Stand: 30.01.2016 15:49 Uhr

Lüneburgs Senkungsteufel ist nicht zu besiegen

von Ann-Kristin Mennen

Aufgeplatzter Asphalt, verwilderte Grundstücke, Überreste von alten Bebauungen. Der Anblick des Senkungsgebiets Frommestraße ist verstörend: ein tiefes Tal mitten in der Innenstadt, weiträumig abgesperrt durch einen Eisenzaun. 85 Zentimeter - so tief ist der Boden hier allein in den letzten fünf Jahren abgesackt, seit Beginn der Messungen im Jahr 1953 sind es an manchen Stellen 2,27 Meter. Absackungen, denen bereits zwei denkmalgeschützte Häuser zum Opfer fielen. "Und es werden weitere folgen", ist sich Herbert Böller sicher. Der Bauingenieur und Statiker beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Phänomen, das die Lüneburger den Senkungsteufel nennen.

In Lüneburg, da geht die Erde runter

Wo Salz und Wasser aufeinandertreffen, entstehen Hohlräume

"Große Teile der Lüneburger Altstadt stehen auf einem Salzstock", erklärt der 75-Jährige das Problem. Dieses Salz werde durch das Grundwasser ausgespült, wodurch Hohlräume und in der Folge Absackungen des Erdreichs entstünden. Ein natürlicher Prozess, dessen Verlauf nicht vorherzusehen ist. "Mal geht es plötzlich sehr schnell, wie hier an der Frommestraße, dann wieder gibt es Zeiten, da pegeln sich die Senkungen auf einem niedrigen Niveau ein", sagt Böller.

Und dann noch ein weicher Untergrund

Nur wenige Zentimeter pro Jahr gibt der Boden derzeit an der Egersdorffstraße nahe des Lüneburger Rathauses nach. Dennoch muss hier nun ein historisches Gebäude aus dem Jahr 1830 weichen. Denn zu den Senkungen kommt erschwerend ein extrem weicher Untergrund hinzu. "Das Gebäude war nicht mehr zu retten", sagt Böller, der eigentlich mit der Sanierung des Denkmals beauftragt war.

Heike Gundermann, Stadtbaurätin Lüneburg. © NDR Fotograf: Ann-Kristin Mennen

Wo die Erde absackt, lässt sich nicht absehen

Im Untergrund Lüneburgs, knapp unter der Erde, finden chemische Lösungsprozesse statt, erläutert Stadtbaurätin Heike Gundermann. Daher gebe es keine Vorhersagen zu neuen Senkungen.

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Ganz wichtig: behutsam vorgehen

Nachdem die Stadt nun dem aufwendigen Abrisskonzept zugestimmt hat, sollen die Abbrucharbeiten Anfang der Woche beginnen. "Ein Bagger wird stück- und scheibchenweise von oben nach unten das Gebäude abtragen", erklärt Böller. Ein unkontrollierter Abriss müsse dabei unbedingt vermieden werden. Denn das Gebäude befindet sich mitten in der Innenstadt an einer belebten Straße. Auch könnten Erschütterungen die benachbarten Gebäude im Senkungsgebiet beschädigen.

Das Problem wird bleiben

Nur wenige Hundert Meter von dem Abrisshaus entfernt steht eines der Häuser, das Herbert Böller bereits in den 70er-Jahren vor dem Abriss bewahrte. "Damals wurden wir für unsere Bemühungen noch ausgelacht, da hat man einfach abgerissen und neu gebaut." Doch das änderte sich in den Achtzigern. Mittlerweile werden viele Gebäude in den Lüneburger Senkungsgebieten aufwendig gesichert - mit Hilfe einer Neugründung, einem Stahl-Beton-Fundament, das unter das betroffene Haus geschoben wird. "Mit so einer Neugründung können die Gebäude noch 100 Jahre überstehen", so Böller. Ob sie damit endgültig gerettet sind, das kann auch der Senkungsexperte nicht sagen. Fest steht für ihn nur: So unberechenbar der Lüneburger Senkungsteufel ist, so sicher ist, dass er bleiben wird: "Das Problem wird Lüneburg immer begleiten."

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