Stand: 15.07.2015 13:18 Uhr  | Archiv

Vier Jahre Haft für Gröning im Auschwitz-Prozess

Schuldspruch für Oskar Gröning: Das Landgericht Lüneburg hat den 94-jährigen früheren SS-Mann heute der Beihilfe zum Mord in mehr als 300.000 Fällen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau für schuldig befunden. Es sei die eigene Entscheidung des Angeklagten gewesen, in Auschwitz Dienst zu tun. Mit einem Strafmaß von vier Jahren Haft ging die Kammer unter Vorsitz von Richter Franz Kompisch noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus. Die hatte auf dreieinhalb Jahre Haft plädiert. Die Nebenkläger und der Zentralrat der Juden in Deutschland begrüßten den Schuldspruch. "Das war sehr wichtig, weil damit ein NS-Täter zur Rechenschaft gezogen wurde", sagte Zentralratspräsident Josef Schuster in Berlin. Ob Gröning seine Strafe antreten muss, ist allerdings noch unklar. Das wird die Staatsanwaltschaft prüfen, wenn das Urteil rechtskräftig ist.

Zentralrat der Juden: Verbrechen noch einmal vor Augen geführt

Das Verfahren hat der deutschen Gesellschaft laut Schuster noch einmal die Verbrechen der Schoah vor Augen geführt und gezeigt, dass die Opfer noch Jahrzehnte später unter den Folgen leiden. "Für unseren Umgang mit der deutschen Vergangenheit hat damit der Prozess einen wichtigen Beitrag geleistet", so Schuster weiter. Für die Opfer und ihre Angehörigen habe die Verurteilung eine hohe Bedeutung. Auch das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem teilte mit, dass "dieser Fall sehr, sehr wichtig für uns" ist. Der Schuldspruch für Gröning sei "wohlverdient". "Wir hoffen, dass dies die deutschen Behörden ermutigen wird, weitere Fälle zu verfolgen", sagte Leiter Efraim Zuroff. Er habe bei seiner Arbeit viele Enttäuschungen erlebt.

Nebenkläger sprechen von "Genugtuung"

Ähnlich positiv reagierte auch die Nebenklage auf das Urteil: "Es erfüllt uns mit Genugtuung, dass nunmehr auch die Täter Zeit ihres Lebens nicht vor einer Strafverfolgung sicher sein können", teilte Anwalt Thomas Walther im Namen der Nebenkläger mit. "SS-Angehörige wie Gröning, die bei der Ermordung unserer Familien mitgewirkt haben, haben uns lebenslanges und unerträgliches Leid zugefügt", erklärten diese. Das Urteil sei ein später Schritt hin zur Gerechtigkeit. Erstmals habe sich in einem Prozess um NS-Verbrechen ein Angeklagter zu seiner Schuld bekannt und sich dafür entschuldigt.

Richter: "Man kann auch nach 70 Jahren Gerechtigkeit schaffen"

In seiner Urteilsbegründung sagte Richter Kompisch, dass Grönings Entscheidung für den Dienst in Auschwitz "sicherlich aus der Zeit heraus bedingt, aber nicht unfrei" gewesen sei. Dem damaligen SS-Mann sei es lieber gewesen, dort zu sein als an der Front. "Ich will Sie hier nicht als feige bezeichnen, Herr Gröning, aber Sie haben sich hier für den sicheren Schreibtischjob entschieden." Kompisch ging zudem auf die Frage ein, ob ein Prozess so viele Jahrzehnte nach dem Holocaust noch sinnvoll ist: "Man kann auch nach 70 Jahren Gerechtigkeit schaffen. Man kann hier ein Urteil finden. Man muss es auch", betonte er.

Wichtige Zitate aus dem Prozess

  • Der Angeklagte Oskar Gröning

    "Für mich steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe."

  • Gröning zu Richter Franz Kompisch

    "Über die Frage der strafrechtlichen Schuld müssen Sie entscheiden."

  • Gröning über seine damalige Denkweise

    "Wenn die Juden unsere Feinde sind, ist es Teil des Krieges, dass sie erschossen werden."

  • Gröning über seine Erlebnisse

    "Ein SS-Rottenführer nahm das Baby, schlug das Baby gegen einen Lkw und das Schreien hörte auf."

  • Gröning zum Verbleib der Ermordeten

    "Man rühmte sich, dass man in 24 Stunden 5.000 Tote versorgen könnte."

  • Gröning erklärt, warum er einige Fragen nicht beantworten kann

    "Ich bin ein armer, kleiner Unteroffizier gewesen."

  • Gröning auf die Frage, ob er sich damals vorstellen konnte, dass Juden das Lager lebend verlassen

    "Ich konnte mir das nicht vorstellen."

  • Gröning zur Frage, ob die Vernichtung der Juden richtig gewesen sei

    "Das ist heute natürlich anders zu beantworten als damals. Da bin ich jetzt ganz anderer Meinung als damals."

  • Gröning in einer von seiner Anwältin verlesenen Erklärung

    "Mir ist bewusst, dass ich mich durch meine Tätigkeit in der Häftlingsgeldverwaltung am Holocaust mitschuldig gemacht habe, mag mein Anteil auch klein gewesen sein."

  • Der Auschwitz-Überlebende Max Eisen

    "Es war ein furchtbarer Geruch in der Luft, wie verbranntes Fleisch."

  • Gröning zur Aussage des Zeugen Eisen

    "Nein, nicht übertrieben."

  • Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor, die Gröning später die Hand reicht

    "Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei."

  • Die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi

    "Es geht mir nicht um die Strafe, es geht mir um das Urteil, die Stellungnahme der Gesellschaft."

  • Die Auschwitz-Überlebende Hedy Bohm

    "Vielleicht kann Gott vergeben, ich kann es nicht."

  • Die Auschwitz-Überlebende Kathleen Zahavi

    "Herr Gröning, Sie haben gesagt, dass Sie moralisch verantwortlich sind. Das ist nicht genug."

  • Die Auschwitz-Überlebende Irene Weiss

    "Wenn wir nachts draußen arbeiteten, sahen wir das Feuer der Schornsteine und die Schreie und Gebete waren so laut, dass ich mir die Ohren zuhielt."

  • Staatsanwalt Jens Lehmann in seinem Plädoyer

    "Wir sind hier mit einem Geschehen konfrontiert, das an die Grenzen menschlichen Verstehens geht."

  • Nebenkläger-Vertreter Cornelius Nestler in seinem Plädoyer

    "Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte. Herr Gröning hat mitgemacht, und deswegen wird er wegen Beihilfe zum Massenmord verurteilt werden. Viel zu spät, aber nicht zu spät."

  • Nebenkläger-Anwalt Christoph Rückel

    "Die Opfer haben wieder Gesichter bekommen."

  • Nebenkläger-Anwalt Markus Goldbach zu Gröning

    "Sie haben nicht wie Tausende andere geschwiegen."

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Gröning: "Ich bereue aufrichtig"

Gröning nahm das Urteil Beobachtern zufolge zumindest äußerlich ungerührt hin. Vor dessen Bekanntgabe hatte der 94-Jährige in seinem Schlusswort gesagt: "Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte, hat Professor Nestler (Vertreter der Nebenklage, d. Red.) hier gesagt. Das ist mir bewusst", so Gröning. "Ich bereue aufrichtig, dass ich diese Erkenntnis nicht viel früher und konsequenter umgesetzt habe." Im Zuge der sogenannten Ungarn-Aktion soll er im Frühjahr 1944 Spuren der Massentötung an ungarischen Juden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verwischt haben, indem er half, an der berüchtigten Rampe Gepäck und das darin enthaltene Vermögen der Verschleppten wegzuschaffen.

Angeklagter bestritt direkte Beteiligung an Morden

Zu Prozessbeginn hatte Gröning eine moralische Mitschuld eingeräumt. Außerdem gab er vor Gericht zu, in Auschwitz Geld aus dem Gepäck von Juden genommen und an das Wirtschaftsverwaltungshauptamt der Schutzstaffel (SS) in Berlin weitergeleitet zu haben. Später ließ er in einer Mitteilung erklären, dass durch seine Tätigkeit das "System Auschwitz" habe funktionieren können. Eine direkte Beteiligung an den Morden stritt er allerdings ab.

Ist Gröning überhaupt haftfähig?

Ob Gröning seine Strafe überhaupt absitzen muss, ist allerdings unklar. Erst wenn das Urteil rechtskräftig ist, wird von der Justiz geprüft, ob der gesundheitlich angeschlagene 94-Jährige in Haft muss. Zudem muss Gröning die Kosten des Verfahrens und die Auslagen für die Nebenklage tragen. Möglicherweise gehen Staatsanwaltschaft und Verteidigung auch in Revision. "Wir werden das Urteil jetzt erst mal prüfen", sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover, Kathrin Söfker. Dasselbe kündigte auch Grönings Anwalt Hans Holtermann an. "Darüber sprechen wir noch mit Herrn Gröning", so Holtermann. Er hatte für seinen Mandanten einen Freispruch gefordert.

Viele Fragen bleiben - auch nach einem Urteil

Der Prozess gegen den 94-jährigen Gröning wird vermutlich einer der letzten zu den Gräueltaten im Konzentrationslager Auschwitz gewesen sein. 70 Jahre sind seit dem Kriegsende und dem Ende der NS-Herrschaft vergangen. Dabei war der Verdacht gegen Gröning nicht neu - im Gegenteil: Bereits in den 1970er-Jahren hatte es Ermittlungen gegen ihn gegeben, das Verfahren war später eingestellt worden. Eine Wiederaufnahme, sagte Verteidigerin Susanne Frangenberg am Dienstag vor Gericht, sei danach wiederholt abgelehnt worden. Nach dem Prozess in Lüneburg bleiben allerdings viele Fragen offen: vor allem die nach dem Umgang der deutschen Justiz mit mutmaßlichen NS-Tätern nach 1945.

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 Uhr | 15.07.2015 | 18:00 Uhr

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