Stand: 28.08.2017 20:00 Uhr

Niels H.: Polizei deckt 84 weitere Tötungen auf

Bild vergrößern
"Die Erkenntnisse, die wir gewinnen konnten, sprengen jegliche Vorstellungskraft": Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme.

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. hat mindestens 90 Menschen getötet. Für sechs Taten wurde er bereits verurteilt, 84 weitere Fälle konnte die Sonderkommission (Soko) "Kardio" dem 40-Jährigen nun nachweisen. Das teilten Staatsanwaltschaft und Polizei am Montag in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit. 34 Monate hatte die Soko in Oldenburg und Delmenhorst ermittelt - 134 verstorbene Patienten wurden exhumiert und auf die Wirkstoffe untersucht, die H. den Menschen nach eigenen Angaben zu deren Lebzeiten injiziert hatte. Bislang war bekannt, dass der ehemalige Pfleger außer der Morde, für die er verurteilt wurde, mindestens 36 weitere Menschen getötet haben soll. Sollte er auch in den nun ermittelten weiteren Fällen für schuldig befunden werden, wäre es eine der größten Mordserien in der deutschen Kriminalgeschichte.

Ein Angeklagter verdeckt sein Gesicht.

Soko: Niels H. hat weitere Menschen getötet

Hallo Niedersachsen -

Ex-Pfleger Niels H. soll mindestens 90 Patienten getötet haben - das zeigen neue Erkenntnisse einer Sonderkommission. Eventuell hätten die Taten verhindert werden können.

4,5 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Die wichtigsten Daten aus der Soko-Bilanz:

  • 90 Tötungen konnten Niels H. insgesamt nachgewiesen werden.
  • In sechs Fällen wurde Niels H. unter anderem bereits wegen Mordes verurteilt.
  • Die Ermittler haben 134 Exhumierungen auf 67 Friedhöfen durchgeführt.
  • Niels H. hat eigenen Angaben zufolge nach seiner Einarbeitung am Klinikum Oldenburg im Jahr 1999 Patienten vergiftet.
  • Das erste Tötungsdelikt in Oldenburg begeht Niels H. im Februar 2000.
  • Am 22. Juni 2005 wird er in Delmenhorst von Kollegen auf frischer Tat ertappt.
  • Am Nachmittag des 24. Juni 2005 kommt es zum "Krisengespräch" der Verantwortlichen im Klinikum Delmenhorst - zunächst ohne Ergebnis. Noch am selben Abend tötet Niels H. einen weiteren Patienten in Delmenhorst. Sein letztes bekanntes Opfer.

Wie viele Menschen tötete Niels H.?

Die Zahl der Todesfälle an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst, für die Niels H. während seiner Dienstzeit bis 2005 verantwortlich ist, liegt wahrscheinlich noch um ein Vielfaches höher, wie Johann Kühme, Präsident der Polizeidirektion Oldenburg, sagte. Allein am Klinikum Delmenhorst seien mehr als 130 Patienten, die während Schichten von Niels H. starben, eingeäschert worden. Ein Nachweis der Wirkstoffe sei somit nicht mehr möglich.

Videos
77:18

Soko-Bilanz: Niels H. tötete 84 weitere Patienten

Ex-Krankenpfleger Niels H. soll mindestens 84 weitere Patienten in Oldenburg und Delmenhorst getötet haben. Das teilten die Behörden mit. Hier sehen Sie die Pressekonferenz in voller Länge. Video (77:18 min)

H. bestreitet Taten im Rettungsdienst

In Verhören hat Niels H. die Taten in Delmenhorst und Oldenburg eingeräumt. Offen bleibe, ob er im vollen Umfang geständig sei und ob er sich überhaupt an alle Taten erinnern könne, sagte Schmidt. Manche Fälle hätte der heute 40-Jährige verdrängt, an andere habe er sich dagegen ganz genau erinnern können. Dass er Patienten an anderen Arbeitsstätten - als Rettungssanitäter und als Pfleger in Altenheimen - eine Überdosis Medikamente gespritzt habe, bestreitet er bis heute. Zeugenaussagen würden diesen Verdacht allerdings nahelegen, so Schmidt. Die Patienten starben in diesen Fällen aber nicht.

Die Tatwaffen: Ajmalin, Sotalol, Lidocain, Amiodaron, Kaliumchlorid

Bei der jüngsten Vernehmung von Niels H. soll der Inhaftierte zugegeben haben, insgesamt fünf verschiedene Mittel genutzt zu haben, um bei seinen Opfern einen Herzstillstand herbeizuführen. Er injizierte die Wirkstoffe Ajmalin, Sotalol, Lidocain, Amiodaron und Kaliumchlorid. Nach den anschließenden geglückten Versuchen, die Menschen wieder zurück ins Leben zu holen, habe er sich tagelang gut gefühlt, sagte er einmal vor Gericht aus. Er habe sich als Held beweisen wollen. Bislang waren nur drei der Wirkstoffe bekannt. Der Umstand, dass H. weitere Mittel einsetzte, hatte zur Folge gehabt, dass die Toxikologen neue Methoden zum Nachweis entwickeln mussten, wie Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlemann sagte. Unter anderem aus diesem Grund dauern die Ermittlungen noch weiter an: Bei 41 Toten stehen die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung noch aus.

Niels H. vor Gericht.

Niels H.: Angehörige der Opfer berichten

Panorama 3 -

Insgesamt 90 Patienten soll Ex-Pfleger Niels H. in Oldenburg und Delmenhorst getötet haben. Die Angehörigen der Opfer berichten von ihrem Schicksal und ihrem Schmerz.

5 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Soko "Kardio" löst sich auf

Durchschnittlich waren in den vergangenen 36 Monaten zehn Beamte bei der Soko "Kardio" mit dem Fall Niels H. beschäftigt. Seit November 2014 wurde ermittelt, es wurden Patientenakten gelesen, Zeugen gehört, Verstorbene exhumiert. Am 31. August 2017 wird sie aufgelöst, erklärte Leiter Arne Schmidt. Die ausstehenden Ermittlungen sollen aber in Regelstrukturen weitergeführt werden. Dabei werde er selbst weiter verantwortlich bleiben, so Schneider.

Wie geht es weiter für Niels H.?

Mit dem Nachweis der weiteren 84 Opfer - 48 davon in Delmenhorst und 36 in Oldenburg - und dem Abschluss der Ermittlungen soll Niels H. noch einmal vor Gericht. Eine Klage will Oberstaatsanwältin Schiereck-Bohlemann bis Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres einreichen. Geht es nach ihr, soll H. sich in allen 84 Fällen wegen Mordes verantworten müssen. Ob der Klage stattgegeben und wann verhandelt wird, liegt beim Landgericht Oldenburg. Sollte H. erneut wegen Mordes verurteilt werden, bleibt es bei der lebenslänglichen Haft, die das Gericht als Gesamtstrafe bereits beim vorherigen Prozess im Jahr 2015 verhängt hatte.

Hintergrund

Die "Karriere" eines Serienmörders

Mehr als 90 Tötungsdelikte konnten Ermittler dem ehemalige Krankenpfleger Niels H. mittlerweile nachweisen. Wegen sechs Morden ist er bereits zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine Chronologie. mehr

"Morde hätten verhindert werden können"

Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter der Intensivstation in Delmenhorst sind unterdessen wegen Totschlags durch Unterlassen angeklagt. Am Klinikum in Oldenburg laufen die Ermittlungen noch. Auch hier steht noch die Frage im Raum, welche Schuld das weitere Klinikpersonal am Tod vieler Patienten tragen könnte. Erst wenn klar sei, um welche und wie viele Taten es überhaupt geht, könne man die Verantwortlichkeit des Personals aufarbeiten, so der Leiter der Staatsanwaltschaft Oldenburg, Thomas Sander. Für Polizeipräsident Kühme steht unabhängig davon fest: "Die Morde hätten verhindert werden können". In einer Stellungnahme hieß es vom Klinikum Oldenburg: "Warum die seinerzeit Verantwortlichen die Ermittlungsbehörden nicht eingeschaltet haben, können wir nicht nachvollziehen." Ob ein schuldhaftes Verhalten der damals Verantwortlichen vorliege, müssten die weiteren Ermittlungen zeigen.

Interne Untersuchung bereits im Jahr 2014

Eine vom Klinikum Oldenburg in Auftrag gegebene Untersuchung von Sterbefällen zur Dienstzeit von Niels H. kam zu ähnlichen Ergebnissen wie die Ermittler der Polizei. Die am Montag vorgestellten Ergebnisse der Staatsanwaltschaft und der Soko Kardio "bestätigen unsere damaligen Ergebnisse und zeigen weitere Opfer auf", teilte das Klinikum weiter mit. Ein externer medizinischer Gutachter hatte demnach schon 2014 mögliche Sterbefälle während der Beschäftigungszeit von Niels H. untersucht. Die Ergebnisse habe die Klinik den Ermittlungsbehörden zur Verfügung gestellt.

Klinikum Oldenburg stellte H. gutes Zeugnis aus

Bereits 2002 gab es an eben jenem Klinikum Oldenburg offenbar eine Statistik, die zeigte, dass während der Schichten von Niels H. die Sterberate und die Zahl der Reanimationen stieg. Diese Statistik sei auch der damaligen Geschäftsführung bekannt gewesen, sagte Soko-Leiter Schmidt. Wären die Verantwortlichen damals schon zur Polizei gegangen, wäre es zu den weitere Toten an der späteren Arbeitsstelle in Delmenhorst gar nicht erst gekommen, betonte Schmidt. Stattdessen trennte sich das Klinikum Oldenburg vom Pfleger - und stellte ihm ein gutes Arbeitszeugnis aus. Kurz darauf arbeite Niels H. im Klinikum Delmenhorst, wo er bis zum Juni 2005 weiter tötete.

Weitere Informationen
02:40

Qualifizierte Leichenschau im Test

10.05.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Um Morde wie die von Ex-Krankenpfleger Niels H. künftig nicht zu übersehen, hat die Klinik in Delmenhorst eine Leichenschau durch einen externen Rechtsmediziner eingeführt. Video (02:40 min)

mit Video

Niels H.: Was bekannt ist und was nicht

Bis zu 200 Patienten könnte der Krankenpfleger Niels H. getötet haben. Am Montag äußern sich die Polizei und Staatsanwaltschaft Oldenburg zum Stand der Ermittlungen. (28.08.2017) mehr

mit Video

Fall Niels H.: Soko "Kardio" wird aufgelöst

Mehr als zwei Jahre nach der Gründung soll die Soko "Kardio" der Polizei aufgelöst werden. Die Soko war zur Aufklärung der Klinikmorde in Oldenburg und Delmenhorst eingesetzt worden. (18.08.2017) mehr

Mordserie Niels H.: Weiteres Medikament genutzt

Der wegen Mordes verurteilte Ex-Pfleger Niels H. hat noch ein weiteres Medikament als Tatmittel verwendet. Nun muss die Polizei Krankenunterlagen erneut auswerten. (08.06.2017) mehr

mit Video

Nach Niels H.: Keine auffälligen Todesfälle

Bei der qualifizierten Leichenschau am Klinikum Delmenhorst sind bisher keine auffälligen Todesfälle ausgemacht worden. Die Leichenschau ist eine Antwort auf die Mordserie von Niels H. (10.05.2017) mehr

mit Video

Land will Klärung von Todesursachen erleichtern

Das Landeskabinett hat eine Novellierung des Bestattungsgesetzes beschlossen. Darin finden sich genauere Vorschriften zur Leichenschau - eine Konsequenz aus dem Falls Niels H. (25.04.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 28.08.2017 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

04:10

Wer mit wem? Gedankenspiele zur Landtagswahl

25.09.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
10:07

Partnersuche im Internet: Darauf ist zu achten

25.09.2017 16:20 Uhr
Mein Nachmittag
01:41

So sehen die Niedersachsen das Wahlergebnis

25.09.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen