Stand: 17.01.2016 13:28 Uhr

Blutiger Kraftakt: Vom Wal-Koloss zum Stückwerk

von Matthias Schuch

Die Szenerie wirkt durchaus gespenstisch: Zwei riesige tote Pottwale, aufgebahrt in noch riesigeren Wannen aus dicker Plastikfolie, direkt dahinter die graue, raue Winternordsee, die gegen die Kaimauer des Jade-Weser-Port brandet. Rundherum: Lastkräne, Bagger, Container - das schwere Arbeitsgerät, ohne das das ohnehin schon schwierige Zerlegen der beiden riesigen Meeressäuger fast unmöglich wäre. Zwischen den beiden Wannen bereiten sich Tierpräparator Aart Walen und sein Team auf ihren Einsatz vor: Gut ein Dutzend dick eingepackte Gestalten in Ölzeug, Wathosen und Schutzanzügen: Walen und zwei seiner Kollegen aus den Niederlanden, dazu Freiwillige und Mitarbeiter des Nationalparks Wattenmeer und eine Gruppe von Veterinär-Pathologen von der tierärztlichen Hochschule in Hannover. Die Arbeit an den beiden Pottwal-Kadavern wird außergewöhnlich blutig und ziemlich übelriechend, das ist allen hier klar.

Der Wal-Präparator bei der Arbeit

Entsprechend sorgfältig sind sie bei den letzten Vorbereitungen: Haare unter die Mützen schieben, noch einmal sichergehen, dass die Schutzkleidung dicht ist, die letzten Lücken zwischen Handschuhen und Ärmeln mit Klebeband abdichten. Trotzdem: Die Stimmung ist gelöst, alle scheinen fast ein bisschen ungeduldig, jetzt endlich anzufangen. Auch Teamleiter Aart Walen, der noch bis spät in die vergangene Nacht den Antransport der Wangerooger Wale beaufsichtigt hat: "Ich habe wenig geschlafen", erzählt er. "Im Kopf habe ich nochmal alles durchgespielt, was so schiefgehen könnte: Dass die Wale falsch liegen oder eine Trosse reißt, sowas in der Art. Aber das sieht hier alles ganz gut aus."

Werkzeuge wie aus martialischem Film

Um kurz nach 9 Uhr macht sich das Team an die Arbeit. Am Anfang allerdings noch ziemlich vorsichtig. Verständlich, angesichts der Werkzeuge, die hier zum Einsatz kommen: Das Arsenal der Walzerleger wirkt auf den ersten Blick wie aus einem martialischen Fantasy-Film: Da gibt es spatenartige Geräte mit einer scharfen Schneide an der Vorderseite des Schaufelblatts und spitze, gekrümmte Haken zum Wegschleppen des abgelösten Fleisches. Und natürlich die Flensmesser: lange Lanzen mit einer schwertähnlichen Klinge am oberen Ende, die schon vor Jahrhunderten im Walfang eingesetzt wurden. Hauptarbeitsgerät sind jedoch herkömmliche Fleischermesser, die allerdings ständig geschärft werden müssen, um im extrem zähen Walfleisch nicht abzustumpfen.

Ein Mann hat Furchen in das Fleisch eines Wals geschnitten um ihn zu ersteigen. © NDR Fotograf: Matthias Schuch

Wale von Wangerooge werden zerlegt

Hallo Niedersachsen -

Im JadeWeserPort in Wilhelmshaven hat die stückweise Zerlegung der beiden toten Pottwale begonnen. Die Leitung übernimmt der niederländische Walpräperator Aart Walen.

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"Da reißen eher die Kabel als der Wal"

Erstes Zwischenziel: Der Wal muss gehäutet werden. "Eigentlich ist das, wie wenn man ein Ei pellt", erklärt Präparator Walen. "Wir arbeiten uns in Schichten vor. Haut und Blubber müssen ab, damit wir an die Muskeln kommen. Die Muskeln müssen ab, damit wir an die Organe kommen. Die Organe müssen raus, damit wir an Knochen kommen. Und die Knochen, das ist ja das, was wir eigentlich brauchen, um später das Skelett zu präparieren." Was in der Theorie so einfach klingt, ist in der Praxis harte Arbeit: Die isolierende Fettschicht, die wie ein Panzer um den Walkörper herum liegt, ist gut 15 Zentimeter dick und fest mit dem Muskelwebe verbunden. Um sie zu lösen, beginnen Walen und seine Helfer damit, lange Längsschnitte am Wal zu setzen, vom Kopf bis zur Schwanzflosse. Schon die Klingen in die Blubberschicht hineinzustoßen, kostet die Walzerlerger sichtlich Kraft. Sie dann auch noch auf mehreren Metern durchzuziehen, ist echte Schwerstarbeit - selbst für erfahrene Experten wir Walen und seine Kollegen: "So ein Wal ist unheimlich stabil gebaut. Allein die Sehnen sind so stark, da reißen beim Schleppen eher die Kabel als der Wal. Das sehen wir auch an der Fettschicht. Abziehen können wir die nur mit der Maschine."

Häuten mit dem Bagger

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Das ist dann Teil zwei des Arbeitsschritts: Nachdem die Längsschnitte gesetzt sind, kommt der Bagger zum Einsatz: Mit einem dicken Tau soll die schwere Arbeitsmaschine den gerade frei geschnittenen Hautstreifen vom Wal abziehen. Eine nicht ungefährliche Aktion: Schon beim ersten Versuch wird klar, wie viel Kraft nötig ist, um den Walspeck zu lösen. Der Bagger schnauft und brummt, das Tau zwischen Schaufel und Wal spannt sich immer mehr - und gibt dann nach. Mit einem lauten Knall reißt das armdicke Seil und peitscht zurück, nur eine paar Zentimeter an einem von Walens Mitarbeitern vorbei. Ein Schockmoment, doch es geht glimpflich aus. Trotzdem gehen die Wal-Zerleger auf Nummer Sicher. Walen erklärt: "Wir suchen jetzt eine richtig schwere, dicke Kette, die wir an die Baggerschaufel hängen können. Vorher machen wir hier nicht weiter."

Süßlich-fauler Geruch hängt über der Szenerie

Während der nächsten Stunden arbeitet sich das Team langsam ein, auch die unerfahreneren Helfer finden ihren Rhythmus. Die Arbeit ist sichtlich anstrengend: Nachdem die Hautstreifen abgezogen sind, kommen wieder die Messer zum Einsatz. Fleisch und Muskeln müssen aus dem Rücken des Tieres heraus getrennt werden. Eine mühselige Aufgabe: Stück für Stück schneiden die Frauen und Männer große Brocken aus dem Rücken des Tieres, trotz der kalten Temperaturen schnaufend und schwitzend. Dazwischen müssen sie immer wieder absetzen, mal um die Messer zu schärfen, mal um in sicherer Entfernung ein bisschen durchzuatmen. Jetzt, nachdem die schützende Fettschicht weg ist, hängt ein schwerer, süßlicher und hochgradig unangenehmer Geruch über dem Kadaver, der sich in Kleidern und Haaren festsetzt. Die Wathosen und Schutzanzüge der Helfer sind längst blutverschmiert, die Wanne glitschig von Walfett und Körperflüssigkeiten. Echte Knochenarbeit.

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