Stand: 15.09.2015 19:07 Uhr

Notunterkunft in Oerbke sucht freiwillige Helfer

Müde und erschöpft sitzen Männer, Frauen und Kinder in der großen Kasernen-Kantine. Die meisten von ihnen sind über die sogenannte Balkan-Route und München nach Oerbke gekommen. In dem kleinen Dorf im Heidekreis ist - auf dem Gelände einer ehemaligen NATO-Kaserne - quasi über Nacht die derzeit größte Notunterkunft in Niedersachsen entstanden. 1.400 Menschen finden hier Platz, das niedersächsische Innenministerium rechnet damit, dass diese "Maximalkapazität" bald erreicht ist. Bis Montag waren bereits 800 Asylbewerber eingetroffen, am Dienstag sollten 400 weitere folgen. "Sie sind jetzt dabei sich einzurichten", sagt Antje Heilmann von den Johannitern, die die Notunterkunft betreiben. "Viele Menschen sind nur mit einer Plastiktüte hier angekommen", so Heilmann.

Welle der Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung

Die Flüchtlinge schlafen in den früheren Soldatenstuben, die Platz für maximal vier Betten haben. Immer wieder bringen Bürger Sachspenden an das weitläufige Gelände. "Außerdem haben allein am Wochenende mehr als 50 Menschen ihre Dienste als Dolmetscher angeboten", so Heilmann. Allerdings werden noch weitere freiwillige Helfer gesucht. Vor allem in der Kleiderkammer sind demnach nicht genügend Ehrenamtliche vorhanden, die Kleidung sortieren und an die Asylsuchenden verteilen. Die Johanniter-Sprecherin sagte, auch weitere Dolmetscher für Arabisch oder Persisch sowie Ärzte könnten vor Ort gebraucht werden. Wer helfen möchte, sollte nach ihren Angaben allerdings nicht einfach nach Oerbke kommen, sondern sich bei den Johannitern in Hannover melden. Die ersten 200 Flüchtlinge waren am Sonnabend in Oerbke eingetroffen, am Sonntag folgten rund 600 weitere. In Zügen aus Salzburg und München waren sie zunächst bis zum Bahnhof Uelzen gereist und von dort nach Oerbke gebracht worden.

Freiwillige begleiten Flüchtlinge

Manche der Ankommenden sind laut Johanniter-Sprecherin Heilmann ängstlich, "weil sie nicht wissen, wie es jetzt für sie weitergeht". Dafür sind die zahlreichen Freiwilligen vor Ort, die die Menschen begleiten. "Die Dolmetscher haben super Arbeit geleistet, das lief sehr entspannt", sagte die Sprecherin des Kreisverbands Uelzen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Meike Karolat. Die Freiwilligen kommen aus dem gesamten Heidekreis und auch aus der Region Hannover. Die Federführung in der neuen Notunterkunft liegt bei den Johannitern, dazu kümmern sich Helfer von DRK, DLRG, Feuerwehr, Polizei, Technischem Hilfswerk und weiteren Organisationen um die Flüchtlinge. "Sie waren erst einmal froh, dass sie aus dem Zug kamen und etwas trinken konnten", so Karolat. Für die Verpflegung ist die Bundeswehr zuständig.

Pistorius: Land leistet "Kraftakte" für Flüchtlinge

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Innenminister Pistorius wehrt sich gegen den Vorwurf, Niedersachsen zeige zu wenig Engagement in der Flüchtlingskrise. (Archivbild)

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte am Montagmorgen, dass die Bundesländer am Rande ihrer Möglichkeiten angekommen seien. Er verteidigte die Entscheidung der Bundesregierung, an den Grenzen zu Österreich wieder zu kontrollieren und nur Menschen mit gültigen Papieren einreisen zu lassen. Auch Innenminister Boris Pistorius (SPD) betonte, dass Niedersachsen sich in der Flüchtlingskrise stark engagiere. Er wies die Kritik von Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) zurück, die Stadt werde bei der Lösung der Flüchtlingskrise im Stich gelassen. "Mit riesigen personellen und organisatorischen Kraftakten" habe Niedersachsen "die entsprechenden Notunterkünfte geschaffen, um auch Bayern bei der Herausforderung der Flüchtlingslage zu unterstützen", sagte Pistorius am Sonntag. "Bei allem Verständnis für den Hilferuf des Münchener Oberbürgermeisters: Niedersachsen ist bereits Vorreiter der Unterstützer und hat schon mehrfach Solidarität bewiesen."

Drehkreuz in Bad Fallingbostel geplant

Der Minister erinnerte auch daran, dass von Niedersachsen aus Flüchtlinge in Norddeutschland verteilt werden sollen. In Bad Fallingbostel im Heidekreis ist ein entsprechendes Drehkreuz zur Verteilung von Flüchtlingen geplant. Der Zeitplan ist jedoch noch offen. Am Freitag hatten sich Bund und Land nach Angaben des Ministeriums darauf verständigt, in der Nähe der Bundeswehrkaserne Camp Oerbke das Verteilzentrum einzurichten. Die Menschen "sollen dort direkt per Bahn aus Österreich ankommen, in Busse umsteigen und dann weiter verteilt werden", so ein Sprecher des Innenministeriums. Das sei jedoch nicht ganz einfach, weil nur ein einfacher Bahnanschluss dorthin führe. Gegenwärtig werde geprüft, wie man das sinnvoll organisieren könne.

Verteilknoten ist laut Minister keine Dauerlösung

Innenminister Pistorius sagte, dass es für Niedersachsen selbstverständlich sei, dem Wunsch aus Berlin zu entsprechen und das Drehkreuz einzurichten. Zugleich betonte er aber, dass die Einrichtung keine Dauerlösung sein könne. "Der Bund muss dafür Sorge tragen, dass der Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland abnimmt. Der Druck nimmt gleichermaßen auf alle Bundesländer zu." Auch Ministerpräsident Weil machte deutlich, dass Niedersachsen weiter helfen werde. Es gehe nicht um ein "Schwarzer-Peter-Spiel" zwischen den Bundesländern. Erfreulich sei, dass der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung diese Politik mittrage. Allein in Niedersachsen waren in der vergangenen Woche rund 4.700 Flüchtlinge angekommen.

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Hallo Niedersachsen | 14.09.2015 | 19:30 Uhr