Stand: 02.11.2017 18:22 Uhr

Nach Havarie: Heftige Kritik an Notfallkonzept

Bild vergrößern
Der havarierte Frachter lag tagelang vor der Insel Langeoog auf Grund.

Nach der erfolgreichen Bergung des vor Langeoog auf Grund gelaufenen Frachters "Glory Amsterdam" gibt es massive Kritik am Notfallkonzept des Havariekommandos. "Es kann einfach nicht sein, dass ein Schiff stundenlang auf die Küste zutreibt, ohne dass man es aufhalten kann", sagte Inselbürgermeister Uwe Garrels (parteilos) dem NDR Fernsehen. "Wenn es nicht möglich ist, mit den vorhandenen Mitteln ein solches Schiff zu sichern, dann sind diese Mittel nicht ausreichend." Garrels kündigte an, dass Langeoog gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Inseln eine Resolution verfassen werde, in der eine komplette Überarbeitung des Notfallkonzeptes gefordert werde. Beim alljährlichen Treffen der Bürgermeister der ostfriesischen Inseln, das am Donnerstag auf Borkum begann und am Freitag endet, wurde der Programmpunkt Schiffshavarie eigens auf die Tagesordnung gesetzt. Auf eine gemeinsame Erklärung haben sich die Bürgermeister aber zunächst nicht einigen können. Ein Ergebnis wird im Laufe des Freitags erwartet.

"Ansonsten sitzen wir auf einer Zeitbombe"

Langeoogs Bürgermeister Garrels ist fest davon überzeugt, dass Handlungsbedarf besteht: "Wenn das Schiff schwerer und der Sturm stärker gewesen wäre, hätte es zu einer Katastrophe kommen können". Diese Risiken habe das Havariekommando nicht im Griff gehabt. Wenn keine anderen Techniken und Methoden angewandt werden, könne eine solche Havarie jederzeit wieder passieren, betonte Garrels. Deshalb müsse der Bund dringend handeln. "Ansonsten sitzen wir auf einer Zeitbombe und die Insulaner sind in ihrer Existenz bedroht."

Kommentar

Havariekommando muss sich der Kritik stellen

Die Bergung des vor Langeoog havarierten Frachters "Glory Amsterdam" hat viel länger gedauert als erwartet. Welche Konsequenzen müssen gezogen werden? Jörn Pietschke kommentiert. mehr

Greenpeace fordert umfassende Aufklärung

Ähnlich äußerte sich auch Jörg Feddern von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. "Wir freuen uns natürlich, dass die Havarie gut ausgegangen und kein Schweröl ausgetreten ist", sagte er. Viele Fragen zur Ausbildung der Mannschaft, dem Zustand des Schiffes, aber auch zum Notfallkonzept müssten jetzt beantwortet werden. Unter anderem sei zu klären, ob es ausreicht, dass mit der "Nordic" nur ein Notfallschlepper zur Verfügung steht. "Wir hoffen, dass die Politik dranbleibt und die richtigen Maßnahmen daraus ableitet", so Feddern. Der Hochseeschlepper "Nordic" hatte am Sonntag vergeblich versucht, den losgerissen Frachter mit Hilfe einer Notschleppverbindung zu stoppen.

Havariekommando erläutert Vorgehen

Das Havariekommando, aus dessen Feder das Notfallkonzept stammt, wies die Vorwürfe zurück. "Man darf die Wetterverhältnisse da draußen nicht vergessen", sagte der Leiter des Havariekommandos, Hans-Werner Monsees. "Es gibt einfach natürliche Grenzen, die man nicht im Griff hat." Den gescheiterten Rettungsversuch der "Nordic" begründete er damit, dass sich aufgrund des heftigen Sturms der Kapitän des Frachters geweigert hätte, Crewmitglieder an Deck zu schicken, um eine Leine vom Schlepper entgegen zu nehmen. Gleichzeitig sei es zunächst auch nicht möglich gewesen, ohne Lebensgefahr Spezialisten per Hubschrauber abzusetzen, die diese Aufgabe hätten übernehmen können. "Diese Entscheidungen waren richtig und sie sind zu respektieren", sagte Monsees. Später, als vier Bergungsexperten auf das Schiff abgeseilt werden konnten, sei dann die Leinenverbindung trotz des bestmöglichen Materials immer wieder gebrochen.

"Glory Amsterdam": In sicheren Hafen geschleppt

BSU überprüft die Havarie

Konsequenzen aus dem Einsatz schließt Monsees dennoch nicht aus. "Wir evaluieren unser Notschleppkonzept eh ständig und schauen uns an, was wir verbessern können", sagte er. Im Moment sei es aber noch zu früh, in dieser Hinsicht ein abschließendes Urteil zu fällen. Zunächst sei abzuwarten, zu welchen Erkenntnissen die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) in Hamburg kommt, die den Fall prüfen wird. "Dann wissen wir, an welchen Stellschrauben noch gearbeitet werden muss", so Monsees.

Wenzel fordert Konsequenzen

Dass Veränderungen grundsätzlich notwendig sind, glaubt auch Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). Er forderte eine genaue Analyse der Ursachen durch die BSU. Es müsse geklärt werden, warum der Frachter in Seenot geraten und wann die Ruderanlage tatsächlich ausgefallen sei. Wichtig sei zudem eine Überprüfung der Ausbildung des Kapitäns und der Mannschaft, die sich nicht in der Lage gesehen habe, eine Schleppverbindung herzustellen. Bereits am Mittwoch hatte Wenzel angedeutet, dass er von menschlichem Versagen ausgeht.

Notschleppgeschirr für mehr Sicherheit?

"Die Havarie ist eine Warnung", sagte Wenzel. Die Verkehrssicherheit auf See müsse auf den Prüfstand, um weitreichende Schäden für die Inseln und die Küste sicher vermeiden zu können. Als mögliche Maßnahme nannte der Minister die verpflichtende Einführung eines Notschleppgeschirrs an Bord von Schiffen dieser Größe. Außerdem müsse für sensible Seegebiete beziehungsweise Wetterlagen der Einsatz von Überseelotsen erwogen werden.

Weitere Informationen
04:03

Frachter vor Langeoog: Bergung wird vorbereitet

01.11.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Nach einem missglückten Bergungsversuch soll die "Glory Amsterdam" endlich von der Sandbank vor Langeoog gezogen werden. Derweil diskutieren Politiker die Schuldfrage. Video (04:03 min)

mit Video

Frachter-Havarie: Was ist eigentlich passiert?

Die Bergung der von Langeoog gestrandeten "Glory Amsterdam" gestaltet sich schwieriger als zunächst gedacht. Weiter unklar ist, wie es überhaupt zu der Havarie kommen konnte. mehr

00:48

"Glory Amsterdam": Frachter ist an der Leine

Der havarierte Frachter "Glory Amsterdam" ist bereits mit einem Schlepper verbunden. In Kürze soll das Balastwasser aus dem Schiff gepumpt werden, um es leichter zu machen. Video (00:48 min)

Havarie: "Von Frachter geht keine Gefahr aus"

Die für 19.30 Uhr geplante Bergung des vor Langeoog auf Grund gelaufenen Frachtschiffs "Glory Amsterdam" wurde abgesagt. Im Interview erklärt Havariekommando-Chef Monsees, warum. (30.10.2017) mehr

"Glory Amsterdam" - Daten des Unglücks-Frachters

Mit einer Länge von 225 und einer Breite von 32,26 Metern ist die "Glory Amsterdam" unter panamaischer Flagge unterwegs. Hier lesen Sie die wichtigsten Daten zum Frachter. (30.10.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 02.11.2017 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

03:47

Schlagabtausch nach GroKo-Start in Hannover

23.11.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
01:26

Weihnachtsmarkt: Osnabrück verstärkt Barrieren

23.11.2017 14:00 Uhr
NDR//Aktuell
06:11

Diskussion über Hexen-Mahnmal in Rinteln

23.11.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen