Stand: 22.11.2015 09:05 Uhr

Wo andere schließen, macht Ali ein Geschäft auf

von Andreas Rabe

Vor einem halben Jahr wäre es wohl noch kaum denkbar gewesen. "Heute ist ein arabischer Supermarkt genau das, was Lüchow gebraucht hat," sagt der ehrenamtliche Bürgermeister, Manfred Liebhaber. Ali Khodr hat seinen "Mira Markt" vor gerade einmal sechs Wochen eröffnet, schon denkt er ans Vergrößern. Anstatt 50 bräuchte er eigentlich 100 Quadratmeter, sagt Khodr. So gut läuft der Laden. Kein Wunder, mit den Flüchtlingen in der Stadt hat Khodr mit einem Schlag etwa 1.000 potentielle neue Kunden gewonnen. Eine große Zahl, in einem Ort, in dem viele Geschäfte leer stehen.

Ein kleines bisschen Heimat auf 50 Quadratmetern

Essen - ein letztes Stückchen Heimat

Alle paar Minuten bimmelt es an der Ladentür. Am besten verkauft Ali Khodr arabisches Brot. Heute ist ein Bus mit 150 neuen Flüchtlingen angekommen. Zwei Männer kommen ins Geschäft und kaufen gleich zwei Kartons - damit die Neuankömmlinge etwas heimisches zu essen bekommen. "Die Flüchtlinge lassen alles zurück. Sie sind sehr glücklich, nun in Deutschland zu sein. Aber das Essen ist ein letztes Stückchen Heimat, dass sie hier genießen können", sagt Khodr. Er weiß wovon er redet. Vor eineinhalb Jahren ist er selbst aus dem Libanon geflohen. Mit seiner Frau lebt er seither in Lüchow. Im Libanon war er Polizeikommissar. Wollte er auch in Deutschland bei der Polizei arbeiten, müsste er etwa fünf Jahre lang umschulen. Dann lieber selbständig sein, mit einem eigenen Laden. Der Zeitpunkt hätte für ihn nicht besser sein können.

Das Fleisch ist halal

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Die Einrichtung ist spartanisch: ein laut brummendes Kühlfach und einige Blechregale mit Konserven, Tüten und Plastikdosen. Das abgepackte Fleisch liegt in einer Tiefkühltruhe. Es ist etwas ganz besonderes - halal. Für viele Muslime ist es wichtig, dass das Tier beim Schlachten ausblutet. Eine Form der Schlachtung, die in Deutschland nur lizensierte Schlachtereien anbieten. Khodr holt seine Waren vom Hamburger Großmarkt. Drei Mal in der Woche steht er dafür um 3 Uhr morgens auf, um pünktlich um 7 Uhr zurück in Lüchow zu sein und seinen Laden zu öffnen. Eine Stunde Mittag, ansonsten gönnt sich Khodr keine Pause. "Ich bin mein eigener Chef, aber auch mein eigener Angestellter", sagt er.

Ali Khodr braucht mehr Platz

Den Laden hat er mit eigenen Händen aufgebaut. Dafür bekommt er großes Lob vom Bürgermeister. "Wir hätten gern geholfen, aber Herr Khodr war schneller fertig, als wir überhaupt mitbekommen haben, was hier passiert", sagt er. Dafür will er sich jetzt bei der Suche nach einem größeren Geschäft einsetzen. Als nächstes will Ali Khodr auch Halal-Fleisch aus der Frische-Theke anbieten. Ein paar Hundert Meter die Hauptstraße runter stehe schon eine Weile ein Fleischerei leer, sagt der Bürgermeister.

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