Stand: 18.08.2017 18:00 Uhr

Munster: Märsche mit Strafcharakter?

Ein Soldat tot, ein weiterer in kritischem Zustand, mehrere Verletzte - was genau bei einem Ausbildungsmarsch der Bundeswehr in Munster (Heidekreis) geschehen ist, bleibt auch einen Monat danach weiter rätselhaft. Am Donnerstag teilte die Staatsanwaltschaft Lüneburg mit, dass einer der kollabierten Soldaten an multiplem Organversagen mit vorhergehender Sepsis gestorben sei - zehn Tage nach dem Marsch. Dem NDR liegen zudem Unterlagen des Verteidigungsministeriums für die Obleute des Verteidigungsausschusses vor, wonach vor dem regulären Eingewöhnungsmarsch zwei zusätzliche Märsche mit Strafcharakter befohlen worden seien, teilweise im Laufschritt. Die Soldaten waren zu einem Ausbildungsplatz gefahren worden und sollten von dort starten. Nach Informationen von NDR 1 Niedersachsen hatten aber 29 Teilnehmer Teile der Ausrüstung vergessen. Also wurden sie zur Kaserne zurückgeschickt, um die Sachen zu holen. Einige Soldaten hätten beim Rückmarsch außerdem Liegestütze absolvieren müssen.

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung

Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums Jens Flosdorff.

Tod eines Soldaten in Munster: Neue Details

Hallo Niedersachsen -

Neue Informationen aus einem Zwischenbericht des Verteidigungsministeriums an den Verteidigungsausschuss über den Tod eines Soldaten in Munster wirft neue Fragen auf.

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Der Soldat, der später nach einem Zusammenbruch starb, sei 150 Meter vor Erreichen der Kaserne kollabiert, heißt es in dem Bericht, angefertigt von Verteidigungs-Staatssekretär Markus Grübel. Das Multiorganversagen des Mannes hat nach Angaben der Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit einer Sepsis gestanden, auch Blutvergiftung genannt. Dabei gerät eine Entzündung außer Kontrolle und die körpereigene Abwehr schädigt das eigene Gewebe. "Wie es dazu kommen konnte, müssen weitere rechtsmedizinische Folgeuntersuchungen zeigen", sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Donnerstag. Die Behörde ermittelt nun gegen Unbekannt sowohl wegen fahrlässiger Tötung als auch fahrlässiger Körperverletzung. Zwei Ermittlungsgruppen der Bundeswehr untersuchen den Fall ebenfalls.

Schikane oder erzieherische Maßnahme?

Bundeswehr und Verteidigungsministerium betonen unterdessen, dass ein solches Vorgehen der Ausbilder keine Schikane, sondern eine nicht unübliche erzieherische Maßnahme sei. Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels (SPD), kritisierte gegenüber NDR 1 Niedersachsen das Vorgehen der Ausbilder. Wenn er gefragt würde, ob er an einem heißen Sommertag solche Zusatzbelastungen für Soldaten empfehlen würde, die erst zwei Wochen dabei sind, würde er mit "nein" antworten.

Mehrere Zusammenbrüche, Verletzungen an den Knien

Aus der Befragung von Teilnehmern erfuhr ein Untersuchungsteam, dass auch eine Soldatin ein Mal während des Zusatzmarsches zur Kaserne und zwei Mal während des regulären Eingewöhnungsmarsches "kurzzeitig benommen und nicht ansprechbar" gewesen sei, heißt es im Bericht. Sie habe den Marsch allerdings auf eigenen Wunsch fortgesetzt und beendet. Ein weiterer Soldat brach vor dem Ende des regulären Eingewöhnungsmarsches zusammen. Nach einer Erstversorgung und einer Verlegung per Rettungshubschrauber ins Bundeswehrkrankenhaus nach Hamburg ist er "leider immer noch in kritischem Zustand", berichtet die Bundeswehr dem Ausschuss. Zwei weitere Soldaten hätten ebenfalls notfallmedizinisch versorgt werden müssen.

Elf Anwärter betroffen

Fünf weitere Offiziersanwärter hätten während und nach den Märschen mit Schmerzen im Unterschenkel, mit Knieverletzungen, Bauch- und Fußschmerzen zu tun gehabt. Zwei von ihnen mussten demnach aufgrund von Verletzungen ("Sturz auf das Knie") den dritten Marsch abbrechen. Ein weiterer Offiziersanwärter sei nach dem Eingewöhnungsmarsch kurzfristig nicht ansprechbar auf einem Stuhl in der Unterkunft aufgefunden worden. Er konnte anschließend seinen Dienst wieder aufnehmen. "In Summe traten nach jetzigen Erkenntnissen bei insgesamt elf Soldatinnen/Soldaten Beschwerden zu unterschiedlichen Zeitpunkten sowie in unterschiedlichen Qualitäten auf", so Staatssekretär Grübel.

Bericht: Ausbilder verweigerten Vernehmung

Die Bundeswehrführung tappt nach eigenen Angaben bei den konkreten Ursachen für Tod und Erkrankung der Soldaten weiter im Dunkeln. "Insbesondere gibt es noch keine stichhaltige Erklärung für das Gesamtbild an Ereignissen und Auffälligkeiten dieses Ausbildungstages", schreibt Verteidigungs-Staatssekretär Grübel den Abgeordneten. Nach "Spiegel"-Informationen verweigerten mehrere der am 19. Juli eingesetzten Ausbilder eine Vernehmung, offiziell seien sie krankgeschrieben. "Bei erfahrenen Soldaten wirft das den Verdacht auf", so der "Spiegel", "dass die fraglichen Personen etwas verschweigen oder sich schützen wollen." Den zwischenzeitlich aufgekommenen Verdacht, einige Soldaten hätten zuvor Aufputschmittel eingenommen, hatte die Bundeswehr Anfang der Woche dementiert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 18.08.2017 | 11:00 Uhr

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