Stand: 07.07.2016 16:26 Uhr

Knochen-Puzzle: Pottwal-Skelett wird präpariert

von Matthias Schuch

Mit einem metallischen Kratzen schiebt Tierpräparator Aart Walen die Tür des dunkelroten Frachtcontainers auf und schaut ins Innere. Im Halbdunkel zeichnet sich eine große, geschwungene Form ab. Es ist der massige, grob dreieckige Schädel von einem der auf Wangerooge gestrandeten Pottwale, umgeben von kleineren Knochen, an denen noch die Reste von Fleisch und Sehnen hängen. Der Anblick ist nichts für zarte Gemüter: Auf den sterblichen Überresten kriechen dicke, grünlich schillernde Schmeißfliegen und der Gestank aus dem Inneren des Containers ist atemberaubend - im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Mischung aus verrottetem Fleisch und der unverwechselbaren, leicht ranzigen Note von altem Walfett. Aart Walen stört der Gestank allerdings offenbar kaum: "Das ist weniger schlimm als ich erwartet habe - wir haben Glück mit der Temperatur. 18, 19 Grad, da arbeiten die Bakterien noch nicht so viel, wie wenn es 30 Grad wäre. Dann würde es wirklich stinken. Aber das hier geht."

Gestrandeter Wal

Präparator setzt Pottwal-Skelett zusammen

Hallo Niedersachsen -

Er hat ein riesiges Knochen-Puzzle zu bewältigen: Zwei der Pottwale, die Anfang 2016 vor der Nordseeküste verendet sind, werden von Tierpräparator Aart Walen hergerichtet.

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Verwesungsprozess ist Teil der Arbeit

Walen schaut heute zum ersten Mal seit fast einem halben Jahr wieder nach den Walknochen. Bereits Ende Januar sind die Container auf dem Hof seiner Präparatorenwerkstatt in der niederländischen Provinz Gelderland angeliefert worden. Seitdem hat er sie ruhen lassen - der Verwesungsprozess im Inneren ist Teil seiner Arbeit als Tierpräparator. "Wir müssen ja erst mal alle Fleischreste und Fettspuren von den Knochen lösen, bevor wir das Skelett montieren können. Und das geht am besten, wenn das Fleisch schon mürbe und leicht verrottet ist. Dann lässt es sich einfach leichter schneiden und von den Knochen abtrennen", so Walen. Genau das steht heute auf dem Plan. Damit Walen das Skelett vormontieren und termingerecht bis Anfang 2017 auf Wangerooge installieren kann, soll es heute grundgereinigt werden: vor allem die beiden vielleicht wichtigsten Teile, der wuchtige Schädel und der Unterkiefer. "Da wollen wir heute die Zähne rausnehmen", erklärt Aart Walen, während er seine schon mal provisorisch seine Messer schärft. "Das Zahnfleisch ist normalerweise unglaublich zäh, da kommt man kaum durch, aber nach ein paar  Monaten Lagerzeit ist alles schon viel weicher."

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Per Hochdruckreiniger: Wal-Knochen werden gereinigt

Schädel, Unterkiefer, Rückenwirbel: Ein Wal-Skelett liegt in Einzelteilen beim Tierpräparator. Jetzt müssen die Knochen - teilweise per Hochdruck - gereinigt werden. Bildergalerie

Pottwalzähne sitzen in einer Art Rinne

Bevor sich Walen und seine Mitarbeiterin Lois Bladt ans Herauslösen der 46 dolchartigen Fangzähne machen, steht allerdings erst mal ein Vermessen des länglichen Unterkiefers an: Über 1,80 Meter ist er lang, im zweiten Durchgang vermisst Walen auch noch akribisch die Position jedes einzelnen Zahnes: "Pottwalzähne haben nicht jeder eine einzelne Höhle im Kiefer, sondern sitzen in einer Art Rinne, in der sie nur vom Zahnfleisch festgehalten werden. Und das ist ja beim fertigen Skelett nicht mehr da, deshalb muss ich mir jetzt genau merken, welcher Zahn wie wo gesessen hat, sonst kriege ich die nicht mehr richtig eingebaut", sagt Walen, während er Zentimeterabstände und Positionen aufschreibt.

Einige Zähne lassen sich per Hand lösen

Dann kommen die Zähne raus. Einige sind so locker, dass sie sich mit der Hand aus dem Kiefer lösen lassen. Andere sitzen allerdings auch noch so fest, dass die Präparatoren minutenlang mit dem Messer säbeln müssen. Vor allem Lois Bladt hat ihre Mühe: "Aart macht das ja schon seit Jahren und weiß, wie er die Schnitte setzen muss", erklärt sie, während sie sich an einem besonders hartnäckigen Exemplar abmüht. "Aber für mich ist das hier mein erster Wal überhaupt. Das ist ganz schön zäh!" Immerhin, nach fünf Minuten löst sich der widerspenstige Hauer und kommt in ein eigens beschriftetes Plastikschälchen.

"Schädel wiegt 500 oder 600 Kilo"

Der anstrengendste Part des Tages wartet allerdings noch auf sie: Direkt nach der Mittagspause soll der Schädel aus dem Container. Mit Muskelkraft ist da nichts auszurichten. "Das sind 500 oder 600 Kilo" schätzt Aart Walen. "Deshalb bauen wir jetzt erst mal eine Art Rutsche mit Paletten und einer Plastikplane. Auf der schleifen wir ihn raus, dann kann ihn hoffentlich der Gabelstapler aufnehmen. Wenn das nicht klappt, müssen wir einen Kran bestellen, das würde die Arbeit um Tage verzögern."

Gabelstapler hebt den Schädel nach oben

Es klappt, wenn auch nur knapp. Mit Ach und Krach ziehen Walen und sein Team das riesige, dreieckige Knochengebilde aus dem Container und befestigen es mit dicken Tauen an der Forke des Gabelstaplers, der den Schädel dann nach oben hebt. Währenddessen packen sich Lois Bladt und Aart Walen ein: Watthose, Ostfriesennerz und ein Schutz für die Haare. "Wir spritzen jetzt gleich alles mit dem Hochruckreiniger ab, das wird nochmal ziemlich schmutzig. Und wenn man den Geruch erst mal in den Kleidern hat, dann riecht man zwei, drei Wochen lang nach totem Wal. Und das wollen wir dann doch eher vermeiden", meint Walen, bevor er losmarschiert.

Knochen werden gebleicht

Insgesamt sind die beiden fast eine Stunde mit dem Schädel beschäftigt - auf dem Pflasterboden sammelt sich langsam eine braune Brühe aus Fettresten und abgelösten Fleischstücken, der Schädel wird dafür aber immer sauberer und glatter. Schließlich ist Walen zufrieden: "Das reicht erst mal. Jetzt lassen wir die Knochen noch ein paar Tage ruhen, dann kommen sie in ein Enzymbad, um sie zu entfetten. Und danach bleichen wir sie. Mit Wasserstoffperoxid. Das nimmt man auch, um sich die Haare zu färben, aber es funktioniert auch super bei Walknochen." Das, so schätzt er, wird sicherlich noch einige Wochen in Anspruch nehmen. Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sie das Skelett endgültig zusammenbauen können.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 07.07.2016 | 19:30 Uhr

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