Stand: 08.12.2015 20:58 Uhr

Niedersächsische Fleischkontrolleure schlagen Alarm

von Peter Becker
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Ist das Tier krank gewesen? Hat es Abzesse? Fleischkontrolleure dürfen Schlachtvieh nur noch mit den Augen untersuchen.

Wenn Herbert Ahrens zeigen möchte, wie er früher geschlachtete Schweine untersucht hat, dann kann er das nur noch in einer kleinen Hausschlachterei demonstrieren. Um Anzeichen für Krankheiten zu entdecken oder Abszesse genauer zu untersuchen, schneidet Ahrens verdächtige Stellen mit dem Messer an. In den Schlachtbetrieben sollen die Fleischfachassistenten die Messer dagegen gar nicht mehr benutzen. So verlangt es eine EU-Verordnung, die seit dem 1. Juni 2014 gilt. Die "visuelle Fleischbeschau" schreibt vor, Tiere nicht mehr anzuschneiden und abzutasten, sondern nur noch anzuschauen. Die Übertragung von Krankheiten und Keimen von einem Schwein zum anderen durch die Fleischkontrolleure soll dadurch vermieden werden.

Verband hält Argumente für vorgeschoben

Aus Sicht des niedersächsischen Landesverbandes der Fleischfachassistenten ist dieses Argument allerdings vorgeschoben. Schließlich arbeiteten gleich neben den Kontrolleuren oft Werkvertragsarbeiter im Akkord, welche aufgrund des Zeitdrucks häufig weit weniger auf die Hygiene achten würden, sagt Ahrens, Vorsitzender des Landesverbandes.

Fleisch-Kontrolleure setzen Brandbrief auf

Mit einem Brandbrief wendet sich der Landesverband unter anderem an das niedersächsische Landwirtschaftsministerium, den Landkreis Cloppenburg und die Landwirtschaftskammer Oldenburg. 49 amtliche Kontrolleure und Tierärzte haben das Schreiben unterzeichnet. Darin wird die Kritik so zusammengefasst: "Unter den aktuellen Umständen sehen wir eine ausreichende Fleischbeschau im Sinne des Verbrauchers als nicht gewährleistet an und lehnen jede Verantwortung ab."

Untersuchung dauert nun 12 statt 50 Sekunden

Ein Streitpunkt zwischen den Befürwortern und Gegnern der "visuellen Fleischbeschau" ist die Untersuchungszeit der Tiere. Befürworter wie etwa Karl-Wilhelm Paschertz, Veterinäramtsleiter des Landkreises Cloppenburg, weisen darauf hin, dass nach der EU-Verordnung bereits die lebenden Tiere länger und genauer untersucht würden. So könnten kranke Tiere bereits vor der Schlachtung besser erkannt werden und würden so erst gar nicht in die Schlachtung gelangen. Der Landesverband der Fleischfachassistenten glaubt dagegen, dass sich viele Krankheiten erst durch eine eingehende Untersuchung am Schlachtkörper entdecken lassen. Die Mindestuntersuchungszeit bei Schweinen betrage jetzt allerdings nur noch 12 Sekunden statt bisher 50 Sekunden.

Sind Fleischfachassistenten einfach nur unsicher?

Das Unternehmen Danish Crown, das in Essen im Landkreis Cloppenburg einen der größten Schlachtbetriebe in Niedersachsen betreibt, hält die Vorwürfe aus dem Brandbrief für falsch. Mitarbeiter Andreas Rode erklärt: "Das Schreiben ist nicht korrekt, die Kritik ist nicht berechtigt. Alle vom Gesetzgeber geforderten Maßnahmen und Umstrukturierungen wurden konsequent umgesetzt. Der Verbraucherschutz und die Lebensmittelsicherheit sind gewährleistet." Die Kritik an der "visuellen Fleischbeschau" erklärt sich Rode so: "Ich kann mir nur vorstellen, dass das die Unsicherheit der Fleischfachassistenten ist."

Landwirtschaftminister befürchtet Gesundheitsrisiken

Die Fronten im Streit um die Fleischhygiene sind klar. Doch gibt es überhaupt eine Möglichkeit für die Politik, an den kritisierten Umständen etwas zu ändern? Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) versucht, die Kontrollen für das Land Niedersachsen zu verschärfen - denn auch er befürchtet Gesundheitsrisiken als Folge der EU-Verordnung. Meyer verspricht, sein Ministerium werde gegensteuern: "Wir haben als einziges Bundesland mit zwei Erlassen gesagt: Man muss mehr kontrollieren, man muss mehr Untersuchungszeit aufwenden. Jetzt kommt es aber darauf an, dass die Kommunen unsere Erlasse auch richtig umsetzen."

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EU-Parlamentarier hält Verordnung für verbraucherfeindlich

An der EU-Verordnung selbst wird sich wohl nichts mehr ändern lassen. Das glaubt Matthias Groote. Der EU-Parlamentarier aus Leer wollte die "visuelle Fleischbeschau" verhindern. Als Vorsitzender des EU-Fachausschusses für Lebensmittelsicherheit hatte er sich gegen die Verordnung ausgesprochen, wurde dann aber vom europäischen Parlament überstimmt. Man merkt Groote seine Enttäuschung an, wenn er sagt: "Ich habe mich damals sehr geärgert. Das ist verbraucherfeindlich und das ist wirklich ein Geschenk an die Fleischindustrie. Da muss massiv lobbyiert worden sein - vonseiten der Fleischindustrie, aber auch vonseiten der Mitgliedsstaaten. Ich weiß, dass Dänemark ein sehr starkes Interesse hatte, dass diese visuellen Fleischkontrollen eingeführt werden."

Fleischfachassistenten hoffen auf Reaktion der Politik

Viele Parlamentarier seien mit dem Argument getäuscht worden, die EU-Verordnung trage dazu bei, Bürokratie abzubauen, glaubt Groote: "Letztendlich geht es bei dieser Verordnung nur noch darum, dass sich die Bänder schneller drehen, dass mehr Profit gemacht wird und das auf Kosten von Verbraucherinteressen." Deutliche Vorwürfe. Der Landesverband der Fleischfachassistenten hofft jetzt auf eine schnelle Reaktion der Politik auf den Brandbrief. Wenn nichts geschehe, erfüllten - so der Verband - die Kontrollen allenfalls eine Alibi-Funktion.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 08.12.2015 | 19:30 Uhr