Stand: 04.10.2017 15:08 Uhr

Norderney: Bunte Kacheln im Dienst der Sicherheit

von Oliver Gressieker
Die Freibewitterungsanlage liegt im Osten von Norderney direkt neben einem Radweg.

Ist es eine Solaranlage oder vielleicht sogar ein Kunstwerk? Im Osten der Insel Norderney sorgt eine ungewöhnliche Installation immer wieder für erstaunte Blicke bei Radfahrern und Spaziergängern. In einem eingezäunten Bereich in der Nähe des Flugplatzes sind in mehreren Reihen rund 800 farbige Platten angebracht, die das Sonnenlicht reflektieren. Ihren Zweck dürfte wohl kaum jemand sofort erraten, aber sie haben tatsächlich einen: Es handelt sich hierbei um eine sogenannte Freibewitterungsanlage zum Test der Lebensdauer von Verkehrszeichen.

Dreijähriger Test im rauen Nordseeklima

Die Anlage wurde 2002 von der Güteschutzgemeinschaft Verkehrszeichen und Verkehrseinrichtungen aus Hagen errichtet. Alle 17 Hersteller von Straßenschildern in Deutschland lassen hier im rauen Nordseeklima mit viel Wind, einem hohen Salzgehalt und schnell wechselnden Wetterbedingungen ihre Produkte auf Dauerhaftigkeit überprüfen. Drei Jahre lang werden die 25 mal 30 Zentimeter großen Muster diesen Bedingungen ausgesetzt - danach bekommen sie, wenn alles glatt läuft, das benötigte Gütezeichen. Außerdem bringen fünf weltweit agierende Reflexfolienhersteller ihre Produkte zum Test nach Norderney.

Prüfer kommen dreimal im Jahr vorbei

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Dreimal im Jahr tauschen die Prüfer einen Teil der Testplatten aus.

Alle vier Monate - im Januar, Mai und September - werden die Prüfmuster von Mitarbeitern der Güteschutzgemeinschaft kontrolliert. Seit Dienstag ist Martin Witas zusammen mit einem Kollegen auf der Insel, um die notwendigen Arbeiten durchzuführen. "Wir sammeln die drei Jahre alten Proben ein und ersetzen sie durch neue, von denen wir rund 100 Stück dabei haben", sagt der 42-Jährige im Gespräch mit NDR.de. "Außerdem führen wir Zwischenmessungen bei den Mustern durch, die erst zwei Jahre auf dem Buckel haben." Dabei geht es in erster Linie um zwei wesentliche Faktoren - die Beständigkeit der Farbgebung und die der Reflexionsfähigkeit. Mit einem speziellen Messgerät werden die Werte erfasst und später am Computer ausgewertet. Falls ein Prüfmuster die Anforderungen nicht erfüllt, wird der Hersteller informiert, um nachbessern zu können. Das komme aber eher selten vor, so der Prüfer.

Viele Fragen von Passanten

Wenn Witas und sein Kollege auf Norderney sind, müssen sie regelmäßig aufpassen, dass sie von den vielen Passanten nicht von der Arbeit abgehalten werden. "Wir werden sehr oft angesprochen und nach dem Zweck des Prüfstands befragt", berichtet er. "Viele halten die Muster für Kacheln oder Fliesen oder gar eine ungewöhnlich gefärbte Photovoltaik-Anlage." Es sei schon faszinierend, was es alles an Reaktionen gebe. Gelegentlichen Neid wegen des vermeintlich attraktiven Arbeitsplatzes weist Witas sofort zurück. "Das ist hier absolut kein Urlaubs-Feeling für uns", sagt er. "Wenn man acht Stunden lang kniend Messungen durchgeführt hat, weiß man sehr genau, was man getan hat."

Fotos von ganz verwitterten Schildern

Der ungewöhnliche Job wirkt sich auch auf den Alltag aus. "Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, sehe ich die Verkehrsschilder schon mit anderen Augen", gesteht Witas. "Ich sehe sofort, ob das Gelb noch ein richtiges Gelb ist oder ob das Blau zu stark verblasst ist." In ganz besonderen Fällen - bei extrem abgenutzten Exemplaren - zückt der 42-Jährige sogar sein Handy und macht ein Foto. Allerdings nicht, um die zuständige Gemeinde anzuschwärzen, sondern einfach nur für sein kleines privates Archiv. "Melden würde ich ein verwittertes Schild nur dann, wenn es eine Gefahr für die Verkehrsteilnehmer darstellen würde", sagt Witas. "Das war bisher aber noch nie der Fall."

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 04.10.2017 | 14:00 Uhr