Stand: 05.03.2016 19:47 Uhr

Ein Schwede soll den Wolf das Fürchten lehren

von Ulrike Kressel

Die Tage, an denen der Wolfsrüde mit dem Namen "MT6" unbekümmert durch sein Revier rund um Munster streifen konnte, sind offenbar gezählt. Denn dem Tier, das sich auffällig zutraulich immer wieder Menschen genähert hat, soll bereits an diesem Wochenende die Furcht vor dem Menschen eingeflößt werden. Das kündigte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) am Freitag an. Das Vergrämen soll ein schwedischer Experte übernehmen.

Pfotenspuren und Kot: Dem Wolf auf der Spur

Keine Garantie für erfolgreiche Vergrämung

Zusammen mit anderen Experten solle er den mit einem Sender versehenen Wolf aufspüren, sagte Wenzel. Wie der Mann aus Skandinavien den Wolf vergrämen wolle, liege in dessen Ermessen. Die Aktion könne einige Tage dauern. Eine Erfolgsgarantie gebe es nicht, so der Minister. Sollte der Vergrämungsversuch scheitern, müsse darüber nachgedacht werden, den Wolf einzufangen oder zu töten.

Wo steckt "Kurti"?

"MT6", wie das Tier wissenschaftlich bezeichnet wird, ist der sechste Wolf, der in Deutschland mit einem Sender ausgestattet wurde. Manche Internet-User nennen ihn liebevoll "Kurti". Wissenschaftler sind ihm schon auf den Fersen. Doch der schwedische Experte sei der einzige in ganz Europa, der entsprechende Erfahrungen habe, so Minister Wenzel. Die Suche nach dem Wolfsrüden ist allerdings schwierig. Die Heimat von "MT6" ist nämlich der Truppenübungsplatz in Munster, ein 17.000 Hektar großes Gebiet. Die Auswertung einer Fotofalle auf dem Truppenübungsplatz Bergen zeige, dass der Wolf auch dort umherstreife, so Wolfsberater Rüdiger Tilk. Damit kommt noch ein Gebiet von rund 25.000 Hektar dazu, das der Wolfsrüde für seine Exkursionen nutzt. Das entspricht in etwa der Größe des Bundeslands Bremen. Pro Tag legt ein Wolf im Durchschnitt rund 25 Kilometer zurück, aber auch 70 oder 80 seien keine Seltenheit, erklärt Tilk.

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Keine Signale empfangen

Um dem Wolf auf die Spur zu kommen, werde versucht, das Tier mit einer Antenne - also der klassischen Kreuzpeilung - zu orten. Der GPS-Sender, mit dem "MT6" ausgestattet wurde, sendet seit Mitte Dezember keine Signale mehr. "Das Schwierige ist, ich muss in seiner Nähe sein. Das heißt, wenn er jetzt mit seinen fast zwei Jahren abwandert, finden wir ihn nicht", sagt der Wolfsberater. "Dann müssen wir abwarten, bis er wieder irgendwo gesehen wird - das kann eine langwierige Angelegenheit werden." Eine andere Möglichkeit sei, das Gelände abzufliegen. Dann könne wesentlich mehr Fläche abgesucht werden. Stünden für die Suche nur Autos zur Verfügung, müsse das Gelände systematisch abgefahren werden, bis irgendwo ein Signal empfangen werde.

Vergrämen ist keine Dauerlösung

Während sich der schwedische Experte auf die Suche nach "MT6" macht, wollen Wolfsberater der Region mehr über die Ursachen des auffälligen Verhaltens herausfinden. In diesem speziellen Fall sei es zwar richtig, den Wolf zu vergrämen, eine Dauerlösung sei das jedoch nicht. "Was lässt die jungen Wölfe so sein wie sie sind?", fragt Frank Fass vom Wolfscenter Dörverden (Landkreis Verden). "Wenn wir bundesweit gucken, ist das wirklich ein signifikanter Fall im Bereich Munster. Was also ist dort konkret los?"

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Gewöhnung durch Nähe zu Soldaten?

Auf Nachfrage bei der Landesjägerschaft, die für das Monitoring der Wölfe in Niedersachsen zuständig ist, heißt es, außerhalb des Truppenübungsplatzes gebe es keine Anhaltspunkte für eine mögliche Habituierung. Vieles spreche für "Ereignisse" auf dem Truppenübungsplatz, so Florian Rölfing, Sprecher der Landesjägerschaft. Gewöhnungseffekte würden meist in der Frühprägungsphase, also im Welpenalter, eintreten. Das niedersächsische Umweltministerium antwortet auf eine Nachfrage nach möglichen Ursachen auf dem Truppenübungsplatz, dass keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen. Dass die Wurfhöhle in einem von Soldaten häufig frequentierten Bereich liegt, könne ein Grund sein, heißt es aus dem Ministerium. Man könne mutmaßen, so Tilk, dass Menschen somit zum Weltbild der Wölfe gehören.

Gefüttert oder nicht gefüttert, das ist die Frage

Hartnäckig hält sich zudem eine Vermutung über den Umgang von Soldaten mit Wolfswelpen: Kann es sein, dass die Männer und Frauen ihre tapsigen Mitbewohner auch mal gefüttert haben und diese sich dadurch an den Menschen gewöhnten? Das könnte gezielt durch ausgelegtes Futter oder aber auch unbewusst passiert sein - durch weggeworfene Essensreste. Diese Theorien kennt auch Tilk, der jedoch betont: "Solange das nicht bewiesen ist, sind das lediglich Gerüchte." Vonseiten der Bundeswehr heißt es dazu in einer schriftlichen Stellungnahme:

"Alle militärischen und zivilen Nutzer der Truppenübungsplätze MUNSTER NORD und SÜD stellen für ihren Verantwortungsbereich sicher, dass Dienststellenangehörige sowie Besucher oder Gäste in geeigneter Weise darüber belehrt werden, dass das Anlocken oder Füttern von Wildtieren im Allgemeinen und insbesondere der Wölfe, sowie das Vergraben oder Zurücklassen von Speiseresten auf beiden TrÜbPl zwingend zu unterbleiben hat. Jeder Truppenteil, der auf den Truppenübungsplätzen üben will, ist verpflichtet, sich vor dem Aufenthalt über die aktuelle Truppenübungsplatz-spezifische Befehls- und Weisungslage zu informieren."

Hintergrund lässt sich vermutlich nicht klären

Egal, welche Thesen und Theorien zu möglichen Ursachen des auffälligen Verhaltens der Wölfe aufgestellt werden - eine eindeutige Antwort wird es vermutlich nicht geben. Es gebe einfach keine Fakten, sagt Tilk. Nur so viel: "Es muss im Leben der jungen Wölfe aus dem 2014er-Jahrgang irgendein Ereignis gegeben haben, das die Wölfe veranlasst, sich näher am Menschen aufzuhalten." Aber was das war, wisse man nicht.

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 Uhr | 04.03.2016 | 18:00 Uhr