Stand: 20.01.2016 17:00 Uhr

Krebsfälle in Bothel: Hilferuf von 200 Ärzten

In der Diskussion um eine mögliche Gesundheitsgefährdung durch Fracking haben sich zahlreiche Mediziner aus dem Landkreis Rotenburg (Wümme) mit einem besorgniserregenden Appell zu Wort gemeldet. In einem offenen Brief an die niedersächsische Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) weisen sie auf die erhöhte Krebsrate in der Region hin und fordern eine rasche Untersuchung der Ursachen. Am Mittwoch wurde der Brief auf einer Pressekonferenz im Diakoniekrankenhaus Rotenburg vorgestellt. Ursprünglich wollten die Ärzte Rundt das Schreiben persönlich überreichen. Die Ministerin habe sich jedoch trotz mehrfacher Bitten geweigert, einen Termin zu vereinbaren, sagte der Rotenburger Umweltmediziner Paul Matthias Bantz.

Der Brief als Download

Offener Brief an Ministerin Rundt

In einem offenen Brief an Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) weisen 200 Ärzte auf die erhöhte Krebsrate in der Region hin und fordern eine rasche Untersuchung. Download (50 KB)

"Handeln Sie jetzt, Frau Rundt!"

"Wir wenden uns jetzt mit der dringenden Bitte an Sie, die Ursachenforschung durch die rasche Bereitstellung ausreichender finanzieller Mittel für die unbedingt notwendigen wissenschaftlichen Untersuchungen sicherzustellen", heißt es in dem Schreiben der Ärzte an Rundt. Die Ursache für die Häufung der Krebserkrankungen sei bisher nicht bekannt, deshalb herrsche in der Bevölkerung des Landkreises große Beunruhigung. Die Mediziner weisen zudem darauf hin, dass der Staat nach EU-Vorgaben eine Vorsorgepflicht gegenüber den Bürgern habe. Daher der Appell an die Ministerin: "Handeln Sie jetzt, damit die Ursachen gefunden und behoben werden können."

Krebsrate in Bothel deutlich erhöht

Bereits seit Längerem ist bekannt, dass in der Samtgemeinde Bothel überdurchschnittlich viele Krebserkrankungen auftreten. Dem Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen (EKN) zufolge sind in den Jahren 2003 bis 2012 41 Männer aus Bothel an Blut- und Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Damit sei die Zahl in der Kommune "statistisch deutlich erhöht". Normal wären in diesem Zeitraum 21 Erkrankungen gewesen, sagte Joachim Kieschke, ärztlicher Leiter der Registrierungsstelle des EKN in Rotenburg.

Anstieg auch in weiteren Gemeinden

Eine weiterführende Untersuchung ergab, dass nicht nur Bothel, sondern auch umliegende Gemeinden betroffen sind. Vor allem in der Stadt Rotenburg gibt es auffällige Ergebnisse: Hier liegt die Krebsrate bei älteren Männern über 60 Jahren rund 30 Prozent über dem Durchschnitt. Außerdem handelt es sich wie in der Gemeinde Bothel in den meisten Fällen um eine spezielle Blutkrebsform. Etwas geringer ist der Anstieg in Kirchlinteln, Langwedel und Sottrum, wo die Experten einen Anstieg von rund zehn Prozent festgestellt haben. Das Gesundheitsamt des Landkreises geht deshalb davon aus, dass der Grund für die Krebserkrankungen in Bothel zu finden sein muss.

Fragebögen sollen bei Ursachenforschung helfen

Ein direkter Zusammenhang mit der Erdgasförderung wird von offizieller Seite bisher allerdings nicht ausgesprochen - trotz des Einsatzes giftiger Chemikalien, die als krebserregend gelten. Der Landkreis Rotenburg wertet noch immer Tausende Fragebögen aus, die an die Einwohner der Samtgemeinde Bothel geschickt wurden. Diese sollten Auskunft darüber geben, wo sie wohnen und arbeiten, wie ihre Lebensgewohnheiten aussehen und welche Krebserkrankungen es in der Familie gibt. Diese Form der gehäuft aufgetretenen Blutkrebserkrankung kann nämlich vererbt werden, auch familiäre Gründe sind somit nicht gänzlich auszuschließen. Die Unterzeichner des offenen Briefes wollen endlich Klarheit und fordern deshalb vom Land finanzielle und personelle Unterstützung für die Ursachenforschung.

Weitere Informationen
mit Video

Nach Krebsfällen: Böden in Bothel werden geprüft

Das Landesbergbauamt lässt seit Montag Böden rund um Erdgasförderstellen in Niedersachsen auf Schadstoffe untersuchen. Die ersten sieben Proben wurden im Landkreis Rotenburg genommen. (27.07.2015) mehr

Krebsfälle in Bothel: Befragung hat begonnen

Wegen der auffällig hohen Leukämierate in Bothel werden seit Sonnabend Fragebögen verschickt. Sie sollen Hinweise auf mögliche Belastungen an Arbeitsstätten oder Wohnorten bringen. (22.11.2014) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 20.01.2016 | 17:00 Uhr