Stand: 08.01.2016 16:14 Uhr

Totes Reh sollte Wolf ködern

von Alexander Nortrup
Umstrittene Methode: Eine Wölfin ist in eine Fotofalle im Landkreis Diepholz gelockt worden - mit einem toten Reh als Köder.

Ein Jagdpächter aus Dreeke im Landkreis Diepholz hat eine Wölfin gezielt in eine Fotofalle gelockt. Daran entzündet sich nun eine Kontroverse, die auch im Netz bereits hohe Wellen schlägt. Denn anders als bei den klassischen Fotofallen lag neben der Kamera ein totes Reh, als Köder gewissermaßen. Der NABU Niedersachsen kritisiert den Vorgang "aufs Schärfste". NABU-Landeschef Holger Buschmann weist darauf hin, dass "Experimente" dieser Art dem Wolfskonzept der Landesregierung widersprächen und Konsequenzen haben müssten.

Die Wölfin geht an Neujahr in die Falle

Was ist tatsächlich vorgefallen? Jagdpächter Egon Schumacher sagt, er habe das gerissene Tier, ein "ziemlich altes" Reh, am 29. Dezember vorgefunden und vermutet, dass es Opfer der im Landkreis wandernden Wölfin wurde. Der von Schumacher verständigte Wolfsbeauftragte des Landkreises, Dr. Marcel Holy, habe dann zugestimmt, neben das tote Tier eine Kamera zu stellen. Zuvor sei das Tier 100 Meter von der Straße, wo es ursprünglich gefunden worden war, weggebracht worden, um Distanz zu schaffen. Zwei Tage später, am Neujahrstag, zeigte sich dann tatsächlich die Wölfin, schnüffelte an dem Kadaver und zog wieder von dannen. Die Fotofalle hielt ihren Auftritt eindeutig fest.

Wolfsberater billigt die Fotofalle

Wolfsbeauftragter Holy bestätigt gegenüber NDR.de den Vorgang, weist allerdings darauf hin, dass er den Riss eindeutig einem Fuchs zugeordnet hatte und deshalb auch keine DNA-Probe von dem Reh genommen und weitergeleitet habe. Stattdessen habe er auf diese unkonventionelle Art herausfinden wollen, ob möglicherweise ein zweiter Wolf mit der schon bekannten Wölfin lebe: "Es bot sich einfach an. Hinweise darauf gab es durchaus, allerdings bislang kein Foto und auch keine DNA-Probe." In diesem Fall wäre vielleicht im Frühjahr auch Nachwuchs zu erwarten gewesen, was für ihn eine wichtige Neuigkeit dargestellt hätte. An den Menschen gewöhnt habe man den Wolf aus seiner Sicht nicht, weil es sich um ein bereits verendetes Wildtier handelte und bewusst am Ort des Geschehens keine menschliche Witterung hinzugefügt worden sei.

Ein "normaler Vorgang"?

Ist es sinnvoll, ein gerissenes Tier wissentlich liegenzulassen? NABU-Landeschef Buschmann hält das Experiment für unzulässig und befürchtet durchaus eine Gewöhnung des Wolfs an die menschliche Nähe. Jagdpächter Schumacher wehrt sich gegen die NABU-Kritik: Er habe den Wolf nicht angefüttert und auch nicht an Menschen gewöhnt, zumal das gerissene Reh vorher näher an Häusern und einer Straße gelegen habe als hinterher. Auch Detlef Tänzer, Leiter des Fachdienstes Kreisentwicklung beim Landkreis Diepholz und zuständig für den Naturschutz, hält das für einen "völlig normalen Vorgang". Er stehe mit dem Wolfsberater im engen Austausch und gestehe ihm einen Handlungsspielraum in solchen Fällen zu. Anfüttern sei das aus seiner Sicht nicht gewesen, zumal auch seine Behörde eine genaue Kenntnis der Wolfsbewegungen befürworte. Allerdings hält er die Vorstellung, dass keine zusätzliche menschliche Witterung an der privaten Foto-Falle aufgenommen werden konnte, für falsch: "Dafür haben Wölfe einen viel zu guten Geruchssinn."

Weitere Informationen
mit Video

Kritik am Umgang mit Wölfen reißt nicht ab

Drei Jahre nach der Rückkehr der Wölfe in Niedersachsen wird noch immer gegen die Raubtiere protestiert. Wolfsberater und Kommunen kritisieren vor allem die Informationspolitik des Landes. (05.01.2016) mehr

01:16 min

Wölfe vor der Handykamera

11.12.2015 14:49 Uhr
NDR Fernsehen

Ob in der Feldflur, im Wald oder auch im Wohngebiet: In den vergangenen Monaten wurden in Niedersachsen immer wieder Wölfe gesichtet. So mancher Beobachter hat da seine Handykamera gezückt. Video (01:16 min)

15 Bilder

Chronologie: Der Wolf in Niedersachsen (ab 2015)

"Kurti" ist tot: Der Wolf, der in der Vergangenheit immer weniger Scheu vor der Nähe zu Menschen zeigte, wurde Ende April auf Anordnung des Umweltministeriums erschossen. Bildergalerie

Tot oder lebendig? Diskussion um "Problemwölfin"

Rückendeckung für Schäfer im Streit mit Umweltminister Wenzel: Der Leiter des Wolfcenters Dörverden sieht die Goldenstedter Wölfin als "Problem" und hält eine Entnahme für eine Option. (01.12.15) mehr

Land zahlt 9.500 Euro für Wolfsrisse

Als Ausgleich für gerissene Schafe hat das Land im vergangenen Jahr rund 9.500 Euro an Schäfer gezahlt. Für zusätzlichen Schutz vor den Raubtieren wurden zudem 77.000 Euro bewilligt. (26.11.15) mehr

Erneut vier Schafe im Kreis Diepholz gerissen

In Freistatt (Landkreis Diepholz) sind vier Schafe getötet worden. Noch ist unklar, ob erneut die Goldenstedter Problemwölfin zugeschlagen hat. (17.11.15) mehr