Ein Lernmodul im sogenannten "Hamburger Weg Klassenzimmer", das vor knapp drei Monaten eröffnet wurde, beschäftigt sich mit Gewalt im Stadion und dem HSV im Nationalsozialismus. Dabei erfahren die Jugendlichen, wie die Nazis das tägliche Leben beeinflusst haben - und wie der HSV mit der Gleichschaltung und den damit einhergehenden diktatorischen Strukturen umgegangen ist. Besonders eindringlich sind die Protokolle, Erzählungen und Interviews mit Opfern des Regimes, die teilweise auf einem Bildschirm zu sehen sind. Natürlich geht es auch um Täter wie Otto "Tull" Harder und wie widersprüchlich der HSV mit ihnen nach dem Krieg umgegangen ist.

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