Stand: 08.02.2014 18:39 Uhr

Tod im Nebel: Baltrum war nur eine Sandbank

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Horst Evers (li.) hat die Andenken an seinen Ur-Ur-Großonkel dem Heimatmuseum Baltrum als Dauerleihgabe überlassen.

Wenn Horst Evers auf die stürmische Nordsee blickt, dann wandern seine Gedanken oft zurück - zurück ins 19. Jahrhundert. Was seinem Ur-Ur-Großonkel vor 148 Jahren passiert ist, das lässt den Ostfriesen bis heute nicht los: Es ist das Jahr 1866. Der 21-jährige Seeschifffahrts-Schüler Tjark Evers will einmal Kapitän werden und besucht die Navigationsschule im ostfriesischen Timmel. Vor Weihnachten bekommt er ein paar Tage Ferien. Wie die anderen Schüler macht er sich auf den Nachhauseweg. Sein Zuhause ist auf Baltrum.

Dichter Nebel zieht auf

In Westeraccum kann Tjark Evers zwei Fischer überreden, trotz des aufziehenden Nebels noch loszumachen. Er will nach Baltrum; und einen Freund hat er auch dabei. Der will nach Langeoog. Kaum haben sie abgelegt, verdichtete sich der Nebel zu einer dicken Suppe. Trotzdem bringen die Fischer Tjarks Freund nach Langeoog. "Schönes Fest", raunt der noch und verschwindet auf der Insel im Nebel. Jetzt soll es für Tjark nach Hause gehen. Lang ist der Weg zwischen den beiden Inseln nicht.

Insel entpuppt sich als Sandbank

Tjark Evers wähnt sich endlich zu Hause, endlich auf Baltrum. Allerdings ist hier der Nebel so dick, dass er die Hand vor Augen nicht sieht. Tjark hat es schwer, sich zu orientieren. Gerade noch denkt er, er müsse die linke Richtung einschlagen, dann tendiert er nach rechts. So geht es eine ganze Weile und Tjark versteht nicht, warum er nach immer weniger Schritten am Wasser endet. Plötzlich kommt ihm ein furchtbarer Verdacht: Er wurde nicht auf Baltrum abgesetzt, sondern auf einer Sandbank. Dieser Verdacht wird im nächsten Moment Gewissheit. Tjark Evers befindet sich auf einer Sandbank - und das Wasser steigt. Tjark beginnt, in sein Notizbuch zu schreiben: "Liebe Eltern Gebrüder u Schwestern ich stehe hier auf einer Plat und mus ertrinken ich bekom me Euch nicht wieder zu sehen und ihr mich nicht."

Zigarrenkiste wird zur Flaschenpost

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Vor seinem Ertrinken legte Tjark Evers sein Notizbuch in eine Zigarettenkiste - und verband sie mit seinem Halstuch.

Als ihm das Wasser bis zum Bauch steht, nimmt er sich sein Halstuch ab. Er legt das Buch in eine Zigarrenkiste, knotet sie mit dem Halstuch zu und legt die Kiste ins Wasser. "Ich stecke Dieses Buch in Eine Sigarren Kiste. Gott gebe Daß Ihr die Zeilen Von meiner Hand Erhaltet" Und schließlich: "Es ist 9 Uhr. Ihr geht gleich zur Kirche. Betet nur für mich Armen, daß Gott mir gnädig sei. Ich grüße euch zum letzten Mal" Eine Woche später wird auf der Insel Wangerooge eine Zigarrenkiste gefunden. Es ist die von Tjark Evers mit den letzten Grüßen an seine Eltern. Sein Leichnam bleibt verschollen.

 

Ur-Ur-Großneffe will Erinnerung wachhalten

Heute ist Horst Evers, dem Ur-Ur-Großneffen des Ertrunkenen, eines wichtig: Dass das Schicksal des Seefahrtsschülers nicht in Vergessenheit gerät. Er hat sich deshalb entschlossen, das Notizbuch, die Kiste, Stift und Tuch dem Heimatmuseum Baltrum als Dauerleihgabe zu überlassen. Hier erinnern sie heute in einer Vitrine an das tragische Schicksal des Tjark Evers.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 07.02.2014 | 19:30 Uhr