Stand: 13.02.2017 07:41 Uhr

Nach Abtreibungsstreit: Klinik-Chef suspendiert

Nach dem Streit um Schwangerschaftsabbrüche an der Capio Elbe-Jeetzel-Klinik in Dannenberg hat der Träger des Krankenhauses nun den Verwaltungsdirektor Markus Fröhling vom Dienst freigestellt. Das berichtet die "Elbe-Jeetzel-Zeitung" am Montag. Dem Bericht zufolge hatte Fröhling behauptet, der schwedische Gesundheitskonzern Capio habe davon gewusst und es zugelassen, dass der Chefarzt der Gynäkologie keine Abtreibungen mehr an der Klinik durchführen möchte. Die deutsche Geschäftsführung von Capio stellte die Vorgeschichte allerdings anders dar: Man sei von dem Stopp der Abtreibungen überrascht worden, eine Abstimmung zwischen Klinikleitung und Capio-Geschäftsführung habe es nicht gegeben, schreibt die Zeitung.

Lösung für Patientinnen gefunden

In der Elbe-Jeetzel-Klinik können Patientinnen künftig wieder Schwangerschaftsabbrüche vornehmen lassen. Das hatte Capio bereits am Donnerstag mitgeteilt. Gemeinsam mit den Ärzten, Mitarbeitern und dem Beirat habe die Klinikleitung sichergestellt, dass Frauen im Landkreis Lüchow-Dannenberg auch zukünftig Schwangerschaftsabbrüche nach der gesetzlich vorgesehenen Beratung in der Klinik vornehmen lassen können. Der neue Chefarzt der Gynäkologie, Thomas Börner, hatte zuvor angekündigt, in seiner Abteilung keine Abtreibungen mehr vorzunehmen. Laut Klinikleitung wird er in Zukunft nicht an diesen Operationen beteiligt sein. Mittelfristig werde er die Klinik auf eigenen Wunsch verlassen.

"Wir respektieren die Entscheidung des einzelnen Arztes"

Im Streit um Abtreibungen an der Dannenberger Klinik hatte der Mutterkonzern Capio schon vorher klar Stellung bezogen. Ein Abbruchs-Verbot für die gesamte Capio Elbe-Jeetzel-Klinik werde man nicht dulden, sagte Martin Reitz, Geschäftsführer von Capio Deutschland. "Wir respektieren die Entscheidung des einzelnen Arztes", sagte Reitz. "Gleichwohl stehen für uns der individuelle Wunsch und das gesundheitliche Wohl der Patientinnen stets an erster Stelle."

Capio: Entscheidung passt nicht zum Unternehmensverständnis

Bei Capio hieß es bereits kurz nach der Ankündigung des Chefarztes: Man sei ein politisch und weltanschaulich neutraler Konzern. Zum Unternehmensverständnis passe es nicht, dass ein Chefarzt aus religiösen Motiven ein Abbruchs-Verbot für die gesamte Klinik verhänge. "Die Organisation einer gesamten Abteilung kann nicht vom einzelnen Arzt entschieden werden", betonte Reiz, "gerade in solch einer sensiblen und auch schwierigen Situation. Dazu braucht man einen Gesamtkonsens, den es an dieser Stelle mit Capio nicht geben kann."

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Klinikleitung überrascht

Der gynäkologische Chefarzt Börner ist evangelisch-freikirchlicher Christ und begründet seinen Standpunkt mit der Maxime des Nicht-Tötungsgebotes in der Bibel. Klinik-Chef Fröhling hatte mehrfach betont, dass man hinter der Anschauung des Gynäkologie-Chefs stehe. Generell zeigte er sich von der teils harschen Kritik überrascht: "Mit der Reaktion haben wir sicher nicht gerechnet. Umgekehrt muss ich sagen, ich halte das für ein enorm wichtiges Thema auch für junge Menschen. Insofern bin ich über diese Diskussion nicht unfroh. Das könnte dazu beitragen, dass die Gesellschaft bewusster mit diesem Thema umgeht."

Beratungsstellen entsetzt

Bei Organisationen, die Schwangere in Not beraten, stand das Telefon in den vergangenen Tagen nicht still. Man sei entsetzt über die Entscheidung des Chefarztes, hieß es bei Pro Familia in Lüneburg. "Wir wollen noch einmal deutlich machen, dass es das Recht der Frauen ist, allein und selbst über einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden", sagte Corinna Heider-Treybig von Pro Familia.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 13.02.2017 | 08:00 Uhr

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