Stand: 02.10.2016 15:18 Uhr

Masterplan Ems: Ökonomischer Unsinn?

von Christina Gerlach

Viele Schaulustige haben es verfolgt: Das Kreuzfahrtschiff "Genting Dream" ist gut durch die Ems gekommen. Damit die Riesenpötte der Meyer Werft auch künftig die Ems problemlos Richtung Nordsee passieren können, muss das Flussbett immer wieder ausgebaggert werden. Die Folge: Zu viel Salz, zu wenig Sauerstoff im Fluss. "Die Ems gleicht einer braunen Kaffeebrühe, die Sicht ist gleich null," stellt Dietrich Rupert resigniert fest. Der 66-Jährige ist vertraut mit der Ems, zum einen als Sportbootfahrer und weil er bis zu seiner Pensionierung als Ingenieur beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasser-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) gearbeitet hat. Der Landesbetrieb ist maßgeblich am Masterplan Ems beteiligt, neben dem Land, der Meyer Werft und Naturschutzverbänden. Dieser Masterplan soll langfristig die Wasserqualität der Ems im stark verschmutzten Bereich der Unterems verbessern. Dietrich Rupert hält die millionenteure Umsetzung des Plans für rausgeschmissenes Geld.

Ein Plastikschiff trägt ein Fähnchen mit der Aufschrift "Masterplan Ems". © NDR Fotograf: Matthias Tohomae

Wie gut ist der Masterplan Ems?

Hallo Niedersachsen -

Ein guter Plan oder rausgeschmissenes Geld? 200 Millionen Euro sind insgesamt veranschlagt, um die Wasserqualität der Ems zu steigern. Doch nicht alle sind sich über den Sinn des Ganzen einig.

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Ökologisch und wirtschaftlich Unsinn

Vorgesehen im Masterplan Ems ist unter anderem, dass riesige Flächen entlang der Ems ausgebaggert und geflutet werden - damit sich in diesen Poldern der Schlick absetzt. Geschätzt 25.000 Lkw-Fahrten sind nötig, um das Erdreich allein aus einem Versuchspolder bei Vellage in der Nähe von Papenburg abzutransportieren. Für Gewässerfachmann Rupert schlichter Unsinn - ökologisch und wirtschaftlich. "Ein zwölf Hektar großer Polder hat wenig Einfluss auf das Geschehen in der Ems", ist er sich sicher. Auch die Lage hält er für falsch. Sollte der Polder überhaupt wirken, müsste er in Mündungsnähe angesiedelt werden, sagt Rupert. Auch die Beteiligten am Masterplan haben offenbar schon Zweifel an der Umsetzung. Der Polder wurde flächenmäßig fast auf die Hälfte reduziert, von ursprünglich 20 auf nun nur noch zwölf Hektar. Auch weil niemand wusste, wohin mit dem ganzen Erdaushub. Die erste Entnahme von Bodenproben musste sogar abgebrochen werden: Der Untergrund war doch weicher als gedacht, das Spezialfahrzeug versackt.

Behörde zuversichtlich

Franz-Josef Sickelmann kann nicht genau erklären, wie so ein Polder eigentlich funktioniert. "Ich bin doch kein Ingenieur", sagt der Chef des Amtes für Regionale Landesentwicklung Weser-Ems in Oldenburg. Aber er glaubt versierte Fachleute am Werk. "Und die waren der Meinung, dass auch ein sehr viel kleinerer Polder ausreicht, um die gewünschten Untersuchungsergebnisse zu bekommen." Vellage ist nur ein Testpolder, den man nach zwei Jahren wieder sich selbst überlassen will. "Er trägt nichts zur Verbesserung der Wasserqualität der Ems bei", sagt auch Sickelmann. Aber wenn der Test positiv ausfällt, sollen weitere sogenannte Tidebecken gebaut werden, die bei jedem Hochwasser voll laufen. Die Europäische Union (EU) hat schon mit erheblichen Strafen gedroht, wenn Deutschland die Ems weiter verschlicken lässt. Daraufhin ist das Jahrhundert-Projekt "Masterplan Ems" entstanden, das eine Verbesserung der Wasserqualität verspricht, und dabei gleichzeitig der Meyer Werft gestattet, auch in Zukunft Riesenschiffe zu überführen. Für Gewässerfachmann Rupert nur eine "Beruhigungspille", die in erster Linie die EU besänftigen solle.

Vier Stunden Sperrung pro Tide

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"Genting Dream": Kritik an Ems-Überführung

Am Sonntag soll das Kreuzfahrtschiff "Genting Dream" überführt werden. "Dafür ist es viel zu warm", kritisiert eine Bürgerinitiative. Der Fluss leide ohnehin unter Sauerstoffmangel. (16.09.16) mehr

Auch der zweite Meilenstein des Masterplans überzeugt Dietrich Rupert nicht: das Emssperrwerk als Schlickbremse, mit einer noch zu installierenden Sohlschwelle, an der der Schlick aus Richtung Nordsee hängen bleiben soll. Dafür ist das Bauwerk allerdings nicht ausgelegt. Es müsste erst aufwändig umgebaut werden. "Möglich ist das", sagt Rupert, "aber das hat zur Folge, dass die Ems bei Gandersum in Zukunft immer vier Stunden pro Tide für die Schifffahrt gesperrt werden muss. Das ist nicht gesetzeskonform".

Dass mit der Schlickbremse am Sperrwerk die Ems als Bundesschifffahrtsstraße dann nicht mehr rund um die Uhr schiffbar sein wird, meldete auch die niedersächsische Landesregierung Ende Juni in ihrem aktuellen Masterplan-Halbjahresbericht nach Brüssel. Der knapp siebenseitige Bericht liegt dem NDR vor. Auch der Oldenburger Behördenleiter Sickelmann räumt das Problem ein. Und beteuert zugleich: "Sie können sicher sein, dass auch die Belange der Schifffahrt beachtet werden und das verträglich gelöst wird." Sickelmann verweist darauf, dass der Masterplan erst im Jahr 2050 vollständig umgesetzt sein muss. Das ist noch sehr lange hin. Die EU will allerdings schon vorher erste Ergebnisse sehen. 2021 will sie prüfen, ob die Länder die verbindliche Wasserrahmenrichtlinie umgesetzt haben. Also ob bis dahin Fortschritte erkennbar sind, die die Gewässerqualität verbessert haben. Sickelmann ist auch hier zuversichtlich. Am Geld sollte es nicht scheitern, 22 Millionen Euro hat das Land Niedersachsen dafür allein für die nächsten fünf Jahre bereitgestellt. Für den ehemaligen NLWKN-Ingenieur Dietrich Rupert schlicht rausgeschmissenes Geld.

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"Genting Dream" erreicht Hafen in Eemshaven

Der Ozeanriese "Genting Dream" der Papenburger Meyer Werft hat Montagmorgen das niederländische Eemshaven erreicht. Die stimmungsvollsten Bilder finden Sie hier. mehr

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Die Homepage der Bürgerinitiative "Rettet die Ems" extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 02.10.2016 | 19:30 Uhr

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