Stand: 10.11.2017 11:50 Uhr

Havarie der "Glory": Ein Bündel an Fehlern?

von Christina Gerlach

Wer genau hinsieht, erkennt den außergewöhnlichen Schaden rasch. Die Reling an der Steuerbordseite des Ende Oktober vor Langeoog havarierten Frachters "Glory Amsterdam" ist stark verbogen. Die Klüse daneben, ein Ring aus massivem Stahl, glatt auseinandergerissen. Durch Klüsen laufen die Leinen, die dicken Taue, um Schiffe zum Beispiel am Kai im Hafen festzumachen. Die größten Klüsen sind an Bug und Heck, extra stark belastbar, auch geeignet für Schleppleinen, die im Notfall zum Einsatz kommen, wie jetzt bei der "Glory Amsterdam". "Aber warum", fragen sich Schifffahrtsexperten wie Hans-Ludwig de Vries, "warum ist dann die Klüse an der Steuerbord-Seite gebrochen?"

Vicky Fricke von der Wasserschutzpolizei WHV.

Was lief schief bei der "Glory Amsterdam"?

Hallo Niedersachsen -

War es Sabotage der Besatzung? Wurde die Schleppleine verkehrt angebracht? Nach der Havarie der "Glory Amsterdam" sind noch immer Fragen offen.

5 bei 8 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

War die Klüse nicht ausgelegt für das Schlepptau?

De Vries ist Kapitän, lange Jahre zur See gefahren, mittlerweile arbeitet er als maritimer Sachverständiger, begutachtet havarierte Schiffe in aller Welt. Aber eine Klüse, bei der die eine Hälfte komplett weggerissen ist, hat er noch nie gesehen. "Die ist gebrochen wegen Überlast, sicherlich durch die Leine und die hat praktisch die Reling dann weggerissen", sagt er. Die Bruchstelle ist offenbar so scharfkantig, dass die Leine durchscheuerte. Ein Stück Kunststofftau mit ausgefranstem Ende wurde an Bord der "Glory Amsterdam" sichergestellt. Wie kann das sein? Waren Steuerbordklüse und Poller des treibenden Frachters gar nicht für das Schleppseil ausgelegt?

Bild vergrößern
Der Sachverständige Hans-Ludwig De Vries beim Sichten von Filmmaterial.
Seil gerissen, Reling verbogen

Der Verdacht liegt nahe. Bestätigt wird er von Vicky Fricke, Sprecherin der Wasserschutzpolizei Wilhelmshaven. "Das Havariekommando hat die Klüse für die Leine genutzt und sie an zwei Pollern an Deck festgemacht. Einer davon ist gebrochen, die Wucht hat dann die halbe Klüse weggerissen und die Reling verbogen." Das Havariekommando schweigt zu dieser Frage. Fünf Leinen seien gerissen, räumt deren Pressesprecher immerhin ein. Auf die Klüse angesprochen, wird er einsilbig und verweist an die ermittelnden Behörden. Vicky Fricke ergänzt: "Wenn in dem Moment der Schlepper der Meinung ist, das ist die beste Position, dann macht er das da."

Lebensgefahr für die Besatzung

Nicht ungefährlich, wenn das Bruchstück aus Stahl die Bordwand herunterkracht. Und lebensgefährlich für die Besatzung, wenn die dicke Kunststoffleine an der scharfen Kante scheuert, plötzlich reißt und über das Deck peitscht. "Es hat wohl nicht alles funktioniert, was funktionieren sollte", kommentiert Hans-Ludwig de Vries die gescheiterten Schleppversuche des Havariekommandos.

Mit geworfenen Ankern abgetrieben

Mittlerweile ist bekannt, dass die "Glory Amsterdam" erst ihren Hafenagenten gebeten hat, Schlepphilfe zu organisieren, als der Sturm immer weiter zunahm und der Frachter zu treiben begann - obwohl beide Anker geworfen waren. Als die angeforderte Hilfe nicht kam, funkte der Kapitän schließlich die Revierzentrale in Wilhelmshaven an. Die ist für die Überwachung des Seegebiets in der Deutschen Bucht zuständig. Die Revierzentrale informierte daraufhin das Havariekommando in Cuxhaven. Als dessen Hochseeschlepper "Nordic" eintraf, trieb die "Glory Amsterdam" schon mehrere Stunden durch die Deutsche Bucht - mit geworfenen Ankern. "Das ist ungewöhnlich", kommentiert Hans-Ludwig de Vries "weil die Gefahr besteht, dass sich die Ankerketten verheddern, und die kriegt man dann nie wieder auseinander. Das macht man nur im absoluten Notfall." Der war offensichtlich eingetreten.

Die Untersuchung der "Glory Amsterdam"

Wusste der Kapitän es einfach besser?

Der unbeladene Frachter war zu leicht, um den Sturm abzuwettern, wie es im Fachjargon heißt. Keine Ladung und nur 20.000 Tonnen Ballastwasser an Bord, da wird auch ein 200-Meter-Schiff schnell zum Spielball der tosenden Elemente. Wie viel Zeit verging vom Funkspruch des Kapitäns bis zum Eintreffen des Havariekommandos mit dem Hochseeschlepper "Nordic", ob es tatsächlich vier Stunden dauerte, weil das Bergungsteam erst aus Warnemünde kommen musste, wird die Auswertung des Schiffsdatenschreibers zeigen. Er zeichnet alle Gespräche auf der Brücke auf, den Funkverkehr und die Manöverdaten. Dann zeigt sich auch, ob es Missverständnisse mit der chinesischen Mannschaft gab. Ob sie sich tatsächlich den Anweisungen des Havariekommandos widersetzt hat, die Bergungsarbeiten durch mangelnde Kooperation also womöglich behinderte, wie die Wasserschutzpolizei in einer Pressemitteilung schreibt. Das ist vielleicht sogar verständlich, wenn der Kapitän schon weiß, was passiert und trotzdem zusehen muss, wie das Bergungsteam Poller und Klüse für die Schleppleine nutzt, die nicht dafür ausgelegt sind und dann unter dieser Belastung reißen.

Sabotage?

Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits seit einigen Tagen gegen den Kapitän: Es besteht der Anfangsverdacht, dass er nicht kooperiert habe. Noch weiter gehen Vorwürfe, die laut einem Bericht von "NWZ Online" vom Donnerstag namentlich nicht genannte Experten erheben: Demnach seien die Fehler, die während der Rettungsversuche gemacht wurden, so gravierend, dass nicht Fahrlässigkeit, sondern der Verdacht der Sabotage im Raum stehe. Denn: Eine Rettung würde für die Reederei des Frachters sehr teuer werden. Eine Strandung würde demnach von der Versicherung bezahlt werden. De Vries hält von diesen Vorwürfen gar nichts. Hätte der Kapitän etwa das Schleppseil gekappt, was an sich schon angesichts der Dimension eines solchen Seils schwierig sei, dann wäre das "glatter Selbstmord" gewesen."

Einen Chinesisch-Übersetzer gab es nicht

Vicky Fricke von der Wasserschutzpolizei sagt, ihre Kollegen hätten sich gut mit dem Kapitän unterhalten können - auf Englisch. Nach NDR Informationen sollen sich dessen Englischkenntnisse allerdings hauptsächlich auf den nautischen Bereich beschränken. Um Verständigungsschwierigkeiten in solch gefährlichen Situationen auszuschließen, empfiehlt Hans-Ludwig de Vries, Übersetzer zu engagieren. Dass die nicht immer leicht aufzutreiben sind, weiß er. "Die Engländer haben mal den Koch eines chinesischen Restaurants um Unterstützung gebeten. Ein Mitarbeiter des Rettungsteams kannte ihn und wusste, dass er beide Sprachen beherrscht. Der Einsatz war erfolgreich." Auf einen chinesischen Übersetzer angesprochen, heißt es beim Havariekommando lapidar: "Englisch ist die weltweit eingeführte Standardsprache in der Seeschifffahrt."

Kritik allerorten

Die "Glory Amsterdam" liegt seit einer Woche in der Bremerhavener GDD-Werft. Dort wird auch das schwer beschädigte Ruderblatt ersetzt. Und so, wie die Steuerbord-Klüse aussieht, muss auch sie komplett erneuert werden. Durch die Havarie ist nur Schaden am Schiff entstanden, die Umwelt wurde bei der Strandung letztlich nicht beeinträchtigt. Die Bürgermeister der Ostfriesischen Inseln sind trotzdem aufgebracht. Es hagelte Kritik am Rettungskonzept des Havariekommandos, das nicht verhindern konnte, dass der Frachter zehn Stunden lang hilflos vor der Küste trieb, bis er schließlich auf einer Sandbank vor Langeoog auf Grund lief. Schifffahrtsexperte Hans-Ludwig de Vries, der übrigens auch Insulaner ist und auf Juist wohnt, ist vorsichtiger mit seiner Kritik. Er bemängelt vor allem die mangelnde Entscheidungskompetenz des Havariekommandos. Viel zu zögerlich, das habe wertvolle Zeit gekostet.

Weitere Informationen

Havarierter Frachter: Ermittlungen gegen Kapitän

Nach der Untersuchung des havarierten Frachters "Glory Amsterdam" hat sich ein Verdacht gegen den chinesischen Kapitän bestätigt. Gegen ihn wird nun ermittelt. (03.11.2017) mehr

Nach Havarie: Heftige Kritik an Notfallkonzept

Politiker und Umweltschützer fordern nach der Frachter-Havarie Verbesserungen am Notfallkonzept. (02.11.2017) Langeoogs Inselbürgermeister Garrels spricht gar von einer tickenden Zeitbombe. mehr

mit Video

Frachter-Havarie: Was ist eigentlich passiert?

Die Bergung der von Langeoog gestrandeten "Glory Amsterdam" gestaltet sich schwieriger als zunächst gedacht. Weiter unklar ist, wie es überhaupt zu der Havarie kommen konnte. (01.11.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 10.11.2017 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

04:53

Die Wölfe und wir: Eine Kulturgeschichte

20.11.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
02:36

Baltrum: Sparkasse schließt am 1. Dezember

20.11.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
03:29

Fotoausstellung: Wohnungslose und ihre Stadt

20.11.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen