Stand: 16.02.2017 17:55 Uhr

Panik inklusive: Offshore-Rettung aus dem Heli

von Oliver Gressieker

Ein Hubschrauber gerät beim Anflug auf einen Offshore-Windpark ins Straucheln und muss mitten in der Nordsee notlanden. Innerhalb kürzester Zeit läuft die Kanzel voll Wasser und beginnt zu sinken. Für die Passagiere gibt es jetzt nur noch eine Chance: Sie müssen den Helikopter durch die eingeschlagenen Seitenfenster verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Dieses bedrohliche Szenario kommt in der Realität glücklicherweise fast nie vor. Dennoch wird es alle zwei Wochen beim sogenannten Helicopter Underwater Escape Training (HUET) auf dem Maritimen Campus in Elsfleth (Landkreis Wesermarsch) geprobt.

In 360 Grad dabei beim Offshore-Training

Kanzel versinkt in Schwimmbecken

Den elf Teilnehmern des heutigen HUET-Kurses ist die Anspannung deutlich anzumerken, als sie in Überlebensanzüge gepackt auf ihren Einsatz warten. "Das ist schon ein sehr mulmiges Gefühl, weil man nicht genau weiß, was auf einen zukommt", sagt der 23-jährige Lars Slangen gegenüber NDR.de. Kurz darauf wird es für die ersten drei Teilnehmer ernst. Gemeinsam mit drei Trainern nehmen sie ihre Plätze in der nachgebauten Helikopter-Kanzel ein, die an einem Schwenkkran hängt. Auf das Kommando von Ausbildungsleiter Stephan Arends senkt sich das Fluggerät langsam in das 3,70 Meter tiefe Trainingsbecken. Die 24 Grad Wassertemperatur sind in diesem Moment nur ein schwacher Trost.

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00:47 min

An Bord eines notlandenden Hubschraubers

Beim "Helicopter Underwater Escape Training" müssen sich die Teilnehmer in kürzester Zeit aus einem sinkenden Hubschrauber befreien. NDR.de war bei der Übung hautnah mit dabei. Video (00:47 min)

Große Herausforderung für die Teilnehmer

Als der Innenraum des Trainings-Hubschraubers komplett unter Wasser steht, geben die Trainer mit einem Klaps auf die Knie das Zeichen zum Ausstieg. Die Teilnehmer lösen daraufhin den Sicherheitsgurt, quetschen sich durch die Seitenfenster und tauchen nach wenigen Sekunden erleichtert an der Wasseroberfläche auf. "Die größte Herausforderung ist es, angeschnallt unter Wasser ruhigen Kopf zu behalten und die festgelegten Abläufe ohne Panik einzuhalten", sagt Arends. Selbst erfahrene Taucher hätten damit manchmal Probleme.

Kein Flug ohne das Kurszertifikat

"Ohne dieses eintägige Training darf niemand mit einem Hubschrauber in einen Windpark auf hoher See fliegen", sagt Alexander Treichel vom Unternehmen Deutsche Windguard Offshore. "Der Kurs ist vom Germanischen Lloyd zertifiziert und wird von den Windparkbetreibern und Helikopterfirmen zwingend vorgeschrieben." Die Deutsche Windguard Offshore schult im Elsflether Trainingszentrum jährlich mehr als 1.200 Menschen. Neben dem HUET-Kurs wird auch ein sechstägiges Basis-Sicherheitstraining angeboten, dass jede Person absolvieren muss, die einen Windpark betreten will. "Neben vielen Technikern sind sogar Ornithologen darunter, die rund um die Offshore-Anlagen Vögel beobachten wollen."

Bildergalerie
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Vom Höhentraining bis zur Heli-Notlandung

Auf dem Maritimen Campus in Elsfleth werden Offshore-Mitarbeiter auf ihre Einsätze vorbereitet. Die Kursinhalte sind anspruchsvoll und bringen manchen Teilnehmer an seine Grenzen. Bildergalerie

Von Überwindung bis Panik

Jeder Teilnehmer muss sich insgesamt sechsmal aus der sinkenden und sich zum Teil auch drehenden Kanzel befreien. Bei der Atmung soll das sogenannte Emerging Breathing System (EBS) helfen. Dabei handelt es sich um einen kleinen Luftsack, der kurz vor dem Eintauchen mit der eigenen Atemluft gefüllt wird. Der Umgang damit ist jedoch äußerst gewöhnungsbedürftig. "Das Schlimmste ist es, unter Wasser atmen zu müssen. Man kriegt leicht Panik und hat sogar das Gefühl, dass man ertrinken könnte", sagt Torsten Priedigkeit, der für eine Lingener Firma aus der Windenergiebranche arbeitet. Ähnlich sind auch die Erfahrungen seines Kollegen Joachim Fazler. "Die ersten Atemzüge mit dem Gerät sind eine ziemliche Überwindung, da kann man schon Angst bekommen."

Nicht jeder kommt durch

Der Druck ist allerdings nicht nur wegen der ungewohnten Situation unter Wasser, sondern auch wegen der strengen Regularien groß. "Wir haben keine Ermessens-Spielräume und winken niemanden durch", sagt Ausbilder Arends. "Das Zertifikat  wird nur vergeben, wenn der Teilnehmer alle Anforderungen einwandfrei erfüllt." Nicht umsonst sei dass Hubschrauber-Training der Kurs mit der höchsten Durchfallquote. Zudem gebe es immer wieder Kandidaten, die beim Anblick der sinkenden Kanzel von sich aus aufgeben würden. Die elf Teilnehmer des heutigen Trainings gehören nicht dazu. Trotz der einen oder anderen Anlaufschwierigkeit bestehen sie allesamt die Prüfung. Ab sofort dürfen sie nicht mehr nur mit dem Schiff zu ihren Einsätzen in den Offshore-Windparks fahren, sondern auch per Hubschrauber geflogen werden. Immer in der Hoffnung, dass sie ihre neuen Kenntnisse nie in der Praxis anwenden müssen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Funkbilder | 16.02.2017 | 18:00 Uhr

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