Stand: 11.10.2017 14:35 Uhr

Visselhövede: Mutmaßliche Todesschützen angeklagt

Der Fall sorgte landesweit für Schlagzeilen: Im Januar war ein 46-Jähriger in Visselhövede (Landkreis Rotenburg) auf offener Straße erschossen worden. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Verden Anklage wegen Mordes gegen zwei 23 und 24 Jahre alte Männer erhoben. Die Anklagebehörde vermutet, dass es sich bei der Tat um einen sogenannten Ehrenmord handelt.

Opfer tötete zuvor Familienangehörigen der Täter

Denn das Opfer war in Albanien verurteilt worden, weil es einen Familienangehörigen der jetzt in Verden angeklagten Männer getötet hatte. Nachdem der Mann seine Strafe verbüsst hatte, war er mit seiner Familie nach Visselhövede geflüchtet. Dort wurde er von mehreren Schüssen in den Kopf getroffen. Die Täter hatten von einem Motorrad aus auf ihr Opfer gefeuert. Es brach zusammen und starb 4 Tage später. Angeklagt sind der zuletzt in Seelze gemeldete Fahrer des Motorrades und der mutmaßliche Schütze, ein Albaner aus Amsterdam.

Um die mutmaßlichen Täter zu fassen, schaltete die Staatsanwaltschaft für ihre Ermittlungen die albanische Justiz ein. Prozessauftakt ist am 2. November.

Ehrenmord - Ein problematischer Begriff

Ehrenmord - bei diesem Begriff denken die meisten zuerst an weibliche Opfer. Doch weit gefehlt: Eine Studie im Auftrag des Bundeskriminalamtes belegt, dass 43 Prozent der Opfer Männer sind. Untersucht wurden dabei 109 Tötungsdelikte dieser Art. Den Ehrenmord charakterisiere, dass er von der Familie gebilligt werde und oft sogar mehrere Mitglieder einer Familie involviert seien, erklärte Dietrich Oberwittler, Kriminologe am Max-Planck-Institut für Strafrecht.

Die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes sieht in Ehrenmorden keine religiösen Taten, sondern vielmehr "patriarchalische Exzesse". Frauen müssten sterben, weil sie aus Sicht der Familie traditionelle Normen verletzt haben - etwa, weil sie kein Kopftuch tragen, sich scheiden lassen oder einen westlich orientierten Lebensstil pflegen. Die Verwandten werden zu "Wächtern der Sittlichkeit", heißt es von Terre des Femmes.

"Der Presserat hält die Verwendung des Begriffs 'Ehrenmord' für problematisch und hat hierzu schon Beschwerdefälle gehabt", sagte Edda Kremer, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Presserat, NDR.de. Und weiter: "Eine nähere Erläuterung und eine Distanz schaffende Einordnung des euphemistischen Begriffs - beispielsweise durch das Setzen in Anführungszeichen oder der Formulierung 'sogenannter Ehrenmord' - ist zu empfehlen, um sich den Begriff nicht zu eigen zu machen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 11.10.2017 | 12:00 Uhr

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