Stand: 27.01.2017 11:28 Uhr

Schief, schiefer, Suurhusen

von Oliver Gressieker
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Eilt Dirks führt seit vielen Jahren Besucher durch die Kirche und den schiefen Turm.

Eilt Dirks ist ein richtiger Ostfriese und somit eigentlich kein Mann der großen Worte. Doch wenn der 73-Jährige über die Kirche in seinem Heimatort Suurhusen im Landkreis Aurich spricht, dann gerät er schnell ins Schwärmen. "Der schiefe Turm ist ein absoluter Glücksfall für uns. Er ist etwas ganz Besonderes", sagt er im Gespräch mit NDR.de. Zigtausenden Besuchern hat Dirks als ehrenamtlicher Kirchenführer das außergewöhnliche Gotteshaus bereits gezeigt. Und eigentlich alle sind wegen des Kirchturms gekommen. Mit einem Neigungswinkel von 5,19 Grad ist er offiziell der schiefste Turm der Welt. Sogar der weltbekannte "Schiefe Turm von Pisa" kann mit einer Neigung von rund 4 Grad nicht mithalten.

Weltweite Bekanntheit dank Guinness-Buch

Auch Pastor Frank Wessels bekommt die Strahlkraft der Suurhusener Berühmtheit regelmäßig zu spüren. "Ich werde überall in Deutschlandauf unseren schiefen Kirchturm angesprochen", erzählt er nicht ohne Stolz. Geradezu explodiert sei das Interesse seit 2007, als der Turm in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde. Durch den Eintrag habe sich der Andrang vervielfacht, sagt Wessels. An manchen Tagen würden mittlerweile mehrere Reisebusse hintereinander in Suurhusen halten, insgesamt kämen rund 10.000 Menschen pro Jahr.

Absacken des Turmes beginnt 1885

Dass der Kirchturm einmal eine derartige Berühmtheit erlangen würde, war lange Zeit nicht absehbar. 1450 wurde der Turm an die Anfang des 13. Jahrhunderts errichtete Kirche angebaut. Als Fundament dienten riesige Eichenstämme, die komplett vom Grundwasser umschlossen waren. Bis ins 19. Jahrhundert gab es damit nicht die geringsten Probleme. "Dann jedoch wurde der Grundwasserspiegel abgesenkt, woraufhin die Stämme vermoderten und das Gewicht nicht mehr tragen konnten", erzählt Kirchenführer Dirks. 1885 bemerkten die Suurhusener erstmals, dass sich der Turm zur Seite neigte. In folgenden Jahren wurde der Überhang immer größer, 1925 betrug er bereits 1,13 Meter. Verzweifelt entfernte die Gemeinde 1926 den zwölf Meter hohen Dachreiter mit Hahn und Kugel, doch auch diese Maßnahme brachte keine Besserung.

Gemeinde will Kirche aufgeben

In den folgenden Jahrzehnten nahm die Neigung des Kirchturms stetig zu. Als der Überhang Anfang der 1970er-Jahre auf 2,16 Meter angewachsen war und kein Geld mehr für Reparaturarbeiten zur Verfügung stand, entschloss sich die Kirchengemeinde zur Aufgabe des Gebäudes. Stattdessen baute sie in Suurhusen ein neues, modernes Gemeindezentrum. Die Orgel der alten Kirche wurde verkauft und die Fenster vernagelt. Das Gebäude drohte endgültig zu verfallen.

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Schiefer Turm macht Suurhusen weltbekannt

Dank seines Rekord-Turmes hat Suurhusen weit über Ostfriesland hinaus Bekanntheit erlangt. Jedes Jahr kommen mehr als 10.000 Besucher, um sich die außergewöhnliche Kirche anzuschauen. Bildergalerie

Wiedereröffnung nach erfolgreicher Sanierung

Mehr als 700 Jahre Kirchengeschichte so enden zu lassen, brachten die Suurhuser dann aber doch nicht übers Herz. "Wir konnten den Turm doch nicht einfach umfallen lassen", erinnert sich Dirks. 1980 wurde deshalb ein Gutachten zur Erhaltung der Kirche in Auftrag gegeben und bereits zwei Jahre später begann die Sanierung. Spezialfirmen ließen zur Stabilisierung des Turmbereichs elf Stahlbeton-Pfeiler in 14 Meter tiefe Bohrlöcher ein, die miteinander verzahnt wurden. Danach renovierte  eine Gruppe von Rentnern, zu denen auch der Vater und der Onkel von Dirks gehörten, mit großem Engagement den heruntergekommenen Innenraum. Am 13. Oktober 1985 konnte die Kirche schließlich mit einem Festgottesdienst nach mehr als zehnjähriger Schließung wiedereröffnet werden.

Seit 1996 ist der Turm stabil

Ganz vom Tisch war das Problem allerdings noch nicht. Vier Jahre nach der Wiedereröffnung fielen plötzlich Steinbrocken aus dem Turm und der Giebel drohte einzustürzen. Außerdem nahm die Neigung wieder um rund einen Zentimeter pro Jahr zu. In einer weiteren Sanierungsmaßnahme wurde deshalb das Dach des Turmes abgetragen und der hintere Giebel mit Stahlträgern verstärkt. Seit 1996 beträgt der Überhang nun konstant 2,43 Meter, das Absacken konnte gestoppt werden.

Vom Makel zum Wirschaftsfaktor

Für Pastor Wessels ist besonders beeindruckend, wie sich der einstige Problem-Turm zum Aushängeschild von Suurhusen gemausert hat. "Die Schiefstellung ist ja eigentlich ein Zeichen von Schwäche", sagt der 43-Jährige. "Doch jetzt ist dieser Makel zu einem rundum positiven Identifikationsmerkmal unserer Gemeinde geworden." Sogar wirtschaftlich ist der schiefe Turm mittlerweile ein wichtiger Faktor. Durch die vielen Besucher konnten eine Bäckerei und ein Café wiederbelebt werden. Außerdem sind die Einnahmen durch Spenden stark angestiegen. "Der Turm ist mittlerweile unser größtes Kapital", so Wessels. Problematisch sei der große Andrang lediglich bei Beerdigungen. "Da fehlt manchen Leuten einfach das notwendige Fingerspitzengefühl", sagt er. "Wenn dann auch noch Fotos gemacht werden, muss ich schon mal eingreifen."

"Ohne den Turm wäre hier tote Hose"

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1921 brach während eines Gottesdienstes die Kanzel samt Pastor von der Wand.

Auch Dirks, der im Wechsel mit einem Kollegen bis zu fünf kostenlose Führungen am Tag anbietet, ist von der Entwicklung begeistert. "Es kommen immer mehr Besucher", sagt er. Vor allem die Zahl der Amerikaner habe in letzter Zeit stark zugenommen. Viele von ihnen seien Auswanderer, die sogar noch ein bisschen plattdeutsch sprechen würden. "Ohne den Turm wäre hier tote Hose", so Dirks. Neben den Fakten zum schiefsten Kirchturm der Welt streut der 73-Jährige auf den Rundgängen auch jede Menge Anekdoten ein. Besonders kurios ist eine Geschichte aus dem Jahr 1921: Damals stürzte der Pastor mitsamt der Kanzel von der Wand. "Er ist aus den Trümmern gekrochen, hat sich abgestaubt und die Predigt unbeeindruckt fortgesetzt", erzählt Dirks. "Mit der Neigung des Turms hatte dieser Zwischenfall übrigens ganz sicher nichts zu tun."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 08.11.2007 | 19:30 Uhr

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