Stand: 17.04.2017 17:34 Uhr

Undeloh schafft zu Ostern nackte Tatsachen

von Ann-Kristin Mennen

Mit Regenjacke, Pulli und sogar mit Schal ist so mancher Nacktwanderer an diesem Ostermontag ausgerüstet. "Acht Grad, das ist einfach zu kalt, um sich auszuziehen", sagt Michael, "für mich persönlich sind 18 Grad optimal fürs textilfreie Wandern". Der 55-Jährige gehört zu den "Freien Hamburger Nacktivisten" - einer Gruppierung, die den Nacktwanderweg in der Lüneburger Heide ins Leben gerufen hat. Für sie alle ist es ein besonderer Tag: Nachdem der Undeloher Naturistenpfad bereits 2012 offiziell eingerichtet wurde, als zweiter Nacktwanderweg deutschlandweit, darf er nun auch endlich ausgeschildert werden. "Und das ist auch dringend notwendig", meint Michael. Mit einer Schablone sprüht er ein gelbes "N" an einen Baum. "N" wie "Natur" - und wie "nackt". Die gelben Buchstaben an den Weggabelungen sollen Nacktwanderern künftig den Weg weisen. Denn die hatten sich zuvor immer wieder auf dem abgelegenen Waldweg bei Undeloh verlaufen. "Und sind dann auf Anwohner oder andere, bekleidete Wander- und Radtouristen gestoßen, was oft für Unmut und Ärger gesorgt hat", erzählt Michael.

Ein gelbes "N" weist Nackten den Weg

Verirrte Nacktwanderer sorgen für Unmut

Auch der stellvertretende Bürgermeister von Undeloh, Werner Rademacher, erinnert sich an solche Begegnungen auf seinem Pferde- und Ferienhof im Ortsteil Meningen. Den Landwirt selbst stören die unbekleideten Wanderer nicht. "Das gab es hier in der Heide schon immer." Doch Rademacher weiß auch, dass es durchaus Leute gibt, "denen das unangenehm ist". Deswegen hat auch er sich dafür stark gemacht, den Rundweg durch den Wald endlich zu markieren. "Hier verlieren schließlich selbst Einheimische schnell die Orientierung, wie soll das also funktionieren, wenn Ortsfremde ohne Hinweise hier in der Gegend wandern?"

Landkreis verhindert Beschilderung

Verhindert hatte eine Beschilderung bisher der Landkreis Harburg. Schilder oder sonstige Markierungen in dem Naturschutzgebiet stellten einen unzulässigen Eingriff in den Naturschutz dar, so das Argument. "Nach unserer Rechtsauffassung bedeutet die Beschilderung und Markierung eines Nacktwanderweges eine Veränderung, die nicht dem überwiegenden öffentlichen Interesse bzw. dem Allgemeinwohl entspricht", hatte ein Sprecher des Landkreises in der Vergangenheit erklärt. Das Verwaltungsgericht Lüneburg sah das anders: Nach einem langen Rechtsstreit urteilten die Richter, dass eine Markierung von Bäumen zur Orientierung auf dem Nacktwanderweg durchaus zulässig sei.       

"Wir gelten immer noch als Spinner"

Insgesamt wollen die "Nacktivisten" rund 20 Markierungen an den Weggabelungen anbringen. Sie hoffen, dass der Naturistenpfad dank der besseren Ausschilderung künftig noch besser angenommen wird. Zwar kämen schon jetzt Besucher aus ganz Deutschland, zum Teil sogar aus Europa. "Aber wir freuen uns auch, wenn es noch mehr werden - und es normaler wird, textilfrei zu wandern", sagt Volker. Der 57-jährige Hamburger will - wie die übrigen Naturisten - seinen Nachnamen nicht nennen. "Wir gelten bei vielen doch noch immer als Spinner. Wenn Bekannte oder Kollegen von dem Hobby erfahren, wird man schnell abgestempelt", fürchtet Volker. Dabei sei es einfach nur ein tolles Erlebnis, sich nackt in der Natur zu bewegen, meint Michael: "Wenn man Wind und Sonne auf der Haut spürt und keine Kleidung einengt, dann ist das Freiheit."

Nacktwanderweg soll Touristen locken

Prinzipiell könne man zwar überall nackt wandern, wo man niemanden stört - doch ein offizieller Nacktwanderweg wie in Undeloh sei besser, meint Michael: "Da kann man Spannungen gänzlich vermeiden." 2011 waren die "Freien Hamburger Nacktivisten" mit ihrem Anliegen an die Gemeinde Undeloh herangetreten, bereits wenig später hatte der Gemeinderat für den Nacktwanderweg gestimmt. "Fraktionsübergreifend", betont Bürgermeister Rademacher. Die Politiker erhofften sich dadurch auch einen touristischen Mehrwert für die Region. "Wir liegen als einzige Gemeinde hier in der Region komplett im Naturschutzgebiet, da gibt es nicht viele Möglichkeiten, touristische Angebote zu schaffen", sagt Rademacher. Aus seiner Sicht hat sich die Nische Nacktwandern bereits für die Region ausgezahlt. "Viele Gastwirte berichten, dass die Wanderer bei ihnen einkehren. Zumal viele von ihnen aus der Ferne kommen und auch hier übernachten."

Landkreis akzeptiert Urteil

Eine Einschätzung, die der Landkreis Harburg nicht teilt. Angesichts der "überschaubaren und sehr speziellen Zielgruppe" sei ein touristischer Mehrwert fraglich, heißt es dort. Dennoch scheint der Streit um die Nacktwanderer vorerst begraben zu sein: Der Kreis will eigenen Angaben zufolge nicht gegen das Urteil des Lüneburger Verwaltungsgerichtes vorgehen. Die gelben Markierungen auf dem Rundweg werden demnach wohl von Dauer sein. 

Weitere Informationen

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Der Nacktwanderweg in der Heide hat viele Fans - doch er ist nicht mehr ausgeschildert. Und nun tauchen die Nackten unerwartet in den Dörfern auf, weil sie sich verlaufen haben. (12.09.2013) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 17.04.2017 | 08:00 Uhr

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