Stand: 02.12.2016 08:51 Uhr

Versteck von jüdischer Familie in Jever entdeckt

von Oliver Gressieker

Jedes Jahr besuchen mehr als eine Million Menschen das Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Das Versteck des jüdischen Mädchens ist ein weltweit bekannter Ort, der an die nationalsozialistische Verfolgung und Unterdrückung erinnert. In Jever (Landkreis Friesland) wurde im vergangenen Jahr von Mitgliedern des zum Schlossmuseum gehörenden Arbeitskreises Gröschler-Haus ein Bretterverschlag entdeckt, der erstaunliche Parallelen zum Anne-Frank-Haus aufweist. In zwei wenige Quadratmeter großen Kammern auf dem Dachboden des Concerthauses versteckte von Oktober 1943 bis Januar 1944 der Filmvorführer Adolf Hirche seine jüdische Frau Erna und die gemeinsame Tochter Eva.

Der geheime Zufluchtsort der Familie Hirche

Entdeckung sorgt für Erstaunen und Begeisterung

"Ein derart gut erhaltenes Versteck ist in Norddeutschland vermutlich einzigartig", sagte die Leiterin des Schlossmuseums, Antje Sander, im Gespräch mit NDR.de. Es sei in Jever zwar durchaus bekannt gewesen, dass Juden im Concerthaus Zuflucht gesucht hatten. Allerdings hätte niemand für möglich gehalten, dass es den Verschlag mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch gibt. Umso größer war die Überraschung, als sich Sander und einige Mitarbeiter des Gröschler-Hauses im vergangenen Jahr anlässlich eines Eigentümer-Wechsels den Dachboden genauer anschauten. "Plötzlich haben wir den Verschlag entdeckt", berichtet Sander. "Und zu unserem Erstaunen sah es so aus, als ob seit Kriegsende so gut wie nichts verändert wurde. Das war ein unendlich berührender Moment."

Familie überlebt mit Glück den Krieg

Die Familie Hirche verließ das Versteck bereits im Januar 1944 wieder. Am 5. Januar meldete sich Erna Hirche offiziell bei der Stadt an, vermutlich weil sie sich sicher fühlte und zudem auf Lebensmittelkarten angewiesen war. Die vermeintliche Sicherheit stellte sich jedoch als Trugschluss heraus. Im Oktober 1944 wurde Adolf Hirche als "jüdisch Versippter" zur Zwangsarbeit nach Bremen-Farge und später Lenne/Westfalen verschleppt. Erna Hirche blieb in Jever zurück und erhielt Anfang Februar 1945 die Ankündigung zur Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt. Daraufhin unternahm sie einen Selbstmordversuch, den sie überlebte. Statt nach Theresienstadt wurde sie ins Landeskrankenhaus Wehnen eingeliefert, wo in den Kriegsjahren zahlreiche Menschen verhungerten. Tochter Eva wurde in dieser Zeit bei einer Familie aus Jever untergebracht. Nach der Befreiung des Arbeitslagers durch die Alliierten holte Adolf Hirche seine Frau schließlich am 28. April 1945 in Wehnen ab. Damals wog Erna Hirche gerade noch 35 Kilogramm.

Neue Heimat in Israel

Hirches Tochter Eva wanderte mit ihrem Ehemann 1957 nach Israel aus.

Nach dem Ende des Krieges wohnten die Hirches zunächst gemeinsam in der Schlosserstraße in Jever. Als Erna Hirche 1959 starb, zog ihr Mann nach Israel, wohin Tochter Eva zwei Jahre zuvor ausgewandert war. Adolf Hirche arbeitete dort unter anderem fürs Fernsehen und installierte Mikrofonanlagen in Gerichtssälen. Eva heiratete den in Deutschland geborenen Juden Georges Basnizki und war als Sekretärin in einem Sanatorium für Holocaust-Überlebende tätig. Außerdem trat sie als Lyrikerin in der deutschsprachigen Jerusalemer Schriftstellergruppe "Lyris" in Erscheinung". Anfang der 1980er-Jahre schrieb sie ihre Lebensgeschichte auf, in der auch das Versteck im Concerthaus erwähnt wird. Am 5. Januar 2016 starb sie im Alter von 82 Jahren.

Experten halten Erinnerungsort für sehr schützenswert

Museumsleiterin Sander hofft nun, dass der geschichtsträchtige Bretterverschlag in seiner ursprünglichen Form erhalten und in das Projekt "Erinnerungsorte in Friesland" aufgenommen werden kann. "Mein Traum wäre es, ihn in begrenztem Rahmen sogar öffentlich zugänglich zu machen", so die Museumsleiterin. Unterstützung bekommt sie dabei von der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten. Der Leiter der Gedenkstättenförderung, Rolf Keller, hält der Bretterverschlag für äußerst schützenswert, da der Fall der Familie Hirche aufgrund einer Biografie der Tochter und zahlreicher Bild- und Filmaufnahmen sehr gut dokumentiert ist. "Das ist schon eine ganz besondere Sache, so ein Fall ist mir bisher noch nicht untergekommen", sagte Keller gegenüber NDR.de.

Bisher keine Reaktion vom Eigentümer

Noch unklar ist, wie der neue Eigentümer, bei dem es sich um einen Vermögensverwalter aus dem Emsland handeln soll, die Pläne beurteilt. Laut Sander hat das Unternehmen auf mehrere schriftliche Anfragen bisher nicht reagiert. "Wir hoffen sehr, dass man sich dort irgendwann regt und vor allem nichts kaputtmacht", sagt sie. Sollte sich der Eigentümer rechtmäßig verhalten, ist diese Sorge unbegründet. Denn nach Auskunft des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege steht das gesamte Gebäude sowohl innen als auch außen unter Denkmalschutz. Aufgrund der besonderen Gegebenheiten mit dem geschichtsträchtigen Dachboden sei dies dem neuen Eigentümer von der Behörde ausdrücklich mitgeteilt worden, sagte Referatsleiter Niels Juister. Ein Abriss des Bretterverschlags sei somit nicht möglich. Ob das Versteck der Familie Hirche allerdings dokumentiert und zugänglich gemacht werden kann, liege einzig und allein in den Händen des Investors.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 02.12.2016 | 12:00 Uhr

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