Stand: 09.11.2017 18:30 Uhr

Niels H.: Ermittler gehen von 106 Tötungen aus

Im Fall der Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. gehen die Ermittler inzwischen von 106 Toten aus. Dies teilten Polizei und Staatsanwaltschaft nach dem Abschluss weiterer toxikologischer Untersuchungen an exhumierten früheren Patienten am Donnerstag in Oldenburg mit. Bei fünf von diesen müssten aber noch ergänzende Untersuchungen erfolgen. Voraussichtlich Anfang kommenden Jahres will die Staatsanwaltschaft Anklage erheben.

Pflegepersonal gibt einem Patienten eine Spritze.

Niels H. soll 106 Menschen getötet haben

Hallo Niedersachsen -

Die Mordserie des Krankenpflegers Niels H. hat noch größere Ausmaße als gedacht: 106 Menschen soll er nachweislich umgebracht haben - und es gibt weitere Verdachtsfälle.

4,88 bei 8 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Patientenschützer fordert bundesweites Alarmsystem

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, forderte als Konsequenz der neuen Erkenntnisse ein bundesweites Alarmsystem: "Denn Morde wie in Delmenhorst und Oldenburg können überall vorkommen." Dazu würden eine lückenlose Kontrolle der Medikamentenausgabe, eine intelligente Sterbestatistik für jede Abteilung und amtsärztliche Leichenschauen zählen. "Jedem ernsthaften Verdacht muss nachgegangen werden", sagte Brysch.

Weitere Informationen

Die "Karriere" eines Serienmörders

Mehr als 90 Tötungsdelikte konnten Ermittler dem ehemalige Krankenpfleger Niels H. mittlerweile nachweisen. Wegen sechs Morden ist er bereits zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine Chronologie. mehr

Taten zwischen 2000 und 2005

H. hatte zwischen mutmaßlich 2000 und 2005 Intensivpatienten eigenmächtig verschiedene Medikamente verabreicht, um Herz-Kreislauf-Stillstände auszulösen und sie anschließend wiederzubeleben. Dabei benutzte er hauptsächlich die Medikamente Ajmalin und Lidocain, die bei Herzrhythmusstörungen eingesetzt werden. Das Oldenburger Landgericht ging in einem Urteil von 2015 davon aus, dass er letztlich seine Fähigkeiten zur Wiederbelebung beweisen wollte. Viele der Kranken überlebten diese Prozedur jedoch nicht.

Die Bilanz der Ermittlungen:

  • Das erste Tötungsdelikt in Oldenburg begeht Niels H. im Februar 2000.
  • Am 22. Juni 2005 wird er in Delmenhorst von Kollegen auf frischer Tat ertappt.
  • Am Nachmittag des 24. Juni 2005 kommt es zum "Krisengespräch" der Verantwortlichen im Klinikum Delmenhorst - zunächst ohne Ergebnis. Noch am selben Abend tötet Niels H. einen weiteren Patienten in Delmenhorst. Sein letztes bekanntes Opfer.
  • Die Ermittler haben 134 Exhumierungen auf 67 Friedhöfen durchgeführt.
  • 106 Tötungen werden Niels H. zugeordnet. Im Klinikum Delmenhorst soll er für 68 Tode verantwortlich sein, im Klinikum Oldenburg für 38 Fälle.
  • In sechs Fällen wurde Niels H. unter anderem bereits wegen Mordes und versuchten Mordes verurteilt.

Kollegen und Vorgesetzte mitverantwortlich?

Die Ermittler hatten im August die damaligen Klinikleitungen für die Todesfälle mitverantwortlich gemacht: In beiden Kliniken habe es frühzeitig zahlreiche Hinweise gegeben, die eine polizeiliche Ermittlung gerechtfertigt hätten, hieß es damals. Gegen sechs Mitarbeiter der Klinik in Delmenhorst ist Anklage wegen Totschlags durch Unterlassen erhoben worden. In drei Fällen lehnte das Landgericht Oldenburg ein Verfahren als nicht angemessen ab. "Dagegen haben wir Beschwerde eingelegt, wir warten auf die Entscheidung des Oberlandesgerichtes", sagt der Oldenburger Oberstaatsanwalt Martin Koziolek.

Insgesamt 200 Verdachtsfälle

Zuletzt wurde H. im Februar 2015 vom Landgericht Oldenburg zu lebenslanger Haft verurteilt - wegen zweifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: Insgesamt gibt es 200 Verdachtsfälle. In ihrem Urteil stellte die Kammer eine besondere Schwere der Schuld fest, womit eine Entlassung nach 15 Jahren Haft ausgeschlossen ist. H.s Mordserie gilt in der deutschen Rechtsgeschichte als beispiellos. Der tatsächliche Umfang der von ihm verübten Verbrechen wird nach Meinung der Ermittler womöglich nie ans Licht kommen, weil sich die Nachforschungen aufgrund der lange zurückliegenden Tatzeit schwierig gestalten und zahlreiche Patienten feuerbestattet wurden.

Weitere Informationen
mit Video

Niels H.: Weitere Pflegekräfte mitverantwortlich?

Haben drei weitere Pflegekräfte aus Delmenhorst die Morde von Niels H. durch Unterlassen ermöglicht? Im Herbst soll entschieden werden, ob sie sich vor Gericht verantworten müssen. (18.09.2017) mehr

Mordserie von Niels H.: Ermittler ziehen Bilanz

Bis zu 200 Patienten könnte der Krankenpfleger Niels H. getötet haben. Am Montag äußern sich die Polizei und Staatsanwaltschaft Oldenburg zum Stand der Ermittlungen. (25.08.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 09.11.2017 | 12:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

03:47

Schlagabtausch nach GroKo-Start in Hannover

23.11.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
01:26

Weihnachtsmarkt: Osnabrück verstärkt Barrieren

23.11.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
06:11

Diskussion über Hexen-Mahnmal in Rinteln

23.11.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen