Stand: 15.07.2015 21:49 Uhr

Anklage gegen "Doktormacher" aus Osnabrück

von Charlotte Horn, Peter Hornung, NDR Info

Es war ein einträglicher Handel, den ein Osnabrücker Geschäftsmann über Jahre betrieben hatte. Er verkaufte nach Recherchen von NDR Info und der "Neuen Osnabrücker Zeitung" ("NOZ") falsche Doktor-Urkunden an Titelsüchtige in Deutschland und Österreich. Den Millionenerlös schleuste er offenbar über Steueroasen zurück in seine Tasche. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat nun Anklage gegen den Mann erhoben - wegen Steuerhinterziehung.

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Ein Ehrendoktortitel schmückt den Käufer - kommt ihn aber auch teuer zu stehen.

"Professor Carlos Niemeyer" - so nannte sich Titelhändler Reinhard K. gerne, wenn er mit Kunden in Kontakt trat. Christian Schneider (Name geändert) war einer von ihnen, ein besonders guter sogar. Als Erstes kaufte er für fast 4.000 Euro einen Ehrendoktortitel der frei erfundenen "Yorkshire University". Doch damit nicht genug, erzählt er: "Weil es mir damals auch darum ging, den Titel eingetragen zu bekommen in die Papiere, was ja mit dem Ehrendoktortitel nicht geht, habe ich dann noch einen 'richtigen Doktortitel' der Universität Warschau erworben - für 12.500 Euro."

Die Titel hat Schneider längst wieder abgelegt. Heute bereut er, sie je gekauft zu haben: "Ich wollte mein Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit etwas aufpolieren, mich quasi wichtiger machen. Darum ging es mir. Ich war in einem Bereich unterwegs, wo mir das sehr hilfreich erschien. Leider Gottes, sage ich im Nachhinein, hat sich das auch bestätigt. Es funktioniert."

Appell an die Eitelkeit potenzieller Käufer

Reinhard K. sprach nach Recherchen von NDR Info und der "NOZ" unter seinem Pseudonym "Professor Niemeyer" gezielt Selbstständige an. "Wollen Sie legal einen Doktortitel führen, der Ihnen zu mehr Ansehen verhilft?", stand in einem Fax an Ärzte. Es sei "kein Abitur, Hochschulstudium und Dissertation erforderlich". Gezielt appellierte K. an die Eitelkeit potenzieller Käufer: "Sie sind erfolgreich im Beruf, haben nicht die Zeit, ein langwieriges Studium zu absolvieren, um danach auch noch jahrelang eine Dissertation zu schreiben?"

Millionen-Geschäft mit viel krimineller Energie

Was ist ein Ehrendoktortitel?

Einen Ehrendoktor verleiht eine Universität oder Fakultät für besondere Verdienste. So wurde zum Beispiel Nelson Mandela mit 50 Ehrendoktortiteln, der Dalai Lama mit 43 und Helmut Kohl mit über 20 ausgezeichnet. Im Internet gibt es Ehrendoktortitel auch zu kaufen. Den gekauften Titel zu führen, ist illegal. Titelmissbrauch ist in Deutschland ein Täuschungsdelikt. Insbesondere das unbefugte Führen eines akademischen Grades ist strafbar.

Die Staatsanwaltschaft stellte fest, dass von 2003 bis 2010 5,6 Millionen Euro auf einem Konto des Geschäftsmannes eingingen. Das Geld habe K. dann über ein Firmengeflecht in der Schweiz und in Panama geschleust - und dabei Steuern in Höhe von 1,8 Millionen Euro hinterzogen, sagt Volker Brandt, Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück: "Die entsprechenden Einnahmen sind weder in der Bundesrepublik noch in der Schweiz, wo sich die Gesellschaft befunden hat, versteuert worden."

Reinhard K. müsse laut Brandt nun angesichts der Höhe der hinterzogenen Steuern mit einer Haftstrafe ohne Bewährung rechnen: "Die kriminelle Energie, die beim Verschieben des Geldes nach jetziger Aktenlage da ist, ist schon recht beeindruckend, weil es doch schon einigen Aufwand bedeutet, in der Schweiz und Panama Firmen zu gründen und diese Firmengründung zu verschleiern und Geldbewegungen zu tarnen."

Auch die Käufer riskieren Strafen

Reinhard K. und sein Anwalt reagierten nicht auf Anfragen von NDR und "NOZ". Dass der 65-Jährige nun wegen Steuerhinterziehung angeklagt wurde, liegt übrigens daran, dass auf den Verkauf falscher Titel deutlich niedrigere Strafen stehen - und er auch schwerer nachzuweisen ist. Vorsichtig geschätzt dürfte K. zwischen 500 und 800 falsche Titel verkauft haben.

In 70 Fällen wurde auch gegen Titelträger ermittelt, doch nur eine Handvoll Verfahren endete mit einer Verurteilung. Zuletzt wurde im vergangenen März ein Zahnarzt aus Hannover bereits in zweiter Instanz zu 50.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Er hatte neben seinem echten "Dr. med. dent." noch einen Yorkshire-Titel geführt. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

"Die größte Dummheit meines Lebens"

Noch immer gibt es wohl viele, die bislang unerkannt falsche Titel aus Osnabrück führen. So entfernte ein Wiener Uhrmacher noch vor wenigen Tagen seinen falschen Ehrendoktor aus dem Internet, nachdem er von NDR Info zu dessen Herkunft befragt worden war. Zuvor hatte der Mann auf seiner Firmenseite damit geprahlt, dass ihm "die Yorkshire-Universität den Dr. h.c." verliehen habe.

Christian Schneider kam der Kauf der falschen Doktortitel teuer zu stehen. Mehr als 15.000 Euro hatte er zunächst für beide Urkunden gezahlt. Am Ende kamen noch 5.000 Euro Strafe dazu. Viel schlimmer als dieses Geld sei jedoch der Umstand gewesen, dass er sich in seinem beruflichen und privaten Umfeld völlig lächerlich gemacht habe: "Von daher ist es absolut richtig zu sagen: die größte Dummheit meines Lebens."

Eine "Ehrendoktor-Urkunde" der "Yorkshire University":

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 15.07.2015 | 08:38 Uhr