Stand: 11.01.2015 11:21 Uhr

Stur, aber auch laut: Esel soll Wolf verjagen

"Vielleicht bringt es ja was": Mit dieser Hoffnung fährt Berufsschäfer Tino Barth aus Twistringen im Landkreis Diepholz an diesem Morgen in Richtung Sachsen-Anhalt. Es ist acht Uhr, es regnet, aber wenigstens ist auf der Autobahn 2 in Richtung Osten wenig Verkehr. Mit einem Kollegen hat sich Barth auf den Weg in das kleine Örtchen Pauscha gemacht, um dort sechs Esel zu kaufen. Die Tiere sollen die Schafe daheim vor Wolfsangriffen schützen. "Bei uns im Landkreis Vechta oder Diepholz vergeht kaum keine Woche, in der keine Tiere gerissen werden", erzählt der Schäfer. Erst Ende November seien bei seinem Nachbarn zwölf Schafe gerissen worden, darunter auch tragende Tiere: "So was möchte ich nicht noch mal erleben."

Herdenschutzesel vor allem in der Schweiz im Einsatz

Nach dem grausigen Vorfall habe er kaum schlafen können, erzählt Barth. Die ganze Zeit habe er gegrübelt, wie er seine Schafe schützen könnte. Im Internet suchte er nach Lösungen und kam schließlich auf die Idee mit den Eseln. "Herdenschutzhunde können wir nicht halten, denn wir haben angrenzend ein Naherholungsgebiet und das wäre zu gefährlich." Außerdem hätte die Untere Naturschutzbehörde im Landkreis etwas gegen den Einsatz von Hunden, weil in dem Gebiet viele Vögel am Boden brüten, und die Hunde die Nester zerstören könnten. Herdenschutz-Esel sind vor allem in der Schweiz verbreitet, aber auch in Bayern und Baden-Württemberg werden sie als Schutz- und Packtiere in Schafherden eingesetzt. In Niedersachsen dagegen spielen sie im Moment noch kaum eine Rolle.

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Schäfer Tino Barth aus Twistringen hofft, dass Esel seine Herde künftig vor Wolfsangriffen schützen werden. Gerade hat er sich deshalb in Sachsen-Anhalt drei Tiere gekauft. Bildergalerie

Schüchtern und störrisch, aber unheimlich laut

Über Bekannte erfuhr Tino Barth von der Eselzucht in Pauscha. Als er und sein Begleiter Rainer Hörmann an diesem Morgen auf dem alten Rittergut ankommen, hat Eselzüchter Bernhard Nickel schon alles vorbereitet: Die Tiere sind frisch gestriegelt und bereits bereit zum Verladen. Nickel hatte schon als Kind einen eigenen Esel, er sei ein Esel-Liebhaber, sagt er von sich selbst: "Esel sind manchmal schüchtern und stur, aber sie werden auch unheimlich laut, wenn Gefahr droht, egal, ob vom Wolf oder vom Fuchs." Dann würden sie treten und kratzen, aber an und für sich seien sie ganz lieb, so der Eselzüchter. Schäfer Barth hat ein wenig Bammel vor dem Verladen der als störrisch geltenden Tiere. Doch es klappt ohne Probleme. Selbst das junge Großesel-Fohlen lässt sich nach anfänglichem Zögern in den Anhänger schieben.

Ein Eselfohlen ab 300 Euro

Was ein Herdenschutzesel genau kostet, ist nicht leicht zu sagen, denn die Preise variieren stark. Zwischen 300 Euro für ein Fohlen und 800 Euro für ein ausgewachsenes Tier sind die Regel, manch ein Riesenesel ist aber nicht für unter 3.000 Euro zu haben. Die Kosten tragen die Schäfer selbst. In der neuen sogenannten Richtlinie Wolf des Landes Niedersachsen sind Esel nicht als Herdenschutztiere aufgeführt, deren Beschaffung gefördert werden kann. Nur Hunde werden dort genannt. Für Präventionsmaßnahmen zum Schutz vor Wölfen stellt Niedersachsen in diesem Jahr insgesamt 100.000 Euro zur Verfügung. "Bei 15.000 gemeldeten Schäfern in Niedersachsen ist das Geld wahrscheinlich jetzt schon weg", meint Barth.

"Meine Schafe kennen Esel nicht"

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Dann verabschieden sich Barth und Hörmann auch schon wieder von dem Eselzüchter und machen sich auf den Rückweg nach Niedersachsen. Sie haben wenig Zeit, weil sie bei Tageslicht mit den beiden Eseln bei ihrer Herde angekommen wollen. "Die Esel kennen zwar Schafe, aber meine Schafe kennen die Esel nicht", sagt Barth und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Deshalb möchte ich schon bei Helligkeit ankommen, damit die sich noch mal in Ruhe beschnuppern können." Trotzdem stoppen sie noch zweimal und kontrollieren, ob es den Tieren im Anhänger auch gut geht: Alles in Ordnung, die Esel fressen und haben sich hingelegt.

Esel und Zäune sollen Sicherheit geben

Mittlerweile regnet es in Strömen. Der Boden auf der Schafweide in Twistringen ist aufgeweicht. Als Barth mit dem Hänger vorfährt, warten seine Frau Daniela und die drei Töchter bereits auf die Neuankömmlinge. Vor allem die siebenjährige Tochter Selma habe sich schon immer einen Esel gewünscht, erzählt Barth. Der Schäfer fährt rückwärts an den Stall heran, öffnet das Gatter und schon steigen die beiden Stuten und das Riesenesel-Fohlen aus. Der erste Kontakt zwischen Eseln und Schafen verläuft reibungslos: Einmal kurz beschnuppert und schon kauen die Tiere friedlich nebeneinander Heu und Stroh. "Morgen gehen sie vielleicht schon kurz hinaus auf die Weide und im März bringen wir die Esel dann auch mit den anderen Schafen ganz raus." Ob der Kauf der Esel etwas gebracht hat, werde sich erst in Zukunft zeigen. Barth hofft jedenfalls, dass seine drei Esel Wölfe abschrecken und vertreiben werden. Im Frühjahr möchte er zusätzlich noch höhere Zäune anschaffen, um zumindest das Gefühl zu haben, alles zum Schutz seiner Schafe getan zu haben.

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