Die "Karriere" eines Serienmörders

Bild vergrößern
Der ehemalige Pfleger Niels H., so wie ihn ein Gerichtszeichner sieht.

Am Anfang gab es nur Hinweise und ein ungutes Gefühl bei Kollegen, am Ende kommt möglicherweise eine Mordserie unvorstellbaren Ausmaßes ans Licht. Krankenpfleger Niels H. soll im Dienst Patienten getötet haben, immer und immer wieder. Zuerst im Klinikum Oldenburg, anschließend im Klinikum Delmenhorst. Eine immer größere Zahl von Verdachtsfällen wird überprüft. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg wird kritisiert, weil sie erst spät auf Hinweise zu weiteren Morden reagiert hat. Eine Chronologie der Ereignisse.

1994

Niels H. beginnt eine Ausbildung als Krankenpfleger im St. Willehad-Hospital im Wilhelmshaven. Hier ist er zwei Jahre als Krankenpfleger beschäftigt.

Juni 1999

Wechsel auf die herzchirurgische Intensivstation Klinikum Oldenburg. Dort fällt Niels H. auf, weil er sich bei Reanimationen in den Vordergrund drängt.

Ende 2001

Niels H. wechselt auf die Anästhesieabteilung in Oldenburg.

September 2002

Ein leitender Arzt eröffnet Niels H., dass man nicht mehr mit ihm zusammen arbeiten möchte ("Man wollte ihn loswerden"), weil er sich auch in der Anästhesie des Klinikums Oldenburg bei Reanimationen in den Vordergrund drängte. Er wird unter vollen Bezügen freigestellt und erhält ein gutes Zwischenzeugnis zu Bewerbungszwecken.

Dezember 2002

Niels H. kündigt, weil er eine neue Stelle im Klinikum Delmenhorst antreten kann.

März 2003

Niels H. wechselt auf eine Intensivstation in Delmenhorst.

28. März 2003

Die Mutter von Nebenklägerin Kathrin Lohmann stirbt.

März 2003 - Juni 2005

Die Todesrate auf der Intensivstation in Delmenhorst steigt dramatisch. Von etwa 200, wie üblich in diesem Zeitraum, auf 411. Im gleichen Zeitraum steigt der Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal von 50 bis 60 auf bis zu 380 im Jahr. Niemandem fällt das auf.

22. Juni 2005

Niels H. wird in einem Delmenhorster Patientenzimmer entdeckt, in dem er nichts zu suchen hat. Er hatte Dieter Maaß (63) 40 Milliliter Gilurytmal gespritzt und eine Pumpe mit einem lebenswichtigen Medikament abgeschaltet. Eine Schwester wird misstrauisch. Leere Gilurytmal-Ampullen werden entdeckt. Trotzdem arbeitet er zunächst für einige Tage weiter.

Ende 2005

Kurt Schwender, damals Oberarzt im Klinikum Delmenhorst und Vorgesetzter von Niels H., ermittelt Sterberaten und Medikamentenverbrauch auf der Intensivstation. Er gewinnt den Eindruck, dass Niels H. mehr als 100 Menschen umgebracht haben könnte. Er meldet dies bei der Polizei. Die gibt es nach Schilderung Schwenders an die Staatsanwaltschaft Oldenburg weiter, doch die Behörde bleibt dahingehend zunächst untätig.

22. Dezember 2006

Niels H. wird wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft und einem befristeten Berufsverbot verurteilt. Staatsanwaltschaft und Nebenklage gehen in Revision. Schon im erstinstanzlichen Urteil wegen versuchten Totschlags gab es konkrete Hinweise auf erhöhte Todesraten und einen erhöhten Medikamentengebrauch.

2007 - 2008

Niels H. arbeitet in zwei Altenheimen weiter als Pfleger. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg und das Gericht hatten es versäumt, ein vorläufiges Berufsverbot auszusprechen. Das wäre nötig gewesen, weil das Urteil wegen der Revision nicht rechtskräftig war.

23. Juni 2008

Niels H. wird im Revisionsverfahren vom Landgericht Oldenburg zu siebeneinhalb Jahren Haft und einem lebenslangen Berufsverbots wegen versuchten Mordes verurteilt. Das Mordmerkmal Heimtücke wird festgestellt. Seit dem sitzt er im Gefängnis in Oldenburg. Im Revisionsurteil widmet Richter Bührmann dem Klinikum Oldenburg mehrere Seiten, obwohl damals nur der eine Fall in Delmenhorst verhandelt wurde. Bührmann stellt in seiner Urteilsbegründung fest, dass Niels H. schon in Oldenburg massive Probleme verursacht hat, insbesondere bei Reanimationen.

In beiden Verfahren, 2006 und 2008, hatte Kurt Schwender vom Klinikum Delmenhorst ausgesagt, dass der Verbrauch des als Mordwaffe verwendeten Medikaments Gilurytmal sich in der Dienstzeit von Niels H. versiebenfacht hatte. Im statistischen Mittel waren es 50 bis 60 Ampullen pro Jahr. Während H.s Dienstzeit waren es bis zu 380 im Jahr. Statt 200 Patienten, wie es im statistischen Mittel normal gewesen wäre, starben in den zweieinhalb Jahren seiner Tätigkeit 411 Menschen. Davon mehr als 300 während H.s Schicht oder unmittelbar (innerhalb von zwei Stunden) danach. Nach keinem der beiden Urteile nimmt die Staatsanwaltschaft Oldenburg Ermittlungen auf.

2008

Kathrin Lohmann erfährt durch die Zeitung von der Verurteilung. Sie erinnert sich, dass auch ihre Mutter auf der Intensivstation in Delmenhorst gestorben ist. Sie wendet sich an die Polizei und fordert weitere Ermittlungen. Diese nimmt die Polizei auch auf und stellt fest, dass Niels H. zum Todeszeitpunkt der Mutter Dienst hatte. Die Polizei hält eine Exhumierung für sinnvoll und teilt dies der Staatsanwaltschaft Oldenburg mit. Die bleibt aber untätig. Lohmann lässt nicht locker. Sie wendet sich selbst an die Staatsanwaltschaft, telefoniert mit dem zuständigen Staatsanwalt. Der lehnt die Exhumierung ab, da sie zu aufwändig und zu teuer sei. Kathrin Lohmann erinnert sich später daran, dass der Staatsanwalt sie gefragt habe, "was sie wolle, der Täter sei ja schon verurteilt." Lohmann drängt immer wieder, bis die Staatsanwaltschaft endlich tätig wird.

April 2009

Kathrin Lohmanns Mutter wird exhumiert.

2010

Das Mittel Ajmalin wird in der Hirnflüssigkeit der verstorbenen Mutter von Kathrin Lohmann nachgewiesen. Erst danach werden sieben weitere Leichen exhumiert. Bei vier von diesen wird Ajmalin nachgewiesen.

Januar 2014

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen Niels H. Es geht nur um die Fälle im Klinikum Delmenhorst. Fünf Menschen habe er aus Langeweile und Geltungssucht töten wollen, drei Patienten hätten dies nicht überlebt.

11. September 2014

Niels H. wird wegen dreifachen Mordes (darunter die Mutter von Kathrin Lohmann) und zweifachen Mordversuches angeklagt. Kurt Schwender, Chefarzt a.D. im Klinikum Delmenhorst sagt aus. Es habe einen sechsfachen Gilurytmal-Verbrauch gegeben, eine nahezu verdoppelte Todesrate. Es sei gängige Praxis gewesen, dass Pfleger Medikamente selbst bestellten. Daran gibt es inzwischen erhebliche Zweifel. Martin Rüppell von der Staatsanwaltschaft Oldenburg sagt, es habe keine konkreten Hinweise auf weitere Taten gegeben. Deshalb habe man nicht proaktiv nach den ersten beiden Urteilen aus 2006 und 2008 ermittelt.

21. Oktober 2014

Drei Mithäftlinge von Niels H. sagen aus. Einem gegenüber äußert H., "bei 50 habe er aufgehört zu zählen." Einem anderen gegenüber: "Ich bin wohl der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte."

5. November 2014

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg kündigt an, alle Todesfälle in Delmenhorst zur Dienstzeit von Niels H. systematisch zu untersuchen. Über 100 weitere Exhumierungen kommen in Betracht. Die Nebenklage spricht von "Strafvereitelung im Amt", weil nicht früher umfassend ermittelt wurde. Es gibt erste öffentliche Vermutungen, wonach es auch in der Klinik Oldenburg zu Todesfällen gekommen sein könnte. Staatsanwalt Martin Rüppell sagt: "Das Klinikum Oldenburg prüft momentan selbst die Todesfälle, die im Zusammenhang stehen könnten mit der Tätigkeit des Angeklagten und hat dazu einen Sachverständigen beauftragt. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden von der Staatsanwaltschaft zunächst abgewartet."

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft einen eigenen Gutachter eingesetzt und geht von mindestens 20 Todesfällen aus.

10. November 2014

Oldenburgs Polizeipräsident ruft die Sonderkommission "Kardio" ins Leben. Sie soll bei allen Einrichtungen, in denen Niels H. als Pfleger oder Rettungswagenfahrer gearbeitet hat, nach ungeklärten Todesfällen suchen. Nach jetzigen Erkenntnissen gab es auch in H.s Zeit als Rettungssanitäter acht Reanimationen, die mit der Grunderkrankung nicht erklärbar sind.

13. November 2014

Hallo Niedersachsen macht das Arbeitszeugnis öffentlich, dass das Klinikum Oldenburg Niels H. ausgestellt hat. Es steht nichts von den Problemen mit H. darin. Die Klinikleitung gibt erstmals zu, dass es solche gab: "In solchen Situationen hat Herr H. sich immer wieder persönlich in den Vordergrund gespielt. Das heißt, er hat die Reanimationsmaßnahme an sich gerissen, hat dort versucht, zu glänzen, als Held, so muss man es sicherlich sagen. Und ein solches Verhalten ist auf einer Intensivstation eigentlich als inadäquat zu bewerten. Man muss sogar sagen, dass es als abstoßend empfunden wird."

25. November 2014

Pressekonferenz der Klinik Oldenburg zum Gutachten von Georg von Knobelsdorff. Während der Dienstzeit von Niels H. sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sieben Menschen mit Kalium umgebracht worden, fünf weitere mit hoher Wahrscheinlichkeit und noch einmal sieben, bei denen ein Fremdeinwirken möglich erscheint. Die Klinikleitung räumt ein, dass man nach heutigen Kenntnissen das Arbeitszeugnis so nicht hätte ausstellen dürfen. Gleichzeitig streitet sie ab, dass irgendjemand bereits damals den Verdacht gehabt habe, dass H. Patienten bewusst Schaden zufügt. Wenige Tage später kündigt die Klinikleitung an, Angehörige der Verstorbenen zu kontaktieren und sie zeitnah zu entschädigen.

27. November 2014

Richter Sebastian Bührmann erläutert den Zwischenstand des Prozesses. Der Angeklagte Niels H. habe nach bisherigem Stand das Urteil "lebenslänglich" zu erwarten. Wenn er in seinem Leben noch mal aus dem Gefängnis entlassen werden wolle, müsse er alle Taten gestehen. Nicht nur die, die gerade verhandelt werden. Bührmann erläutert, wieso ein Serienmörder ein Ersttäter sein kann.

9. Dezember 2014

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg dehnt die Ermittlungen aus. Anfangsverdacht besteht jetzt auch gegen sechs Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst und zwei aus der Klinik Oldenburg. Der Vorwurf: Tötung durch Unterlassen.

19. Dezember 2014

Die Klinikleitung Delmenhorst gibt eine Pressekonferenz, in der sie jede Mitverantwortung an der Mordserie ablehnt.

8. Januar 2015

Niels H. räumt gegenüber dem gerichtlichen Gutachter alle fünf angeklagten Fälle vollumfänglich ein. Dazu gibt er an, etwa 30 weitere Morde begangen zu haben. Dazu kommen noch einmal 60 Mordversuche. Die Morde in der Klinik Oldenburg streitet H. ab.

22. Januar 2015

Richter Bührmann äußert Zweifel am Umfang der Taten. Es gäbe Fragezeichen in Bezug auf die Taten in Oldenburg, aber auch was die Anzahl in Delmenhorst angehe.

23. Februar 2015

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg räumt öffentlich Fehler und Versäumnisse ein und entschuldigt sich bei den Angehörigen. Sie kündigt an, in den kommenden Wochen zunächst acht Leichen auf einem Friedhof in der Region exhumieren zu lassen. Insgesamt könnten später Friedhöfe "in einer mittleren zweistelligen Zahl" von den Exhumierungen betroffen sein.

26. Februar 2015

Das Landgericht Oldenburg fällt das Urteil gegen Niels H.: Der 38-Jährige muss lebenslang ins Gefängnis. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 38-Jährige sich im Klinikum Delmenhorst des zweifachen Mordes, des zweifachen Mordversuchs sowie gefährlicher Körperverletzung in einem weiteren Fall schuldig gemacht hat. Die Kammer stellt eine besondere Schwere der Schuld fest.

9. März 2015

Das Urteil gegen Niels H. ist rechtskräftig. Der frühere Krankenpfleger muss eine lebenslange Haftstrafe verbüßen - ohne Aussicht auf eine frühere Entlassung auf Bewährung. Neun Monate der Haft gelten durch die Untersuchungshaft als verbüßt. Außerdem belegt das Landgericht Oldenburg den früheren Krankenpfleger mit einem Berufsverbot.

12. März 2015

Auf dem Friedhof in Ganderkesee beginnen die von der Staatsanwaltschaft Oldenburg angekündigten Exhumierungen. Die sterblichen Überreste möglicher weiterer Opfer sollen auf Spuren eines Herzmedikaments untersucht werden, mit dem Niels H. frühere Patienten ebenfalls getötet haben könnte.

20. April 2015

Nach dem Verfahren gegen Niels H. erhebt die Staatsanwaltschaft Osnabrück Anklage gegen einen früheren Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Oldenburg. Dem Ex-Oberstaatsanwalt wird vorgeworfen, Ermittlungen im Fall Niels H. verschleppt zu haben.

12. Mai 2015

Das Klinikum in Delmenhorst kündigt an, die Angehörigen der Opfer von Niels H. zu entschädigen. Die Höhe der Zahlungen soll individuell geregelt werden.

23. Mai 2015

Auch das Oldenburger Klinikum kündigt eine Entschädigungsregelung an. 16 Angehörige von früheren Patienten des Krankenhauses werden dazu laut Klinikleitung angeschrieben.

24. Juni 2015

Laut einem Bericht der "Nordwest-Zeitung" besteht der Verdacht, dass Niels H. für den Tod von fünf weiteren Menschen verantwortlich ist. Das haben nach Angaben des Blattes, die Exhumierungen in Ganderkesee ergeben.

14. Juli 2015

Die Delmenhorster Kliniken kündigen an, als bundesweit erste Kliniken die "qualifizierte Leichenschau" einzuführen. Zudem beschließt der Niedersächsische Landtag, dass ab 2016 an allen Kliniken im Land unabhängige ehrenamtliche Patientenbeauftragte arbeiten sollen.

15. Juli 2015

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg und die Polizei geben nach den Exhumierungen in Ganderkesee und Delmenhorst bekannt, das bei 10 von 29 Exhumierten Rückstände eines Herzmedikaments gefunden wurden.

1. September 2015

Das Landgericht Oldenburg lehnt eine Klage gegen einen früheren Oberstaatsanwalt aus Oldenburg ab. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hatte dem Juristen vorgeworfen, die Ermittlungen gegen Niels H. verschleppt zu haben. Konkret lautete der Verdacht auf Strafvereitelung im Amt und Rechtsbeugung.

8. Oktober 2015

Die Soko "Kardio" und die Staatsanwaltschaft Oldenburg geben Ermittlungsergebnisse bekannt: Demnach besteht der dringende Tatverdacht, dass H. vier weitere Patienten mit dem Herzmedikament Ajmalin getötet hat. Ihre Leichen wurden auf zwei Delmenhorster Friedhöfen exhumiert und untersucht. Damit steigt die Zahl möglicher weiterer Opfer auf 14. Insgesamt seien bereits auf vier Friedhöfen 47 Leichen exhumiert worden.

13. Januar 2016

Sieben weitere Patienten könnten von dem Ex-Krankenpfleger Niels H. in den Tod gespritzt worden sein. Laut Staatsanwaltschaft Oldenburg besteht dringender Tatverdacht, dass H. den Patienten das Herzmedikament Ajmalin gespritzt hat, um sie anschließend zu reanimieren. Die Zahl möglicher Opfer steigt damit auf 21. Insgesamt sind 63 Leichen exhumiert worden.

13. April 2016

Nach der Exhumierung von 77 ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst geht die Staatsanwaltschaft Oldenburg davon aus, dass Niels H. für den Tod von weiteren 24 Menschen verantwortlich ist. Die toxikologischen Untersuchungen hätten in 24 Gewebeproben den Wirkstoff Ajmalin nachgewiesen. Es bestehe deshalb dringender Tatverdacht.

22. Juni 2016

Staatsanwaltschaft und Polizei teilen während einer Pressekonferenz mit, dass Niels H. nicht nur in Delmenhorst, sondern auch in Oldenburg Patienten getötet haben soll. Insgesamt sei bei Exhumierungen nun in 33 Fällen der Wirkstoff Ajmalin festgestellt worden. Außerdem soll der ehemalige Krankenpfleger Patienten in Oldenburg Patienten mit Kalium vergiftet haben, möglicherweise habe er noch weitere Wirkstoffe eingesetzt. Es werde eine weitere Anklage gegen Niels H. geben, die alle Taten umfasst, die ihm noch nachgewiesen werden könnten. Offen sei noch, ob sich auch die Verantwortlichen der Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst vor Gericht verantworten müssen.