Stand: 25.02.2016 16:22 Uhr

Glyphosat in Bier: Brauer verteidigen sich

Eine Studie des Umweltinstituts München, der zufolge zahlreiche Biere Rückstände des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat enthalten, weisen Brauereien als unseriös zurück. Kontrollen zeigten, dass die Werte stets deutlich unter den Höchstgrenzen liegen, teilte der Deutsche Brauer-Bund (DBB) mit. Vorwürfe der Forscher, wonach Rohstoffe nicht ausreichend kontrolliert würden, seien "absurd und völlig haltlos". Mit klaren Worten rechnet der DBB mit den Verantwortlichen der Studie ab: "Da uns weder die vollständige Untersuchung vorliegt noch die Analysemethoden hinreichend belegt wurden, müssen wir die Seriosität der Untersuchung ernsthaft in Zweifel ziehen", heißt es. In 14 deutschen Bieren hatte das Umweltinstitut Glyphosat-Rückstände nachgewiesen, darunter auch im Bier der Marke Jever. Nach Hasseröder Pils ist es laut Studie das am stärksten belastete Bier. Die 14 untersuchten Marken waren nach Angaben des Instituts im Jahr 2015 die beliebtesten in Deutschland. Die Forscher testeten das meistverkaufte Produkt der jeweiligen Marke. Das Institut sieht die Brauereien in der Pflicht: Sie müssten klären, wie Glyphosat ins Bier gelange und künftig sicherstellen, dass ihr Bier frei von Pestizidrückständen ist.

Bierschaum läuft an einem Glas hinunter.

Glyphosat-Rückstände im Jever Pilsener

Schleswig-Holstein Magazin -

In 14 deutschen Bieren hat das Umweltinstitut Rückstände des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat nachgewiesen. Besonders belastet war die Charge der Marke Jever.

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"Bedenkliche Menge erst ab 1.000 Litern Bier pro Tag erreicht"

Die ermittelten Werte, so schränken die Autoren der Studie ein, gäben nur die Belastung der untersuchten Charge wieder und könnten keine Aussage über die Belastung des Biers einer Marke im Allgemeinen sein. Auch deshalb sei die Untersuchung nicht seriös, kritisiert der DBB. Brauereiverbände verweisen bei ihrer Kritik des Gutachtens auch auf die Reaktion des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Aus wissenschaftlicher Sicht seien Glyphosat-Rückstände im Bier plausibel und grundsätzlich erwartbar, da es sich um einen zugelassenen Pflanzenschutzmittelwirkstoff handele, so das BfR. Selbst die höchsten im Bier nachgewiesenen Werte seien zu niedrig, um bedenklich zu sein, hieß es vom BfR. "Um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen, müsste ein Erwachsener an einem Tag rund 1.000 Liter Bier trinken."

Was ist Glyphosat?

Der Wirkstoff Glyphosat ist Bestandteil von Unkrautvernichtungsmitteln. Er hemmt ein für das Pflanzenwachstum wichtiges Enzym. Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen werden durch Glyphosat nicht geschädigt. In Deutschland kommt das Mittel Schätzungen zufolge auf 30 bis 40 Prozent der Ackerflächen zur Anwendung.

Glyphosat-Hersteller sprechen von "Panikmache"

Dass erst bei einer so großen Biermenge ein mögliches Gesundheitsrisiko vorliege, zeige, "wie wir den wissenschaftlichen Gehalt dieses Werkes einordnen müssen", so die Reaktion der Arbeitsgemeinschaft (AG) Glyphosat, einem Zusammenschluss von Herstellern des Wirkstoffs. Die AG tut die Studie des Umweltinstituts in einer Mitteilung als "Panikmache" und die Aussagen als "ohne Substanz" ab. Die Autoren lieferten "keine Hintergrundinformationen, mit deren Hilfe der Verbraucher die gelieferten Daten einordnen kann", heißt es in der Mitteilung unter anderem.

Hamburger Brauereien betonen Reinheit ihrer Produkte

Die drei großen Marken der Hamburger Carlsberg-Brauerei - Holsten, Astra und Carlsberg - seien nicht betroffen, betonte ihr Hersteller unterdessen. Auch mehrere kleinere Hamburger Brauereien versicherten, dass Glyphosat im Bier für sie kein Thema sei, etwa die Gröninger Brauerei und die Blockgruppe, die Pils und Hefeweizen aus eigener Herstellung anbietet. Jeder könne weiterhin unbekümmert sein Feierabendbier genießen, bekräftigte Michael Scherer, Geschäftsführer des norddeutschen Brauereiverbands.

Videos
01:25 min

"Verbraucher lassen sich nicht schnell verunsichern"

Im Bier der Marke Jever wurden besonders viele Glyphosat-Rückstände gefunden. Jan Edo Albers, parteiloser Bürgermeister von Jever, macht sich jedoch noch keine großen Sorgen. Video (01:25 min)

Institut: "Glyphosat im Bier trägt zur Gesamtbelastung bei"

Das Umweltinstitut räumt ein, dass die gemessenen Mengen in absoluten Zahlen gering sind. Krebserregende und hormonwirksame Stoffe könnten aber "selbst in kleinsten Mengen eine gesundheitsschädigende Wirkung entfalten", heißt es in seinem Bericht. Zudem hätten Untersuchungen gezeigt, dass Rückstände des Pflanzenschutzmittels auch in anderen Lebensmitteln wie Getreide und Backwaren steckten. "Das Glyphosat im Bier trägt zur Gesamtbelastung mit Glyphosat und anderen krebserregenden und hormonwirksamen Stoffen bei", heißt es in dem Bericht weiter.

Dem Test zufolge enthält Bier der Marke Jever 23,04 Mikrogramm pro Liter und damit mehr als das 200-fache des zulässigen Grenzwerts für Trinkwasser. Einen eigenen Grenzwert für Bier gibt es nicht. "Die Tatsache, dass wir bei allen Proben fündig wurden, legt zudem nahe, dass auch andere Biersorten und Biermarken beziehungsweise Brauereien von einer Belastung mit Glyphosat betroffen sein können", heißt es im Testbericht.

Wenzel: Glyphosat nicht neu zulassen

Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) wertet die Testergebnisse als Beleg dafür, dass Glyphosat vom Markt muss. Ob die Zulassung für das Pflanzenschutzmittel um zehn Jahre verlängert wird, wird demnächst auf EU-Ebene entschieden. Wenzel hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in einem Brief gebeten, die Verlängerung im EU-Ministerrat zu blockieren.

Wirkstoff "wahrscheinlich krebserregend"

Die Weltgesundheitsorganisation stuft den Wirkstoff des weitverbreiteten Pestizids als "erbgutschädigend und wahrscheinlich krebserregend beim Menschen" ein. Außerdem steht Glyphosat im Verdacht, hormonell wirksam zu sein - und kann damit schon in kleinsten Mengen schädlich für die Gesundheit sein. Eine Empfehlung zum Verzicht gibt es derzeit vonseiten des niedersächsischen Verbraucherschutzministeriums nicht. "Generell hat Glyphosat in Lebensmitteln aber nichts zu suchen", sagte ein Sprecher NDR.de. Der jetzige Fall zeige, dass generell über den Einsatz von Glyphosat nachgedacht werden müsse. Auch laut Marike Kolossa, Leiterin des Fachgebiets gesundheitsbezogene Umweltbeobachtung im Umweltbundesamt, ist eine Belastung des Menschen mit Glyphosat "nicht wünschenswert", da noch immer nicht geklärt sei, ob der Stoff bei Menschen Krebs erregen kann. Ihr zufolge haben andere Studien mit Studenten gezeigt, dass die Glyphosat-Belastung im Urin in den vergangenen 15 Jahren gestiegen ist.

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Tagesschau.de
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Glyphosat in vielen deutschen Bieren

Laut einer Untersuchung des Münchener Umweltinstituts sind mehrere deutsche Biere mit dem Pestizid Glyphosat belastet. Mehr dazu bei Tagesschau.de. extern

Bauernverband sieht Ursache für Rückstände in Import-Gerste

Der Deutsche Bauernverband (DBV) sieht die Ursache für die Belastung von Bier derweil nicht in der deutschen Landwirtschaft. "Wir haben in Deutschland das weltweit strengste Pflanzenschutzgesetz", sagte ein Sprecher. Hierzulande sei es verboten, die Braugerste vor der Ernte mit Pflanzenschutzmittel zu behandeln. Landwirte dürften glyphosathaltige Mittel allerdings einsetzen, bevor sie das Saatgut pflanzten, um den Boden von Unkraut zu befreien. Innerhalb von zwei bis drei Wochen zersetze sich der Stoff jedoch. "Wenn das Pestizid beim Einsäen noch vorhanden wäre, würde nichts wachsen", so der Sprecher. Er hält es jedoch für möglich, dass Spuren von Glyphosat durch den Import von Braugerste aus anderen Ländern in die Produktionskette gelangt sein könnten.

Das Umweltinstitut München ist ein gemeinnütziger und nach eigenen Angaben parteiunabhängiger Verein, der nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 gegründet wurde. Der Verein setzt sich für unter anderem für die Energiewende sowie für gentechnikfreie und ökologische Landwirtschaft ein und spricht sich gegen Atomkraft aus.

Die Biersorten im Test
Glyphosatmenge
Hasseröder Pils29,74 μg/l
Jever Pils23,04 μg/l
Warsteiner Pils20,73 μg/l
Radeberger Pilsner12,01 μg/l
Veltins Pilsener5,78 μg/l
Oettinger Pils3,86 μg/l
König Pilsener3,35 μg/l
Krombacher Pils2,99 μg/l
Erdinger Weißbier2,92 μg/l
Paulaner Weißbier0,66 μg/l
Bitburger Pils0,55 μg/l
Beck's Pils0,50 μg/l
Franziskaner Weißbier0,49 μg/l
Augustiner Helles0,46 μg/l
Trinkwasser-Grenzwert0,1 μg/l
Quelle: Umweltinstitut München e.V.
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Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 25.02.2016 | 14:00 Uhr