Stand: 09.03.2015 16:58 Uhr

Urteil gegen Niels H. ist rechtskräftig

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Niels H. ist vom Landgericht Oldenburg zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt worden.

Der frühere Krankenpfleger Niels H. muss lebenslang hinter Gitter. Das Urteil, das Ende Februar vom Landgericht Oldenburg gegen den 38-Jährigen verhängt wurde, ist nun rechtskräftig. Das gab ein Sprecher des Gerichts am Montag bekannt. Damit ist ausgeschlossen, dass der frühere Krankenpfleger nach 15 Jahren vorzeitig auf Bewährung aus der Haft kommen kann. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Niels H. sich des zweifachen Mordes, des zweifachen Mordversuchs in Tateinheit mit Körperverletzung sowie gefährlicher Körperverletzung in einem weiteren Fall schuldig gemacht hat. Neun Monate der Haft gelten durch die Untersuchungshaft als verbüßt. Die Kammer stellte eine besondere Schwere der Schuld fest, womit eine Entlassung nach 15 Jahren Haft ausgeschlossen ist. Außerdem verhängte sie ein Berufsverbot gegen den früheren Krankenpfleger.

"Die Menschen waren Spielfiguren für Sie"

"Es hat bei Ihnen eine Entmenschlichung stattgefunden", sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung Ende Februar an Niels H. gewandt. Mit deutlichen Worten erläuterte Sebastian Bührmann, dass der Pfleger in der Intensivstation vollkommen fehl am Platz gewesen sei. Die Arbeit habe H. "überfordert und emotional abstumpfen lassen". "Die Menschen waren Spielfiguren für Sie in einem Spiel, in dem nur Sie gewinnen und die anderen alle verlieren konnten", so Bührmann, dessen Ausführungen Niels H. häufig mit einem Nicken quittierte. Die Patienten habe H. als Objekte betrachtet, sagte der Vorsitzende. Die Verteidigung hatte argumentiert, dass gerade keine besondere Schwere der Schuld vorliege, weil ihr Mandant die Kranken nicht als Individuen, sondern nur als "leblose Hüllen" wahrgenommen habe. Das Gericht sah in der Degradierung der Menschen zu Objekten dagegen niedrige Beweggründe und damit ein Mordmerkmal.

Das Ausmaß des Vertrauensbruchs und das planvolle Vorgehen des Pflegers legte das Gericht zum Nachteil des Verurteilten aus. Für ihn spreche dagegen unter anderem, dass er Reue zeige und ein Geständnis abgelegt habe.

Auszüge aus der Urteilsbegründung

  • Aussagen des Richters über Niels H.:

    "Herr H., der Job in der Klinik hat Sie überfordert und emotional abstumpfen lassen."

  • Aussagen des Richters über Niels H.:

    "Sie waren den Patienten gegenüber abgestumpft und verroht."

  • Aussagen des Richters über Niels H.:

    "Es hat bei Ihnen eine Entmenschlichung stattgefunden."

  • Aussagen des Richters über Niels H.:

    "Sie haben mit dem Leben anderer Menschen gespielt."

  • Zur Beweislage:

    "Die Beweise gegen Sie waren erdrückend: Dienstzeiten, Medikamentenverbrauch, Todesstatistik, Aussagen der Mithäftlinge."

  • Zur Beweislage:

    "Ihr Geständnis ist glaubhaft."

  • Zum Arbeitsumfeld von Niels H.:

    "Im Klinikum Oldenburg muss man ein sehr schlechtes Gefühl in Bezug auf Niels H. gehabt haben."

  • Zum Arbeitsumfeld von Niels H.:

    "Chancen des Einwirkens wurden vergeben."

  • Zu den Verzögerungen bei den Ermittlungen:

    "Es ging darum, sich das Unmögliche vorzustellen."

  • Zu den Verzögerungen bei den Ermittlungen:

    "Im Juni 2006 hätte man weiter ermitteln müssen, doch jahrelang ist nichts passiert."

  • Zu den Verzögerungen bei den Ermittlungen:

    Entschuldigung bei den Angehörigen: "Es hätte besser laufen müssen."

  • Zu den Verzögerungen bei den Ermittlungen:

    Ausdrückliche Entschuldigung bei Nebenklägerin Kathrin Lohmann: "Man hätte Ihnen nicht sagen dürfen, dass eine Exhumierung zu teuer ist."

  • Zur Begründung des Strafmaßes:

    Der Richter hat eindeutig volle Schuldfähigkeit festgestellt.

  • Zur Begründung des Strafmaßes:

    Niedrige Beweggründe lägen vor, weil Niels H. "Menschen zu Objekten degradiert" habe.

  • Zur Begründung des Strafmaßes:

    Der Angeklagte habe "Reue gezeigt", sei aber planvoll vorgegangen.

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Gericht folgt Forderungen der Anklage

Angeklagt war der Pfleger wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs. In zwei Fällen konnte jedoch nicht zweifelsfrei festgestellt werden, ob die Patienten an dem von Niels H. gespritzten Medikament starben oder ihren schweren Vorerkrankungen erlagen. Deshalb wertete das Gericht diese Taten als gefährliche Körperverletzung beziehungsweise Mordversuch. Mit der verhängten Strafe sowie der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld folgte das Gericht dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft. Die Argumente von Verteidigerin Ulrike Baumann konnten die Kammer dagegen nicht überzeugen. Baumann hatte dafür plädiert, die Taten als Totschlag und nicht als Mord zu werten, da ihr Mandant weder heimtückisch noch aus niedrigen Beweggründen gehandelt habe. Ein konkretes Strafmaß hatte sie nicht gefordert.

Viermal lebenslänglich

Für die Fälle von Mord und versuchtem Mord verhängte das Gericht viermal lebenslänglich, für die gefährliche Körperverletzung neun Jahre Haft. Eine Sicherungsverwahrung im Anschluss an die Gefängnisstrafe ist nach Ansicht des Gerichts nicht notwendig, da keine Wiederholungsgefahr bestehe - doch eine lebenslange Haftstrafe könne durchaus bedeuten, dass jemand in der Tat sein Leben lang in Haft bleibe, betonte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann. Durch die besondere Schwere der Schuld kann ohnehin nicht nach 15 Jahren beantragt werden, den Rest der Strafe zur Bewährung auszusetzen. "Die Strafvollstreckungskammer wird später zu entscheiden haben, wie lang die Freiheitsstrafe tatsächlich vollstreckt werden muss", erklärte Gerichtssprecher Daniel Mönnich. Wie viele Jahre Niels H. hinter Gitter verbringt, wird sicherlich auch davon abhängen, wie viele weitere Fälle ihm noch nachgewiesen werden können.

Ermittlungen gegen H. stehen erst am Anfang

Niels H. hatte Intensiv-Patienten im Klinikum Delmenhorst eine Überdosis eines Herzmedikaments gespritzt. Anschließend reanimierte er die Kranken - nach Einschätzung des Gerichts wollte er dadurch als Retter dastehen. Doch die Wiederbelebung gelang nicht immer. Die fünf Fälle in Delmenhorst, wegen derer der Pfleger jetzt verurteilt worden ist, sind damit vermutlich nur die Spitze des Eisbergs: Niels H. hatte lange zu den Vorwürfen geschwiegen, dann aber einem Gutachter gestanden, das Medikament zwischen 2003 und 2005 in 90 Fällen gespritzt zu haben. Bis zu 30 Patienten sollen in der Folge gestorben sein. Insgesamt prüfen Ermittler noch eine weitaus größere Zahl möglicher Taten: Mehr als 200 Todesfälle an den früheren Arbeitsstätten des Pflegers in Delmenhorst, Oldenburg und Wilhelmshaven nimmt eine Sonderkommission der Polizei unter die Lupe. Im März wollen die Ermittler acht Leichen exhumieren. Weitere könnten folgen.

Klinik Oldenburg will Familien entschädigen

Zwölf Todesfälle sind es, die der Polizei am Klinikum Oldenburg verdächtig vorkommen. Ob Niels H. für den Tod der Patienten verantwortlich ist, müssen die Ermittlungen zeigen - diese könnten noch Monate in Anspruch nehmen. Klinikchef Dirk Tenzer hat sich dennoch entschlossen, den Angehörigen der zwölf Verstorbenen bereits jetzt Entschädigungen zu zahlen. Erste Gespräche mit den Hinterbliebenen sind in der kommenden Woche geplant. Im März will Tenzer in Oldenburg zudem ein Whistleblowing-System einführen: Mitarbeiter können Auffälligkeiten dann anonym melden.

Der Aufsichtsratschef des Klinikums Delmenhorst, Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD), will vor der Zahlung von Entschädigungen zunächst die Ergebnisse der Ermittlungen abwarten. Auf das Urteil des Landgerichts reagierte Jahnz erleichtert: Er selbst und die Öffentlichkeit hätten dieses Urteil erwartet. Es bleibe aber noch vieles aufzuarbeiten, so der Oberbürgermeister.

Chronologie

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